Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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XI. Jahrgang.

Sciiräyc

sind anvr. C- t>. LÜl',0W

25) od. an die Verlansk).
(^eipzig, Königsstr. 3),

19. Mai

Nr. 32.
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Bciblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.

Dies Blatt, jede Woche am Freitag erscheinend, erhalten die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende Kunst" geslis; für sich allein bezogen
tostei der Zahrgang 9 Mark sowohl im Buchhandel wie anch bei den deutschen und Lsterreichischen Postanstalten.

Znhalt: Das Söllschlößchen in Tirol. — Die Berliner Nationalgalerie. III. — Ludwig Lohde si; Otto Grashof ch. — Kasseler Kunslverein; Münchener
Kunstverein. — Die Aquarellsammlung von Z. Holzinger in Augsburg. — Vom Kunstmarkt. — Zeitschriften. — Auktions-Kataloge. — Jnserate.

Das Zöllschlößchen in Tirol.

Jnnsbruck, Anfang Mai 1876.

V Jm Dorfe Aufhofen unweit Bruneck befindet sich
das sogenannte Söllschlößchen, einer der zahlreichen
adeligen Ansitze, wie sie nach dem Aufgeben ver festungs-
artigen Burgen vom Ende des sechzehnten bis Mitte des
achtzehnten Jahrhunderts in den schönsten Gegenden des
Landes gebant wurden oder aus der Umwandlung
älterer Gebände hervorgingen. Besonders reich an
solchen „Schlößeln" ist die Gegend von Eppan, das
Mittelgebirge südwestlich von Bozen, wo Kaufleute und
Adel mit einander wetteiferten. Hier läßt sich das Ein-
strömen der Spätrenaissance aus dem Snden beobachten;
diese Gegend, welche noch von keinem Kunstforscher be-
rührt wurde, verdiente gar wohl Anfnahmen und
Studien durch einen gewiegten Architekten.

Doch kehren wir zum Söllschlößchen zurück, über
welches ich Herrn Professor Jg. Zingerle, diesem
emsigen Forscher auf allen Gebieten tirolischer Alter-
thümer, eine Reihe von Notizen verdanke, sowie auch die
Mittheilung etlicher Photographien von Kunstobjekten,
welche sich dort besinden und die Aufmerksamkeit des
Kunstfreundes verdienen. Das Schlößchen, ein Lehen
der Fürstbischöse von Bripen, gelangte wahrscheinlich in
der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts an die Familie
von Söll; auf Sigmund von Söll dürfte die Aus-
stattung im Renaissancestile zurückzuführen sein. Der
kleine Saal, der sich ganz im ursprünglichen Zustande
befindet, zeichnet sich besonders durch reichen Schmuck
aus. Ein Glasfenster zeigt noch das Söll'sche Wappen;
die Wände sind mit dem in Tirol sür solche Zwecke so

beliebken Zirbelholz, welches dem Wurmfraße nicht
unterliegt, ausgetäfelt, die Decke ruht auf Konsolen und
trägt das sürstbischöfliche Wappen und in den Kassetten
allerlei vergoldete Embleme: die Spmbole der vier
Evangelisten, die Zeichen des Thierkreises, Sonne, Mond
unv Sterne und dergleichen mehr. Besonders ausge-
zeichnet sind die Umrahmungen der zwei Thüren. Bei
der einen ist das Gebälk zu beiden Seiten von wohl-
gegliederten korinthischen Säulen getragen, welche an der
oberen Hälfte kanellirt, an der unteren ebenso wie das
Piedestal mit reichen Ornamenten verziert sind. Bei
der andern sehen wir statt der Säulenschäfte bärtige
Männer, die nach unten in schuppige Hermen auslaufen,
unmittelbar über dem Kopf jedoch die Voluten des
ionischen Kapitäles tragen. Jm Fries der ersteren Thür
sehen wir die Iahreszahl 1609; die schönen Aufsätze zeigen
in architektonischer Fassung das Söll'sche Wappen. Den
Meister dieser schönen Holzarbeiten vermag HerrZingerle
nicht urkundlich nachzuweisen; nach seiner Vermuthung
dürfte es wol der Tifchler von Bruneck sein, welcher
das Getäfel und die Einfassungen in dem berühmten
Schlosse Velthurns verfertigte.

Große Beachtung verdient ein mächtiger Majolika-
ofen in der Ecke des Saales. Die Dimensionen lassen
sich nach der Photographie nicht angeben. Die Grund-
slächen der Kacheln sind weiß glasirt, die aufgetragenen
Zierrathen und Figuren sind blau. Die Stelle der Füße
vertreten fünf sitzende Löwen, auf denen der wuchtige
Untersatz mit einer gekehlten Basis ruht. Er schließt
oben mit einem Gesims, beide fein ornamentirt. An
die Kanten des Unter- und Obersatzes legen sich breite
Bänder mit zierlichen blauen Ranken. Die beiden
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