Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Kunsthandel. — Nekrologe.

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Frl. Sara Bernhardt, die viel Besprochene und
Porträtirte, hat auch Hand an's Werk gelegt und
eine Arbeit gemeißelt, die mit Recht eine Medaille da-
vontrug. Die Gruppe trägt den bezeichnenden Titel:
„Nach dem Sturm". Es ist eine Fischerssrau, welche
die Leiche eines Knaben, wahrscheinlich eines der Jhrigen,
auf dem Schooße hält. Die Attribute des Handwerks,
das seinen Mann nicht nur ernähren, aber auch verderben
kann, liegen zerstreut zu den Füßen der armen Mutter.
Es ist mehr Gefühl als Kunst in dieser Gruppe, ein
feines, echt weibliches Bildwerk.

Noch giebt es in der plastischen Abtheilung eine
ganz ansehnliche Zahl Porträtbüsten, die meistens auf
Bestellung gemacht wurden und daher lediglich ein
Familieninteresse haben. Man sucht heuer vergebens
nach einer gewisfermaßen hervorragenden Persönlichkeit,
wie man sie voriges Jahr entdeckte. Weder die Macht
des Künstlers, noch die Originalität eines Porträtirten
ist im Stande, den Vorübergehenden zu fesseln. Warum
denn auch? Wer die Mittel hat, läßt sich lieber in
Oel malen und die Bildhauer erhalten die Abfälle. Doch
Geduld, wenn sich Alles wird haben malen lassen und
der Selbstkultus noch nicht erschöpft ist, wird man schon
zu den Bildhauern Zuflucht nehmen! Dann wird auf
diesem Terrain die nämliche Rührigkeit herrschen, wie
heute bei den Malern im Porträtfache. Bis dahin muß
man sich mit den kommerciellen Bestellungen begnügen.

Paul Dubois hat mit seinen beiden, für das Grab-
mal des General Lamoriciäre bestimmten Figuren die
erste Medaille davongetragen. Hr.Dubois ist der Schöpfer
jener reizenden ausdrucksvollen Statuette des sloren-
tinischen Sängers, die sich, in's Unendliche in Bronze
reproducirt, neben ihrem künstlerischen auch eines riesigen
industriellen Erfolges erfreute. Die Gruppen, die das
Grab des Besiegten von Castelfidardo schmückeu sollen,
stellen die christliche Nächstenliebe und den militärischen
Muth dar. Beide Allegorien sind srei in weißem Marmor
gearbeitet. Eine ihren in den Windeln ruhenden zwei
Kindern hold zulächelnde junge Mutter mit einem poetisch-
melancholischen Gesichte symbolisirt die Nächstenliebe; den
militärischen Muth versinnlicht ein aus einer Kanone sitzen-
der muskulöser Knabe, der in den Armen einen entblößten
Degen hält. Die Ausfassung der Physiognomie des Knaben,
der sehnsuchtsvoll, aber ohne Ungeduld, den Moment des
Losschlagens abwartet, ist viel glücklicher als die Ver-
sinnlichung der Nächstenliebe, die viel zu vage ist und
eher die Mutterliebe repräsentirt. Man will als Vorbild
des Knaben, der den militärischen Muth vorstellt, den
Lorenzo Medici des Michelangelo entdeckt haben — nun
möglich ist es schon, daß Hr. Dubois sich dieses Vorbild
gewählt hat, aber in diesem Fall entsprach die Aus-
führung des Meißels dem Gedanken des Meisters nicht
— der Lorenzo des großen Jtalieners ist in Gedanken

vertieft, aus welchen ihn Nichts emporscheucht — der
Knabe spitzt das Ohr, ob ihn die Trommel recht balv
zur Schlacht rufen wird. Dann Adieu Schwärmerei, die
blutige Arbeit kann beginnen!

Der „Christus im Grabe" von Marquet de
Vasselot ist eine bedeutende künstlerische Leistung —
wenn man die Arbeit an und für sich betrachtet. Von
einem andern Standpunkte jedoch rügt man mit Recht
die unwahrscheinliche Positur und den falschen Gesichts-
ausdruck des Gekreuzigten, der wie ein in der Schlacht
gefallenerKönig daliegt. DerOrestes des Hrn.Hugoulin
ist der Triumph der Mittelmäßigkeit. Er beweist, daß
die Jury, welche dem Verfasser eine Auszeichnung gönnte
-— eine dritte Medaille — sich von dem Protektions-
wesen noch immer nicht losgesagt hat.

Die „Maske" des Herrn Ernest Christophe,
eines Veteranen der Ausstellungen, zeigt, wie mächtig das
Gesetz der Kontraste, wenn es durch eine geschickte Hand
gehandhabt wird, zu wirken im Stande ist. Ein Frauen-
zimmer — antik drapirt — irgend eine Komödiantin,
zeigt unter der lächelnden liebäugelnden Maske, die sie
soeben gelüftet hat, ein von Schmerz und Verzweiflung
durchsurchtes Gesicht. Der Kontrast ves Ausdruckes dehnt
sich vom Antlitz der Komödiantin anf deren Körper aus;
man sühlt, daß die Gliedmaßen unter der Robe von
den nämlichen Gefühlen erregt zittern, die das Gesicht
verunstalten. Der ausgezeichnete Künstler, der, wie es
ihm sein Freund Castagnary prophezeit, nunmehr unter
dem Titel „I'uutsur cku iuu8<pus" klassificirt werden
wird, hat kein Detail der Ausführung vernachlässigt
und seinem künstkerischen Sinn steht eine gründliche
anatomisch-technische Fertigkeit zu Gebote.

Paul d'Abrest.

Lunsthandel.

Die photographische Verlagsanstalt von I. Nöhring in

Lübeck, deren Äufnahmen alter Gemälde nach den Originalen
zu den besten Leistungen dieser Art gehören, hat neuerdings
eine Reihe von Gemälden der Münchener Pinakothek
publicirt und ist damit einem von vielen Kunstfreunden lüngst
gehegten Wunsche entgegen gekommen. Unter den 18 Blättern
der Sammlung sind namentlich A. van Dyck und Rubens
durch einige ihrer vorzüglichsten Schöpsungen vertreten, ferner
Raffael, Francia, Tizian rc. Leider haben sich der Durch-
sührung des Unternehmens, welches auf etwa 100 Blätter
berechnet war, von Seiten der Verwaltung der k. Samm-
lungen Hindernisse entgegengestellt, indem neuerdings der
Firma Franz Hanfstängl in München das ausschließliche Recht
der photographischen Vervielfältigung übertragen wurde. Ein
vollständiger Katalog des gesammten Nühring'schen Verlages
wird demnächst erscheinen.

ttekrologe.

L. Adolf Tidemand, der ausgezeichnete norwegische
Genremaler„ ist in Christiania nach längern Leiden in der
Nacht vom 24. zum 25. Äugust 1876 sanft entschlafen. Wie
jedes Jahr, hatte er sich auch in diesem Frühling aus Düssel-
dorf, wo er seit etwa dreißig Jahren lebte, nach Norwegen
begeben. Diesmal aber sollte er nicht wieder zurückkehren.
Kaum von einer schweren Krankheit scheinbar hergestellt, raffte
ihn der Tod hinweg. Wir kommen auf den trefflichen
^ Meister eingehend zurück.
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