Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Kunstliteratur.

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präsentirt; die Zeichen- und Modellirschule für Thon-
waarenindustrie in Teplitz (Leiter Fr. Laube), welche
sehr beachtenswerthe, ebenso schöne wie billige Siderolith-
waaren ausgestellt hat; die vortreffliche Schule und Lehr-
werkstätte sür Holzschnitzerei, Tischlerei und Drechslerei
in Grulich (Leiter W. Schmidt); die Drechslerschule
in Haindors (Lehrer I. Heinlein). — Aus Mährcn
sind hervorzuheben: die reich und schön vertretene Fach-
schule sür Thonindustrie in Znaim (Prof. A. Sterz),
deren Aufgabe vorzugsweise in der Verbesserung der
gewöhnlichen Gebrauchsgeschirre in Steingut zu suchen
sein dürfte; serner die Fachschule für Kunsttischlerei und
Holzschnitzerei in Walachisch-Meseritsch (Leiter K. Th.
Fridrich), deren Bestimmung es ist, in diesem Grenz-
gebiete zwischen Ungarn und Mähren ein industrielles
Leben hervorzurnfen. — Aus Steiermark sei die von
A. Ortwein geleitete Kunstgewerbeschule in Graz, und
aus Kärnthen die ausgezeichnete Fachschule für Holz-
schnitzerei in Gmünd (Lehrer C. Schellhorn) nam-
haft gemacht. — Endlich darf nicht unerwähnt bleiben,
daß gleichzeitig mit dieser Fachschulausstellung anch die
Kunstgewerbeschule des Oesterreichischen Museums eine
Ausstellung von Schülerarbeiten in ihren Sälen ver-
anstaltet hat. Hier hat man die Mutteranstalt aller
dieser Zweigschulen vor sich nnd erhält ein neues er-
freuliches Bild von dem einheitlichen und vorwärtsstre-
benden Geist und den glänzenden Ersolgen dieses Muster-
instituts.

Fassen wir das Beobachtete zusammen, so ist offen-
bar der angestrebte Zweck im Wesentlichen als erreicht
zu betrachten: d. h. es ist in den Kronländern der
österreichischen Monarchie auf den mannigfachsten Ge-
bieten des Kunstgewerbes eine Bewegung hervorgerufen,
deren Tragweite jedem Denkenden in die Augen springen
muß. Die Mühe, die es gekostet hat, alle diese Schulen
in so kurzer Zeit zu gründen, mit Lehrmitteln zu ver-
sehen rc., läßt sich ermessen. Die Schwierigkeiten eigener
Art, die nicht so aus der Oberfläche liegen, sind ferner
die, daß es sich hier nm Ueberwindung von mannig-
fachen Vorurtheilen und kleinbürgerlichen Anschauungen
der Lokalbehörden, Stadt- und Landesbehörden handelte,
welche oft nicht einsehen, daß die Produktionszweige,
deren Hebung angestrebt wird, nicht für den Lokalkonsum
bestimmt, sondern Dinge sind, welche dieWelt braucht,
und an deren Herstellung daher auch der Maßstab des
Weltverkehrs angelegt werden muß. Das ist es
eben, was die Franzosen so meisterhaft verstehen: ihrer
Jndustrie ein Gepräge zu verleihen, wodurch sie zur
Beherrschung des Weltmarktes fähig und zu einer Haupt-
quelle des nationalen Reichthums gemacht wird.

Das ist es nun aber auch, was in erster Linie
Deutschland endlich ernsthaft bedenken sollte, wenn
es wirklich daran geht, seine Kunstindustrie auf eine

höhere Stufe zu heben. Es nützr nichts, daß man Na-
tionalmuseen gründet und in denselben alle möglichen
Schätze der Vergangenheit aufspeichert, wenn man nicht
zugleich daraus Ledacht ist, dieselben mit einer
kunstgewerblichen Lehranstalt in unmittelbare
Verbindung zu bringen. An einem solchen Konnex
sehlt es z. B. in München gänzlich. — Dazu gehört
serner auch eine bessere Einsicht der Fabrikanten,
welche in Deutschland immer noch viel zu wenig Ka-
pital darauf verwenden, die Waare künstlerisch besser zu
machen. Die Franzosen suchen sich die besten Künstler
aus zu Musterzeichnern, Modelleuren u. s. w., zahlen sie
tresflich und, erreichen dadurch ichr Ziel. Uusere Herren
dagegen knausern mit dem ihnen zur Verfügung stehenden
künstlerischen Kapital. So kommt es, daß die deutsche
Jndustrie in Hinsicht auf Geschmack und Schönheit, —
aller theoretischen besseren Einsicht, die man auch dort
gewonnen, ungeachtet, — faktisch immer noch auf einer
tiefen Stufe steht und deßhalb aus dem Weltmarkte
mehr und mehr Terrain an die Franzosen verliert. Die
Ausfuhr sranzösischer Luxus- und Mode-Waaren ist nie
stärker gewesen als heute, ein Lustrum nach Sedan!
Deutschlands Handelsbilanz redet von dieser traurigen
Sachlage in nur allzu vernehmlichen Worten. Wenn
es so fortgeht, werden die Milliarden, die das deutsche
Schwert erkämpft, von dem französischen Geschmack bald
wieder zurückerobert sein.

Der mächtigste Hebel, um dieser Gefahr entgegen
zu wirken, ist die Verbesserung des gewerblichen
Unterrichts; den einzigen Weg, der zu betreten ist,
hat uns Oesterreich mit der oben geschilderten Resorm
seiner Schulen vorgezeichnet. Mögen, so wiederholen
wir, alle diejenigen, welche es angeht, dieser Reform
sich anschließen, mögen vor Allen unsere deutschen Staats-
männer und Nationalökonomen die Lehren, die sie aus
dem Studium der Wiener Schulausstellung ziehen köunen,
nicht unbeachtet und uubenutzt lassen! U. U.

kunstlilcratur.

^ Viollet-Le-Duc's zweites großes Werk, das „viotiou-
uuiro raisouuö äu ruobilior Ir3.uy3.i8 äo l'opoquo ourloviu-
^iouuo ä 1u reug.i883.uo6" ist mit dem kürzlich erschienenen
3. Hefte des VI. Bandes nun auch vollendet, und Verfasser
wie Verleger können auf dieses neue Denkmal ihrer uner-
müdlichen Thätigkeit, in welchem sich Fleiß, Gelehrsamkeit
und der edelste Geschmack in der typographischen Slusstattung
die Hände reichen, mit gerechtem Stolze zurückblicken. Die
Firma Morel giebt dieser Empfindung denn auch einen ver-
ständlichen AuSdruck, indem sie den Lesern bei Versendung
des Schlußheftes kund thut, daß der Preis des gesammten
Werkes von jetzt an auf 300 Frcs. angesetzt sei, und Jeder-
mann auffordert, sich die etwa fehlenden Lieferungen recht-
zeitig nachzuschasfen. Einzelne Bände können bis zum 31. De-
zember noch um 50 Frcs. bezogen werden. Später kostet
der Band 7Ü Frcs. Diese Zahlen bedürsen keines weiteren
Kommentars!
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