Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Die Berliner Nationalgalerie.

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Ausgabe macht, den deutschen Ursprung eiuer Neihe von
weltberühmten kunstgewerblichen Arbeiten, die, in aus-
wärtigen Museen sich befindend, bis in die Neuzeit als
fremdländische Erzeugnisse gegolten haben, durch historische
Belege festzustellen und so den Beweis zu liefern, daß
Nachbar-Völker von hoher künstlerischer Begabung, die
uns Deutschen gern den Beinamen „Barbaren" geben,
es nicht unter ihrer Würde fanden, Produkte unserer
Meister als Perlen ihrer nationalen Kunst zu preisen.
— So wird die historische Ausstellung auch dem Laien
ein Bild der Grundlage geben, aus welche sich unsere
moderne Kunstindustrie heut zu Tage mehr denn je stützt
und die eine unerschöpsliche Fundgrube für die künst-
lerische Entfaltung der Gegenwart ist.

Zu beiden Seiten vom Centralraume und der kunst-
historischen Ausstellung schließen sich nun, vertheilt auf
den östlichen und westlichen Trakt des Glaspalastes, die
Kunst- und kunstindustriellen Produkte der Gegenwart
an. Links vom Haupteingange wird Preußen, rechts
davon Oesterreich den Wettkamps erösfnen, und an sie
sich anschließend die übrigen deutschen Lande folgen.

Selbstverständlich handelt es sich hier nicht uni
eine vollständig durchgesührte Eintheilung nach den je-
weiligen Ländergruppen, sondern nur um die Schaffung
von Repräsentationspunkten, in welchen je ein Land zur
besonderen Charakterisirung kommt, da nnr dies allein
sich mit dem Aufstellungsprinzipe vereinigen läßt.

Säle, offene Räume zu größeren Gruppirnngen,
Salons, Kabinete werden in mannigfaltigen Bildern
dem Beschauer die künstlerische und kunstgewerbliche Ent-
faltung der Neuzeit vor Augen führen.

Ueberall wird der Grundgedanke der künstlerischen
Totalwirkung eines Raumes festgehalten werden, so daß
eine Reihe möglichst mustergiltiger Beispiele gegeben
sein werden, wie durch stilvolle Behandlung der Form,
durch richtige Auswahl der Farbe, durch geschmackvolles
Arrangement der einzelnen Gegenstände, durch richtige
Vertheilung der künstlerischen Flächendekoration, sowie
durch wohlverstandene Placirung von Werken der Kunst
ein wohlthuendes, das Schönheitsgefühl erquickendes
Ganzes geschafsen werden kann.

Es ist natürlich nicht zu vermeiden, daß eine Reihe
von Räumen mit unterlaufen werden, die all' diesen
Ansorderungen nicht in gleich hohem Maße oder selbst
nur ganz unvollkommen entsprechen, aber dieselben wer-
den eine verschwindende Minorität bilden, so daß der
Totaleindruck wohl im Stande sein wird, derartige
wunde Stellen in der Ausführung des Programmes zu
verdecken, um so mehr, da man versuchen wird, der-
artige Kompartimente durch Detailgruppirung interessant
zu machen. Es ist dies in keinem Falle allzu sehr zu
bedauern, da gerade durch den Vergleich derartiger an
das bisher festgehaltene Prinzip der Ansstellungen er-

innernder Räume mit jenen, welche in ihrer künstlerischen
Durchführung dem uns vorschwebenden Ziele möglichst
nahe kommen, die Ueberzeugung geweckt werden wird,
daß auf diesem neu -betretenen Wege entschieden wirk-
samere Resultate erreicht werden, wie aus dem bis-
herigen althergebrachten.

Ganz besonders freudig zu begrüßen ist es, daß
zum ersten Male die Knnst in richtiger Erkennung ihrer
Ausgabe der durch sie belebten Jndustrie eng verschwistert
zur Seite steht und gerade dieses Faktum wird es sein,
welches dieser Ausstellung eine ganz besondere Bedeutung
und Weihe verleihen und welches dieselbe zu einem
Marksteine in der Entwickelung solcher Kulturbilder ge-
stalten wird.

Doch auch von weniger hohem Standpunkte aus
betrachtet ist dieses Hand in Hand gehen der Kunst mit
dem Kunsthandwerke von außerordentlichem Vortheile,
sowohl für den Künstler, wie für den Kunstliebhaber,
den Beschauer." (Schluß folgt.)

Die Serliner llationalgalerie.

IV.

Ob der Gedanke, die zur Ausnahme der Corne-
lius'schen Kartons bestimmten Säle mit Wandgemälden
zu schmücken, ein besonders glücklicher zu nennen ist, will
ich dahingestellt sein lassen. Es unterliegt jedoch keinem
Zweifel, daß jene Gemälde die Wirkung der Kartons
erheblich beeinträchtigt haben würden, wenn sie ener-
gischer in der Farbe gehalten worden wären. Jetzt ist
das Verhältniß ein umgekehrtes. Die riesigen Kartons,
welche große Wandflächen bedecken, nehmen die Sinne
so ausschließlich gefangen, daß die Leistungen der Pyg-
mäen an den oberen Wandtheilen neben den Schöpsungen
des unvergleichlichen Riesengeistes kaum beachtet werden.
Der malerische Schmuck des ersten Corneliussaales ist
vom Direktor E. Bendemann entworsen und von
seinen jungen Schülern unter seiner Leitung in Wachs-
sarbe ausgeführt worden.

Dieser Corneliussaal ist, wie bereits erwähnt, von
oben beleuchtet. Die beiden Langwände wölben sich in
Viertelbögen dem Glasdach zu, während die Schmal-
wände in ihren oberen Theilen durch eine Säulenstellung
mit Giebeldreieck nach den Korridoren des dritten Ge-
schosses geösfnet sind. Rechts und links von diesen
Säulenstellungen ist ein sehr geräumiges dreieckiges Feld
sreigelassen, welches je eine Komposition — sarbige Fi-
guren aus lichtgrauem Grunde — enthält. Das
Erdenwallen des Genins bildet den Jnhalt dieser
Kompositionen. Links erscheint der Genius den Erden-
kindern und bringt ihnen seine Gaben; aus der anderen
Seite ist er von den Repräsentanten des Philisterthums
und der Gemeinheit an einen Baum gefesselt worden
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