Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Nekrologe.

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farblose Kartons immer machen werden. Es war aber
Sache des Dekorateurs, resp. des leitenden Architekten,
diesen Eindruck durch eine kräftige, warme Färbung der
Wände zu paralysiren. Das hat Herr Strack jeooch
versäumt. Er hat die Wände der Corneliussäle mit
hellgrauen Tapeten dekorirt. Man stelle sich vor: grau-
schwarze Zeichnungen auf im Lause der Zeiten grau
gewordenem Papier an grauen Wänden angebracht! Der
Direktor der Nationalgalerie, Herr Dr. Jordan, hat
es, entgegen den Jntentionen des Architekten, der ganz
schmale Goldleisten wünschte, durchgesetzt, daß die Kar-
tons von ihrem grauen Hintergrunde wenigstens durch
einen verhältnißmäßig breiten Rahmen isolirt worden sind.

Wenn man die Paneele dieses Corneliussaales be-
trachtet, gewinnt der Gedanke, der Architekt sei sich bis-
weilen über die Bestimmung der einzelnen Räumlich-
keiten gar nicht klar gewesen, neue Nahrung. Er hat
z. B. offenbar nicht gewußt, wie hoch eigentlich die
Corneliuskartons sind. Als man zwei derselben pla-
ciren wollte, ergab es sich, daß die Paneele zu hoch
waren und in Folge dessen, wollte man nicht die Kar-
tons um Einiges kürzen, zerschnitten werden mnßten. Ein
Pendant dazu bietet der links von diesem Corneliussaal
gelegene Korridor. Da hat man in die graue Wand
einen schmalen Reliefstreifen eingelassen (das Original-
modell zu Schievelb ein's Fries „Die Zerstörung
Pompeji's" im Hofe des Neuen Museums), welcher die
Wand quer durch in zwei ungleiche Hälften schneidet.
Es ist nun dem Direktor freigestellt, entweder diesen
Korridor völlig unbenutzt zu lassen oder — llovridilo
äiotn! — ober- und unterhalb dieses weißen Streifens
Oelgemälde aufzuhängen.

Die Klagen, welche feit längerer Zeit über die
mangelhafte Konservirung der Cornelius'schen
Kartons und ihren drohenven Untergang in die Oeffent-
lichkeit gedrungen sind, haben sich nur zu sehr be-
stätigt. Die Direktion der Nationalgalerie hat die
Kartons in einem geradezu bejammernswerthen Zustande
erhalten. Nur der großen Sorgfalt, welche die Direktion
auf ihre Herstellung verwendete, ist es zu danken, daß
sich die erheblichsten Beschädignngen der meisten Kartons
dem oberflächlichen Beschauer entziehen. Löcher mußten
zugeflickt, Ecken eingesetzt werden, ganz abgesehen von den
Unbilven, welche die Kohlenzeichnungen selbst erlitten
haben. Einer der Kartons zu den Fresken der Ludwigs-
kirche —das Weltgericht — ist vollständig ruinirt.
Man hat zwar die Absicht, ihn während des Sommers
noch einer gründlichen Reinigung zu unterziehen. An-
gesichts seines Zustandes bleibt das Resultat indessen
fraglich.

Ueber die Dekoration der Corneliussäle und über
den Katälog wird ein vierter und letzter Artikel folgen.

Adolf Rosenberg.

Uekrologe.

Ludwig Lohdc. Wenn zukünftig die Geschichte der
Baukunst und des Kunstgewerbes unseres Jahrhunderts
geschrieben wird, so wird Lndwig Lohde den besten Strei-
tern unserer Zeit für die Jdeale der Kunst zur Seite
gestellt werden müssen. >— Mögen diese Zeilen, die ich
dem am 25. Sept. 1875 verschiedenen hochverehrten
Lehrer widme, als Baustein zu jenem Werke verwerthet
werden!

Ludwig Lohde war am I I.April 1806 in Berlin
geboren. Er besucbte das Werder'sche Gymnasium und
ließ sich nach absolvirtem Abiturienten-Examen bei der
juristischen Fakultät der Berliner Universität immatri-
kuliren. Die Jurisprudenz vermochte iudessen seinen
von der klassifchen Kunst erfüllten und für diese.lbe be-
geisterten Sinn nicht zu befriedigen. Schon nach einem
halben Jahre erklärte er seinen Großeltern, die ihn er-
zogen hatten, daß er sich außer Stande fühle, sein Stu-
dium fortzusetzen, da es allen seinen Neigungen wider-
spräche. Die Malerei galt als Brodfach sür zu un-
sicher, und somit einigte man sich, daß er sich der Archi-
tektur widmen durfte.

Mit Schinkel und Beuth dnrchlebte er in jugend-
licher Begeisterung für den Hellenismus die glanzvollste
Bauepoche Berlins. Jn freundschaftlichem Verkehr mit
Professor Karl Bötticher wurde er dessen Mitarbeiter
an dem großen und einflußreichen Werke: „Die Tektonik
der HellenenN Seine milde Natur trat freilich weniger
in großen selbständigen Werken, als in dem persön-
lichen Verkehr mit seinen zahlreichen Schülern, für die
unermüdlich verfochtene Lehre ein, daß das Orga-
nische der Grundgedanke der griechischen Formensprache
sei. Nicbt wie Bötticher diese Konsequenzen in einer
mathematisch-abgezirkelten Lehre ziehend, wußte er vor
Allem die Liebe der Schüler für das Studium der grie-
chischen Vorbilder zu wecken. Ungefähr in das Jahr
1835 müssen die Lithographien der Schinkel'schen Möbel-
kompositionen fallen, welche im Verlag von Duncker und
Humblot erschienen. Es enthalten diese schönen, sarbigen
Blätter die hervorragendste und gelungenste Arbeit Ler
künstlerischen Hand Lohde's. Jm Jahre 1840 zur Re-
daktion der Förster'schen Bauzeitung nach Wien berufen,
verfocht Lohde mit voller Ueberzeugung in derselben die
Anschauungen und Entdeckungen seines Freundes Böt-
ticher, dessen hohe Ziele er auch zu den seinigen machte.
Lohde's kritisches Talent, seine seine Ausfassung und Er-
kenntniß des Schönen befähigte ihn besonders zum Leiter
eines fachwissenschaftlichen Blattes. Leider traten mit
dem Besitzer desselben Differenzen em, die es Lohde
wünschenswerth erscheiuen ließen, seine Stelluug wieder
aufzugeben. Eine von Bötticher ihm überkommene Auf-
forderung, sich unverzüglich bei Beuth um die vakante
Zeichenlehrerstelle am Gewerbe - Jnstitute zu melden,
hatte den gewünschten Erfolg. Die Stelle wurde ihm
erst provisorisch, nach abgelegter Staatsprüfung zum
Landbaumeister definitiv übertragen.

Bald darauf gründete er eiuen eigenen Hausstand
und blieb seitdem in Berlin ansässig. Seine Lehrthätig-
keit erweiterte sich immer mehr, da ein entschiedener
Beruf und eine große Hingebung für die Sache dieselbe
bald zu einer erfolgreichen machte. Lange Jahre war er
Lehrer an der königl. Jngenieurschule, am Handwerker-
vereine und zuletzt noch an der Bauakademie, an welcher
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