Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Kunstliteratur.

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Kunstliteratur.

Wandtafeln zur Veranschaulichung antiken Lebens und
antiker Kunst, ausgewählt von Ed. von der Lau-
nitz. (Fortsetzung.) Tas. XVII—XIX. Die
Akropolis von Athen: Westansicht, Südansicht und
Grundriß. Verlag von Theodor Fischer in Cassel.
Gr. Fol. Text in 8°.

Wir haben kürzlich bei Gelegenheit der Besprechung
von kultnrhistorischen Wandtaseln unseren Tadel über
die mangelhaste künstlerische Ausführung derselben aus-
gesprochen und solche Publikationen für die Zwecke des
Unterrichts als untauglich erklärt. Leider sind wir
obigen Blättern gegenüber abermals in der unangenehmen
Lage, um der Sache Willen dem Künstlergrisfel eine
Strafpredigt halten zu müssen, was wir um so mehr
Ledauern, als ein auf dem Gebiete der Kuust und der
Wissenschaft so geschätzter Name, wie Launitz, als Autor
des Werkes zu betrachten ist.

Es liegt uns ferne, an Bilder, die als Lehrbehelfe
sür Schulen dienen sollen, etwa den Maßstab strengster
Kritik anzulegen und von derartigen Werken Pracht-
ausstattungen zu verlangen; die Billigkeit der Herstellung
ist ja zumeist der maßgebende Faktor für das Zustande-
kommen eines solchen Unternehmens, und wir dürfen es
weder dem Verleger noch dem Autor verargen, falls
Letzterer nicht selbst ausübender Künstler ist und Hand
an die Sache legt, wenn sie billige Kräfte zur Aus-
führung der Taseln engagiren. Dieses hat nun aber
seine Grenzen. Es wird weniger Anstoß erregen, wenn
z. B. naturgeschichtliche Objekte, geographische Bilder,
physikalische Tafeln u. dgl. nicht in vollkommen kunst-
gerechter Weise dargestellt erscheinen; bei Lehrmitteln
dagegen, welche speciell sür den ästhetischen Unterricht
bestimmt sind, muß denn doch in dieser Hinsicht eine
gewisse Rigorosität gewahrt werden. Behandelt z. B.
der Philologe oder Historiker das Zeitalter des Cimon
und Perikles bis zum peloponnesischen Kriege, wandesi
der Olhmpier Perikles in plastischen Zügen der Schil,
derung am Geiste des Schülers vorüber, hat der Zög-
ling sich mit Herodot, Sophokles und der ganzen Reihe
der Geistes-Heroen jener goldnen Epoche bekannt gemacht,
und hört er dann auch die Namen Iktinos, Mnesikles
und Phidias nennen, ihre Werke mit Begeisterung preisen
und sie als bisher unerreicht bezeichnen: was wird er
von einem Bilde, welches das Beschriebene illustriren
soll, erwarten? Und was dürsen wir fordern? Soll
das Bild nicht ebenso belehrend und in der treuen
Wiedergabe bildend sein, wie die Bearbeitungen oder
Uebersetzungen der Autoren? Jst der Lehrende bei der
Wahl der Ausgaben kritisch und wird dem Schüler nur
die beste Bearbeitung eines Dichterwerkes in die Hände
geben, — fordert es da nicht auch unsere Pflicht, mit

einer gewissen Strenge bei der Zulässigkeit von Bilder-
werken vorzugehen? Und reichen am Ende die Mittel
nicht für das Vollkommenste aus, müssen wir da nicht
zum Mindesten verlangen, daß die künstlerische Wieder-
gabe der Würde des Gegenstandes entsprechend sei?

Durch Bargus's treffliche Lithographien sind die
Parthenonskulpturen in meisterhafter Uebertragung den
Zeichensälen zugänglich geworden; in Gypsabgüssen lernt
der Studierende die Architektur-Fragmente der Denk-
mäler der Akropolis kennen, in Photographien hat er
die Ruinen von heute geschaut — und nun soll ihm
ein Bild das Burgplateau mit seinen Heiligthümern
in einer Rekonstruktion vor Augen führen! — Der schöne
Gedanke ist in obigen Blättern, sagen wir es ohne viel
Umschweife grad' heraus — total veruuglückt. Der
Burgfelsen ist hier in einer Art von Lithographie
wiedergegeben, welche lebhaft an die Christbaum-Bilder-
bücher erinnert, mit denen in der Regel nur unsere erste
Jugend beglückt wird. Die Tempel stehen wie Schach-
teln aus Pappe auf dem trostlos kahlen Plateau und
geben weder ein malerisch schönes, noch annähernd getreues
Bild der srüheren Wirklichkeit. Der Text entschuldigt
zwar die Oede zwischen den Tempeln und giebt zu, daß
es nicht so war. Doch wozu dann die Rekonstruktion,
wenn sie sich nicht an Alles wagt? Die Unbeholfenheit
der Darstellung tritt schon bei der Behandlung der
Perspektive greifbar hervor. Wenn auf Bildern Archi-
tekturen in freie Landschast gesetzt werden, ist es vom
künstlerischen Standpunkte aus unzulässig, die Gegen-
stände in der sogenannten Parallelperspektive zu zeichnen:
aus unseren beiden Blättern ist Alles chinesisch, ohne
jede Verjüngung, ohne Verkürzung dargestellt. Nach
demselben Princip scheinen auch die Gebirge des Hinter-
grundes gezeichnet zu sein. Denn der Lhkabettos sitzt
so nahe an der Burg, daß wohl unmöglich die jetzige
Stadt dazwischen Raum haben könnte. Skulpturen an
den Giebeln oder in den Metopen anzudeuten, fand die
Darstellung überflüssig; die hehre Pallas auf ihrem
kleinen Würselpostament lehrt uns, daß es eben nicht
Jedermanns Sache ist, Figuren zu zeichnen. Wie herr-
lich hat Schinkel in seinen Restauratiousentwürfen der
Burg diese Kolossalgestalt aufgefaßt! Warum werden
doch die Gedanken solcher Meister nicht für die Bildung
nnserer Jugend „ausgeliehen"? — Und das Bacchos-
theater mit seinen übersteilen Sitzstufen und seinem nichts
weniger als griechischen Skenengebäude, das Odeion,
welches denn doch von Tuckermann ganz trefflich wieder-
hergestellt ist, —> vergebens sucht das Auge nach nur einer
schönen Linie! Nicht besser als die Südansicht ist die
Ansicht von Osten mit den Propyläen im Vordergrunde.
Das Unglück vervollständigen hier noch ganze Schaaren
von Griechen, welche das Bild staffiren.

Danken wir dem Autor und der Verlagshandlung
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