Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Der Thurmhelm des Freiburger Münsters.

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so stimmungsvoll und überwältigeud, daß uns von nun
ab die begleitende Musik in unseren Opernhäusern nicht
wird munden wollen, und daß wir schmerzlich an die
reinen mnsikalischen Genüsse der Bayreuther Tage zurück-
denken werden. Uebrigens bedeutet die Unsichtbarkeit des
Orchesters auch in musikalischer Beziehung einen großen
Fortschritt, den wir besonders hervorheben, weil von
Seiten mehrerer Berussmusiker geklagt wurde, daß die
Orchestersiguren bei dem ties gelegten und durch eine
Schallwand verborgenen Orchester nicht mit genügender
Klarheit hervortreten sollen. Denn es dars niemals
übersehen werden, daß bei Wagner's musikalischem Drama
ebenso wie bei den gewohnlichen „Opern" das Orchester
nicht Selbstzweck ist, sondern zur Unterstützung des Ge-
sanges, zur Vervollständigung des Tongemäldes dienen
soll. Und diesen Zweck ersüllt es bei der gegenwärtigen
Disposition vollkommener als bei der gewöhnlichen, weil
bei der letzteren die menschliche Stimme bekanntlich Mühe
hat, gegen die reiche, in allen Farben der orchestralen
Palette erglühende Instrumentation Richard Wagner's
ihre herrschende Stellung zu behaupten, während alle
Sänger anerkannten, daß es sich bei dem unsichtbaren
Orchester „leicht" stnge. Jn der That sprachen auch die
Stimmen durchweg leicht an und beherrschten das Or-
chester in gebührender Weise, ohne daß, unseres Erach-
'tens, die Jnstrumentirungsesfekte irgendwie an Glanz und
Klarheit verloren hätten, wenn auch die absolute Ton-
stärke selbstverständlich geringer war, als ste bei offenem
Orchester zu sein pslegt.

Schließlich sei noch eines Vorzuges gedacht, der das
Bühnenfestspiel auszeichnete, obgleich derselbe heute weit
allgemeiner ist als zur Zeit, in der Richard Wagner die
Jdee seines musikalischen Drama's faßte: die stilvolle,
malerisch-dekorative Ausstattung. Wir sind heutzutage
in dieser Richtung stark verwöhnt worden und pochen auf
das „nil uämirui'üst wenn wir beispielsweise die „Zauber-
slöte" in Wien, die „Jüdin" in Paris und ein großes
Ballet in Berlin gesehen haben; daher sanden die
MLngel der Ausführung an den von Joseph Hofmann
in Wien so schön entworfenen Dekorationen und die theil-
weise nicht glücklich erfundenen Kostüme ost herbe Kritiker.
Allein es darf nicht verkannt werden, daß Richard Wagner
schon zu einerZeit, wo die gröbstenAnachronismen und die
lächerlichsten Verstöße in Bezug auf die Ausstattung vom
Publikum sowohl als von den Opern-Regisseuren be-
merkt wurden, sür die von ihm beabsichtigten Festspiele
eine durchweg entsprechende, stilvolle Ausstattung im
Auge hatte. Ueberhaupt war er auf die malerische
Wirküng seiner scenischen Bilder höchst sorgfältig bedacht,
und dieser Rücksicht entsprang die anfangs befremdende,
aber rasch als zweckmäßig erkannte Anordnung, daß bei
offener Scene der Zuschauerraum ganz dunkel blieb.
So gelangten die allen Zuschauern gleichmäßig ,sichtbaren

scenischen Bilder zur vollsten Stimmung und zu einer
im erleuchteten Raum niemals erreichbaren Wirküng.

Richard Wagner war es beschieden, die Lebens-
ausgabe, die er sich gesetzt, unter einer bislang uner-
hörten und namentlich in Deutschland für kaum möglich
gehaltenen Mitwirkung der Nation zu erfüllen. Wie
auch in Zukünft das „musikalische Drama", das so viel-
sach mit Absicht mißdeutete „Kunstwerk der Zukunst",
sich gestalten möge: dies steht heute bereits gegen allen
Widerspruch fest, daß schon die provisorische Bühne zu
Bayreuth eine heilsame Reform begründet hat, welche
unmöglich ohne Nachahmung, ohne Anstoß zu einer neuen
architektonischen und künstlerischen Gestaltung des Bühnen-
wesens nach der Jdee Richard Wagner's bleiben kann.

Bayreuth, 18. August.

Oskar Berggruen.

Der Thurmhelm des Freiburger Münsters.

Eine oft ventilirte Frage, ob die kühne, durch-
brochene Spitze des Münsterthurms zu Freiburg im
Breisgau schwach gekrümmt sei oder nicht, ob diese
Krümmung, falls sie vorhanden, aus ästhetischen Grün-
den oder um der Stabilitätsverhältnisse willen beabsich-
tigt wurde, oder Ungenauigkeiten in der Ausführung
zuzuschreiben sei, vielleicht auch sich durch nachträgliche
Deformirungen der Thurmspitze erklären lasse, veran-
laßte mich vor Kurzem, den Thurmhelm zu untersuchen;
soweit eine solche Untersuchung ohne eine Besteigung
des Helmes möglich war, welche eine vollständige Ein-
rüstung desselben voraussetzen würde, haben sich immer-
hin einige positive Anhaltspunkte für eine Fortsetzung
derartiger Untersuchungen ergeben und zugleich einige
Bedeüken, ob denn diese vielbewunderte Thurmpyramide
in ihrem Zusammenhalt auf die Dauer so gesichert sei,
wie es den Anschein hat.

Vitruv hat m seinen zehn Büchern von der Baukunst
zuerst die Behauptung aufgestellt: die Griechen hätten
in ihrem ästhetischen Feingefühl nicht nur die Säulen
ihrer Tempel etwas geschwellt, d. h. ihrem Kontour
eine feine Biegung verliehen, sondern auch die Gebälke
etwas gekrümmt, damit die langen Horizontallinien nicht
eingesunken erscheinen sollten, damit die Säule nicht den
Eindruck mache, als sei sie in ihrer Mitte dünner, als
an ihren Enden. Und demselben ästhetischen Feingefühl
der Meister unserer mittelalterlichen Dome hat man es
zugeschriebeu, daß die Thurmhelme am Freiburger Mün-
ster, am Dom zu Meißen und an vielen kleineren roma-
nischen Thurmbauten eine mehr oder weniger beträchtliche
Schwellung zeigen; man hat diese Schwellung an den
Thürmen der Votivkirche in Wien neuerdings wieder-
holt; es tritt endlich an den Erbauer der Thurmhelme
des Kölner Domes die Frage heran, ob man eine solche
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