Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Die Karlsruher Kunstschule.

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Unser Kunstgewerbe von hente hat im Großen und
Ganzen noch manches Lehrjahr durchzumachen. Wir
haben das in Paris und Wien einsehen gelernt und
keinen Grund, uns dessen zu schämen. Wie wir aber
^ lernen sollen, das zeigen uns die Ausstellungen ver deut-
^ schen Kunstschulen, und die sind vielleicht unser schwäch-
ster Punkt und werden es so lange sein, als man sich
in deutschen Landen über gewisse Grundbegriffe noch
nichts weniger als klar geworden ist. Vor Allem sehlt
es an einer organischen Verbindung der Kunstgewerbe-
schulen mit entsprechenden Sammluugen, ganz davon zu
schweigen, daß ganze große Gebiete des deutschen Rei-
ches und Deutsch-Oesterreichs nicht blos ohne Museen,
sondern auch ohne Kunstschulen sind. Anch das wird
besser werden, wie es schon viel besser geworden ist.

Und alle Bedenken, die sich uns stellenweise auf-
drängen, sie können unsere Freude über ein wahrhaft
nationales Werk nicht schmälern, über dessen Gelingen
alle Stimmen einig sind. C. A. Regnct.

Die Karlsruher Kunßschnle.

Karlsruhe, 1. Juni t876.

Durch Beschluß der Kammern wurden die für die
Kunstschule, welche die Munisicenz des Großherzogs
Friedrich von Baden in das Leben gerufen und 20
Jahre lang aus Mitteln der Civilliste dotirt hatte,
geforderten Mittel auf das Staatsbudget übernommen,
und damit die Schule selbst unter die Oberleitnng des
großh. Ministeriums des Jnnern gestellt. Kurz vorher
war an die Spitze der Anstalt als Direktor I. W.
Riefstahl getreten, der ihr als Professor schon früher
angehört hatte, bevor er, mn einen längeren Aufenthalt
in Jtalien zn nehmen, ans dem Lehrkörper ausgeschieden
war. Seine erste, sehr glückliche Handlung als Direktor
war die Berufung Ernst Hildebrandt's als Nach-
folger Gussow's, der mit seinen Schülern, nachdem er
nur kurze Zeit hier gewirkt hatte, nach Berlin gegangen
war. Hildebrandt, als tüchtiger Zeichner und feiner
Kolorist in ganz hervorragender Weise zum Lehrer ge-
eigenschastet, leitet eine Malklasfe, während die andere
Malklasse und der Aktsaal Ferdinand Keller unter-
steht, der sich durch seine virtuose Behandlung der Farbe
und sein seltenes Talent sür große dekorative Anfgaben
auszeichnet. Die religiöse Malerei vertritt L. des
Coudres, der schon uuter Schirmer's Leitung der
Anstalt als Lehrer angehörte, die Landschaftsmalerei
Hans Gude, desfen Gemälde der norwegischen Küsten
und Hochgebirge auf allen großen Ausstellungen die all-
gemeine Bewunderung erregt haben. Als Lehrer der
Perspektive wirkt der Jnspektor der Anstalt, der tüchtige
Landschafter E. Tenner, während Aetz- und Radir-
kunst in E. Willmann und die Bildhauerkunst in

C. Steinhäuser Vertreter haben, deren Namen zu
den bestklingenden ihrer Fächer gehören.

Außer diesen an der Kunstschule thätigen Lehrern
hat hier noch eine Anzahl hervorragender Künstler ihren
Wohnsitz, deren Rath und Beispiel den Kunstschülern
ebenfalls zu Gute kommt. Wenn wir den Direktor der
Gemäldegalerie C. F. Lessing in erster Reihe nennen,
so bedarf es eben nur der Nennung dieses hochgefeierten
Namens, um die Bedeutung auch der örtlichen Wirk-
samkeit dieses großen Künstlers hervorzuheben, dessen
gastliches Haus zudem allen Kunstgenossen und Kunst-
freunden zu anregendem Verkehr seine Pforten öffnet.
An der polhtechnischen Schule ist der Historienmaler
Aug. Vischer, der Landschafter H. Knorr und der
feine und virtuose Aquarellmaler Krabbes thätig.
Der Schweizer Füßli, früher in München, hat
hier seit mehreren Jahren seinen Wohnsitz nnd stellt,
von seinen häufigen Reisen zurückgekehrt, hier seine
Bilder aus, Porträts und Kopien nach italienischen
Meistern, die stets in hohem Grade bewundert werden.
Ein einheimischer Maler ist W. Klose, der mit Vor-
liebe nnd Glück stilvolle Landschaften zu malen pflegt;
ebenfalls durch ihre Geburt gehören die Bildhauer
Moest und Volz dem badischen Lande an, der erstere
der glückliche Sieger in der Konkurrenz um das in Frei-
burg entstehende Siegesdenkmal des XIV. Armeekorps,
der zweite, ein noch jüngerer Mann, früher Architekt,
dem das hier zu errichtende Kriegerdenkmal zur Aus-
führung übertragen ist. Als vielbeschästigter Fresko-
maler ist noch Gleichauf zu nennen. Von den jüngeren
Kräften der Kunstschule dürfen als bereits erprobt
Eugen Bracht, A. v. Waldenburg und H. Götz
genannt werden.

Ausgezeichneten Lehrkräften steht eine Reihe von
anderen Vorzügen zur Seite, um Karlsruhe zu einem
für junge Künstler sehr angenehmen und vortheilhaften
Aufenthalte zu machen. Die Lehr- und Arbeitsräume
sind wohlgelegen und geräumig, alle Apparate sür das
künstlerische Studium sind in großer Vollständigkeit vor-
handen, stehen Lehrern wie Schülern zur Verfügung und
sind auch solchen Künstlern zugänglich, welche, ohne der
Schule anzugehören, gegen billigen Miethzins in den
Gebäuden der Anstalt ihre Ateliers haben. Ein male-
rischer kleiner Park, der sich an die Schulgebäude an-
schließt, gestattet, Landschaftliches und Figuren nach der
Natur im Freien zu arbeiten, und bietet somit eine höchst
praktische Vorübung für die Studienreisen. Auch für
diese selbst eignet sich die nähere und weitere Umgebung
der Stadt vorzüglich. Der Landschaster findet im
Schwarzwald sowie in der in wenigen Stunden zu er-
reichenden Schweiz, der Architekt im nahen Kloster Maul-
bronn und in den alten Städten Württembergs und des
Elsasses, der Genremaler ringsum, wo sich moderne
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