Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Kunstgeschichtliches.

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man an der Hauptkirche und an vielen Palästen in
Florenz, weshalb denn auch dieser Stil der florenti-
nische genannt wird; es ist die mittelalterliche Kraft,
verbundenmit römischerFensterarchitektur und Renaissance-
Beiwerk. Dieser Streit ging jedoch vorbei; man studirte
die Regeln der römischen Baukunst, indessen gingen
Geist und Leben verloren in sklavischer Nachfolge."

„Jn dem aus diese Weise entstandenen Stile sind,
besonders zur Zeit seiner höchsten Blnthe in Jtalien,
durch Meister wie Bramante, Michelangelo, Rafsael,
Peruzzi, Palladio, Sansovino Prachtgebäude gestistet
worden, die noch heute mit Recht bewundert werden;
wir nennen hier die Bibliothek San Maria zu Venedig
(8io!), die Kirche il Redentore daselbst, den Palast Pitti
zu Florenz, das Jnnere der Peterskirche und den Vati-
kan zu Rom; während dessen können in dieser Zeit-
periode im übrigen Europa nur wenige hervorragende
Baudenkmäler angeführt werden, wie die Tuilerien zu
Paris und die Paulskirche zu London." (Wörtlich
übersetzt.)

Als letztes Pröbchen dieser holländischen Bauge-
schichtsschreibung darf ich wohl noch ansühren, was der
große Unbekannte über die moderne Baukunst in Dentsch-
land sagt. Er sprach von der napoleonischen Bauweise
und fährt dann fort, Seite 66:

„Jndessen war eine neue Richtung entstanden, und
in der Friedenszeit, welche den kriegerischen ersten Iahren
unseres Iahrhunderts folgte, entwickelte sich auf allen
Gebieten der bildenden Künste ein neues Leben. Deutsch-
land war darin nicht zurückgeblieben; hatte es Kunst-
kenner und Kunstkritiker gehabt, wie Winckelmann,
Lessing, Herder, Goethe und Jean Paul, welche srüher
schon den Samen des guten Geschmacks ausgestreut
hatten, seine Bestrebungen sollken Früchte heranreifen
sehen. Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III.
und der von Bayern, Ludwig, waren kräflige Beförderer,
Karl Friedrich Schinkel und Leo von Klenze Ausübende
der Kunst von Geschmack, die nicht blos durch das
Bauen verschiedener Prachtwerke, sondern auch durch die
Wiederbelebung der theoretischen und praktischen Bau-
kunde, sowie durch die Ausbildung einer großen Menge
von Kunstjüngern sich Verdienste erworben haben. Nicht
vergessen darf man anch, daß auch verschiedene Kunst-
kenner der Ersorschung der Kunstprodukte aus früheren
Zeiten sich zuwendeten, so Stieglitz und Puttrich in
Sachsen, Moller und Boisserse am Rhein. Heideloff
baute mehr denn 60 gothische Kirchen in ganz Dentsch-
land, und ihm jolgten Ohlmüller in München, Lassaulx
in Coblenz, Haase in Hannover und Ungewitter in
Kassel und viele andere, vor Allem von Zwirner in
Köln, welcher an dem herrlichen Dom arbeitete. Während
die genannten Architekten vor Allem den gothischen Stil
pflegten, gab es Andere, welche sich den verschiedenen

Zweigen der altchristlichen Stile widmeten. Der kunst-
liebende König Ludwig von Bayern versammelte in
seiner Hauptstadt eine Menge von Architekten, durch
deren Wirken München zum Sammelplatz einer Menge
prächtiger Gebäude wurde, unter welchen wir vor Allem
die Gärtner's Genius entsprungene Lndwigskirche nicht
vergessen dürfen. Auch die andern Baustile wurden nicht
vernachlässigt; der schon genannte Schinkel, Persius und
Soller und Andere strebten danach, den griechischen Stil
wieder zu Ehren zu bringen, während eine andere Richtung,
und darunter der zu früh verstorbene Otlmer in Braun-
schweig und Semper in Dresden, der römischen Renais-
sance ihre Kräste weiht." Was müssen sich die Holländer
für ein Bild von deutscher Baukunst um's Jahr 1875
machen nach diesem Buche! Die Hijllsuävigeni^ sollten
solchen Produktionen entgegen arbeiten. II. 0.

Kunstgeschichtliches.

Ueber den Capitolinischen Iupitertempel schreibt der
Deutsche Reichs-Anzeiger: „Cine wichtige und viel erörterte
Streitfrage der Topographie des alten Rom hat in neuester
Zeit durch zufällige Entdeckungen ihre endgiltige Erledigung
gefunden: die Frage nach der Lage des Capitolinifchen Jupiter-
tempels. Die deutschen Forscher waren von jeher überwiegend
der Meinung, daß das Capitolium im engern Sinne mit
dem Jupitertempel und dem tarpejifchen Felsen auf dem süd-
weftlichen Gipfel des Capitolinischen Hügels zu suchen sei, der
Höhe des Palastes Casfarelli, welche gegenwärtig sast ganz
im Besitz der deutschen Botschaft ist und kürzlich durch den
stattlichen Neubau des deutschen archäologischen Jnstituts eine
neue Zierde erhalten hat. Die umgekehrte Ansicht wurde
von italienischer Seite, namentlich von Canina, und gegen-
wärtig von dem Direktor der römischen Ausgrabungen, dem
Senator Rosa, vertreten. Der wichtigste — und entschei-
dende — Beweis für die deutsche Aussassung beruht auf der
von den alten Schriftstellern stets hervorgehobenen Verbin-
dung des Jupitertempels mit dem tarpejischen Felsen und
des tarpejischen Felsens mit dem durch Manlius abgeschla-
genenen Angrisf der Gallier auf das Capitol. Jndeß der
bald weitere bald engere Gebrauch der Namen „Burg" und
„Capitol" ließ eine völlig sichere Entscheidung nicht zu. Da-
her der allgemeine Wunsch, durch Ausgrabungen und Funde
Ausklärung zu erhalten. Schon im Jahre 1865 hoffte man
auf eine solche Aufklärung, da im Garten der deutschen Ge-
sandtschaft Fundamente eines antiken Gebäudes ausgegraben
wurden. Doch zeigten diese Reste keine Uebereinstimmung
mit den Angaben der Alten, namentlich des Dionps von
Halicarnaß, über den Jupitertempel Dieser sollte 200 Fuß
breit, 215 Fuß lang und nach Süden orientirt sein. Hier
schienen Fundamente eines viel kleineren und nach Südwest
orientirten Gebäudes vorzuliegen. Doch waren diese Reste
so beschasfen, daß man zweifeln durfte, ob hier ein vollstän-
diges Fundament und nicht vielleicht Fragmente aus der
Mitte desselben vorlägen. Daß in der That Letzteres der
Fall war, sollte in diesem Winter klar werden. Jm Hofe
des Konservatorenpalastes wurden Vorarbeiten gemacht für
ein provisorisches Lokal zur Ausstellung der zahlreichen, in
den letzten Jahren durch die Bauten aus dem Esquilin zu
Tage gekommenen Statuen und Statuenfragmente. Bei
dieser Gelegenheit stieß man aus ein weiteres Stück jenes
nämlichen Unterbaues, und zwar gab sich dies in unzweifel-
hafter Weise als ein Stück aus dem Rande desselben zu er-
kennen. Äuf demselben stand — größtentheils sreilich ein-
geschlossen in die Trennunasmauer zwischen dem Eigenthum
der Stadt Rom und dem oer deutschen Gesandtschaft — der
Stumpf einer kolossalen Säule, deren Durchmesser nicht unter
2,10 Meter gewesen sein kann. Es ist das Verdienst
des vortrefflichen Sekretärs der archäologischen Munizipal-
Kommission, Herrn Lauriani, mit Hilse dieser Entdeckung
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