Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Xl Jahrgang.

Nr. 15.

Sciträge

siud anvr. C. V. LÜtzVW

25)od.andieVerlagsll.
(Lcipzig, Königsstr. 3),

21. Zaimar

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Denkmal. — Zeitschriften. — Juserate.

Ein neues Lild von Gabriel Max.

Prag, 25. December 1875.

Jn dem Ausstellungslokal der Lehmann'schen Knnst-
handlnng ist ein neues Bild von Gabriel Max zu
sehen, der in der letzten Zeit seine Lanvsleute mehrfach
dnrch Wnnderlichkeiten überrascht hat, diesmal aber in
der Heimat mit einem Werke anftritt, das auf seiner
vollen knnstlerischen Höhe steht: Christus erweckt eine
Todte. Ein dunkles Gewölbe bildet die Scene, die
Todte liegt auf dem Lager hingestreckt, ein großes weißes
Leichentuch ist zurückgeworfen und bildet hinter und
über ihrem Oberkörper eine helle Fläche, ein Kranz von
Rosen liegt auf ihren Füßen. Christns sitzt, dunkel
gekleidet, auf dem Lager, seine Rechte hängt lässig herab,
mit der Linken hält er die rechte Hand des Mädchens
warm umschlossen. Diese beiden Figuren machen allein
das Bild aus.

Die Erweckung von Iairi Töchterlein ist ein Gegen-
stand, den moderne Realisten mehrmals gewählt haben,
wenn sie sich an biblifche Gegenstände wagten, so Gustav
Richter in einem bekannten prächtigen Bilde und
Eduard von Gebhardt in jenem empfindungsvollen
kleinen Gemälde, welches die Zeitschrist im siebenten
Jahrgange in einer Radirung mitgetheilt hat. Max
hat auf den ganzen Apparat verzichtet, den Gebhardt
verwendete: das Krankenzimmer, den Schemel mit Ar-
zeneien am Bett, das Körperchen im Sterbekleide, durch
keine Decke verhüllt, ganz starr, während das Gesicht
auflebt nnd die Augen öffnet, die zuschauenden Apostel,
deren Züge uns sagen, daß etwas ganz Außerordent-
liches und Wunderbares geschieht, die Familie an der

Thür, noch im Schmerz und schon einem ungeahnten
Ereigniß gegenüber. Dem Allen ist Map aus dem
Wege gegangen, selbst den Namen „Jairi Töchterlein"
hat er nicht genannt. Freilich hat er damit auch nicht
erreicht, daß der Beschauer wirklich erblickt, was er ihm
darstellen wollte. Das konnte Gebhardt in seiner treuen
Hingabe an die Erzählung, in seiner schlichten Innig-
keit annähernd erreichen. Jm Uebrigen wird man vor
diesem Bitde mehrsach an Gebhardt's Bestrebnngen er-
inncrt; namentlich scheint der Christns ganz zu den Ge-
stalten zn gehören, die uns bei Gebhardt entgegentreten,
freilich mehr zn sener Gattung von Charakteren, aus
denen Gebhardt seine Apostel wählt, während er seinen
Christus in weit höherem Grade dem idealen Typus zu
uähern pslegt, als es Map hier gethan hat. Ein my-
thischer Stoff kann nur mythisch behandelt werden, ein
realistischer Versuch wie dieser führt in der Kunst ebenso
in eine Sackgasse wie die rationalistische Kritik in der
Theologie. Aber einmal die Thatsache zugegeben, daß
man in dem Bilde das nicht erblickt, was der Maler
darstellen wollte, ist es warmer Anerkennnng und Be-
wundernng werth.

Der Prophet aus dem Volke sitzt in tiefster Er-
griffenheit auf dem Lager einer Todtkranken, ihr Auge
will brechen, Tod und Leben kämpfen den Entscheidungs-
kampf, er saßt ihre Hand mit solcher Kraft und Wärme,
als ob er das Leben selber festhalten wollte. Diese rein
menschliche Situation kommt ergreifend, ja großartig
zum Ausdruck; die Innigkeit und Schlichtheit der Si-
tuation, die sich im Ausdruck des Mädchens bis znm
Rührenden steigern, sind fern von allem Gesnchten oder
Süßlichen, wirken ganz ruhig und rein. Echte Meister-
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