Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Korrespondenz.

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türlich Manches darin speziell nur auf Amerika Bezug
hat. Das Buch ist 14 Bogen stark und äußerst sorg-
sältig ausgestattet. Wir empfehlen es der allgemeinen
Beachtung aufs dringendste. .

Korrtspondtiy.

London, im Januar 1876.

Die Königl. Akademie der Künste eröffnete am
3. Januar ihre 7. Winterausstellung. Wie in früheren
Jahren besteht die Sammlung aus „Werken alter Meister
und aus denjenigen verstorbener Meister britischer Schule."
Dieser Appell an die alten Fahnen verschasst dem Pu-
Llikum Belehrung und dient zugleich der Kunst als Sporn,
insofern er sie auf große und unwandelbare Prinzipien
verweist. Die Anzahl der in diesem Jahre zur Schau
gestellten Gemälde beläust sich nur auf 285, mit denen
zwar dürftig, aber doch ausreichend fünf von den zehn
Sälen der Akademie ausgestattet worden sind. Die An-
ordnung ist weder durchaus chronologisch noch nach dem
Schulzusammenhange getroffen; so sind z. B. in einigen
Sälen englische Bilder mit italienischen, spanischen,
holländischen und französischen vermischt, ein Umstand,
der wohl kaum zu vermeiden war und auch darin seine
Entschuldigung findet, daß man auf das gefällige Aussehen
bei der Vertheilung billige Rücksicht nahm. Jch werde
später über diese ein fleißiges Studium stets lohnende
Ausstellung eingehender berichten, die überdies jetzt wie
ehedem das Hauptereigniß der Wintersaison bilden wird;
für diesmal mögen einige Bemerkungen genügen. Zu-
nächst liefert die Ausstellung wiederholt den Beweis von
der Unerschöpflichkeit der in englischem Besitz sich be-
findenden Schätze der Malerei, ferner auch von dem
hohen Verdienste englischer Landeskinder um die Por-
trätmalerei in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhun-
derts, wie aus 30 Reynolds, 6 Romneh's und 19
Gainsborough's ersichtlich ist. Jn der That überrascht
die Wahrnehmung, wie wenig die vorgenannten Meister
durch die unmittelbare dtähe der Van Dyck's und an-
derer Historienmaler in den Schatten gestellt werden.
Endlich zeichnet sich dieses Jahr vortheilhaft dadurch
aus, daß es, gegen früher, weniger untergeordnete Mach-
werke, Fälschungen oder werthlose Kopien aufzuweiseu
hat. 82 Personen haben Beiträge geliefert, vor allen
die Königin, Earl Radnor, der Herzog v. Sutherland
und der Herzog v. Westminster. Die Königin allein
schickte 27 Gemälde. Unter den Beitragenden findet
man Namen, die nie zuvor bei diesen alljährlichen Zu-
sammenstellungen aufgeführt worden. Jn der That voll-
zieht sich der Uebergang bedeutender Kunstschätze von
einer Hand zur anderen in England fehr rasch, wie die
häufigen und belangreichen Verkäufe in Messrs. Christie's
Auktionssälen erkennen lassen. Der Besitzwechsel großer

und die Bildung kleiner Sammlungen, welche diese Aus-
stellungen zu verzeichnen haben, sind die unvermeidlichen
Resultate der Verarmung einzelner Familien, verbunden
mit der plötzlichen Reichthümeranhäufung unter den
„Handelssürsten."

Ein schätzenswerthes Referat über das Prägever-
fahren in der englischen Münze ist beiden Parlaments-
häufern vorgelegt und verösfentlicht worden. Im Wesent-
lichen beschäftigt es sich jedoch weniger mit der Zeich-
nung als mit der Produktionsweise. Jn Deutschland
dürfte zur Zeit das Studium englischer Erfahrungen
und Praxis in dieser Beziehung nicht ohne Nutzen sein.
Beigefügt ist eine kurze Geschichte alter Münzen, die
nach großentheils dem Britischen Museum entnommenen
Mustern mittels Autotypen illustrirt sind. Die älteste
englische Münze datirt aus dem Jahre 1480, ist jedoch
das Werk eines Jtalieners. Unter der Regierung Karl's I.
und folglich auch unter der Republik bilden die Arbeiten
des Thomas Simon, des bedeutendsten englischen Münz-
kenners, eine wichtige Aera in der Geschichte alter Münzen.
Jn neuerer Zeit hat die englische Münze hauptsächlich
der seit Langem in London ansässigen Familie Wyon
die Zeichnung von Medaillen und Münzen in Auftrag
gegeben. Bei den Münzen ist Flachrelief beliebt, inso-
fern es den Vortheil hat, der Verschleißung und Ab-
nutzung weniger ausgesetzt zu sein als Hochrelief.

Das Britische Museum hat gegenwärtig eine dem
Signor Alessandro Castellani gehörende Sammlung
sehr intereffanter Skulpturen und anderer Antiquitäten
in Aussicht und Prüsung. Eine Statue darunter ist
der am Posilippo gefundene indische Bacchus, eine andere,
mit dem weltberühmten Dornauszieher im Kapitol nicht
übereinstimmende Figur, stellt einen Knaben vor, der
seinen Fuß von einem Dorn befreit. Andere bemerkens-
werthe Stücke sind der Kopf eines jungen Bacchus und
ein schöner Apollokopf. Hosfentlich wird die Sammlung
angekauft werden.

Der Burlington Fine Arts Club in London hält
augenblicklich in seiner Galerie eine Ausstellung japa-
nesischer Lackarbeiten. Sie gilt als die reichhaltigste
der ganzen Welt und illustrirt die drei Hauptarten dieser
Kunstwaare, die erhabene, die inkrustirte und die flache.
Die Ausstellung rührt aus Sammlungen der Klubmit-
glieder her, und Mr. Audsley hat dazu einen treff-
lichen Katalog geschrieben, dem jedoch eine zuverlässige
Chronologie abgeht.

Der nach dem Muster des Burlington Club ge-
gründete Liverpooler Art Club hat seine Säle der reich-
haltigen und ausgewählten Bildersammlung eines eng-
lischen Künstlers aus diesem Iahrhundert David Cop
geösfnet, dessen Arbeiten seit seinem Tode Preise erzielen,
wie sie einzig nur von den Gemälden Turner's über-
boten werden. Die über 400 Stücke zählende Samm-
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