Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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I

XI. Jahrgang.

Sciträge

sind anvr. C. V. Lüssvw

25) od. andie Verlagss).
(sLeipzig, Königsstr. 3),

26. Mai

Nr. 33.
Inscrate

Mal gespaltcne Petitzeile

>»78.

Bciblatt zur Zeitschrist siir bildendc Kunst.

Dies Blatt, jede Woche am Freitag erscheinend, erhalten die Abonnenten der „Zeitschrift firr bildende Kunst" gratib; für sich allein bczogen
kostet der Zahrgang 9 Mark sowohl im Buchhandel wie auch bei den deutschen und vsterreichischen Postanstalten.

Jnhalt: Der Salon von 1676. I. — Die Jahres-Ausstellung im Wiener Künstlerhause. II. — Münchener Kunstverein; Die kunsthistorische Ausstellung in
Köln. — Leipziger Kupferstichauktion. — Zeitschrtften. — Auktions-Kataloge. — Jnserate.

Der -Zalon von 1876.

i.

Der Katalog der heurigen Pariser Kunstausstellung
weist im Ganzen 4033 Nummern auf. Davon falleu
mehr als die Hälfte, 2095, aus die Malerei, 630 auf
die Skulptur und der Rest auf das Gemisch von Zeich-
uungen, Radirungen, Aquarellen u. s. w. Mau sieht
also schon, wenn man den violetten Band betracktet,
dessen Umfang immer respektabler wird, daß in den
französischen Ateliers mit Dampfkraft gearbeitet wird.
Und diese Produktionen im Palais de l'Jndustrie sind
bei Leibe nicht die alleinigen Zeugen der fieberhaften
Hast, die sich seit einer Reihe von Iahren unserer Maler
bemächtigt hat. Da giebt es neben der offiziellen Aus-
stellung im Palais de l'Jndustrie die Epposition der
„Jmpressionisten" oder der „Jntransigenten", wie man
sie auch nennt, dann die „llixpomtion äo8 i'6fu868", das
Stelldichein der Abgewiesenen, ohne die Privatausstellun-
gen der Malcontenten hinzuzurechnen, die, dem Beispiel
Manet's folgend, bereit sind, ihre Ateliers dem Publikum
zu öfsnen, um Xloiwiom- lout 1o Xlouä6 zum Richter
anzurusen zwischen sich und den Jurors.

Doch halten wir uns an die offizielle Ausstellung;
ist es ja mit dieser wahrlich genug! Schreiten wir rasch
durch die 24 Säle der Malerei, durch den breiten der
Skulptur gewidmeten Gartenraum mit den sprudelnden
Brunnen und dem anmuthigen bunten Arrangement, und
wenn es uns nachher im Kopfe nicht zu stark hämmert,
so beschließen wir die Rundreise auf den Galerien,
welche die verschiedenen Sorten des künstlerischen Klein-
geldes enthalten, die Aquarelle, Zeichnungen, Radiruugen,

Kupferstiche u. s. w. Aber hüten wir uns auf diesem
Gange vor Zerstreuungen — an solchen ist namentlich
an schönen Sommernachmittagen kein Mangel! Die
ganze Pariser Gesellschaft drängt sich in den Sälen des
Jndustriepalastes. Mag auch die Kunstliebhaberei einer
der hauptsächlichsten Beweggründe sein, welche die Menge
herbeiführen, so ist dieser Dilettantismus doch nicht der
ausschließliche Magnet. Man kommt sehr viel auch
um sich sehen zu lassen, selbstverständlich die Damen,
um ihre eigenen Frühlingstoiletten zu exponiren und
die anderer zu bekritteln. Man läßt in angenehmster
Weise die Wahrheit aus Fleisch und Blut mit den ge-
malten Wahrheiten konkurriren, und der Wettkampf fällt
nicht selten zu Gunsteu der Wirklichkeit aus. Es ist
hier das großartige Vorzimmer der Bois-Promenade, der
Nachmittagssalon der vornehmen Welt, der Anziehungs-
punkt für alle diejenigen, welche diese Welt gern kennen
lernen möchten und dieser nur aus neutralem Boden
begegnen können, für zwei Stunden hindurch der so zu
sagen obligate Aufenthaltsort sämmtlicher politischen,
publizistifchen, sinanziellen und anderen Spitzen Frank-
reichs; sowie man auch nur halbwegs einige Verbindungeu
in Paris besitzt, hat es hier mit dem Hutabnehmen,
Händeschütteln u. s. w. kein Ende. Das Beste ist, die
Augen nicht von den Wänden wegzuwenden und sich nur
um das zu kümmern, was da oben zu sehen ist — ohne
den Versuchungen unten und neben sich Gehör zu leisten,
und dem Trieb der Neugierde nicht zu folgen, selbst
wenn man, wie es z. B. Jhrem Berichterstatter passirte,
plötzlich neben Herrn Thiers zu stehen kommt. Der
berühmte Staatsmaun ist ja zugleich auch einer der ge-
diegensten Kunstkeuner Frankreichs und hat seine publi-
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