Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Nachträgliches über den Thurmhelm am Freiburger Münster.

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daß wir immer eine große Vortiebe für das Ausläudische
gezeigt haben; und, wir gestehen es gern: mit gast-
frenndlichem, von unseren Vorfahren ererbtem Sinn sehen
wir mit Vergnügen, daß Fremde uns besuchen. Bisher
sind wir jedoch nicht durch ein gar zu gewissenhaftes
Studium unserer Art und unsererVerhältnisse von Seiteu
der fremden Touristen verwöhnt. Nachdem man mit
Mühe zu unseren fernen Gegenden vorgedruugen, hat
man sich uicht immer die Mühe gegeben, genaue Beob-
achtungen anzustellen. Bisweilen hat man in naiver
Verwunderung das Gute, das man ganz unvermuthet
gefunden, übertrieben, bisweilen hat man ziemlich rasch
an dem Mangelhaften Anstoß genommen. Lebhaft wün-
schen wir, daß, wenn mit erleichterten Kommnnikationen
vie Ausländer mehr und häufiger unser Land und
unsere Hauptstadt besuchen, auch die übereilten Schluß-
solgerungen, von denen Herr A. v. Wch. in seinem,
übrigens in der sreundlichsten Stimmung abgefaßten,
Artikel einige Beispiele giebt, immer seltener werden mögen.

Stockholm. Georg Göthe,

Amanuensis des Nationalmuseums.

Nachträgliches iiber den Thurmhelm am Frei-
bnrger Miinster.

Kurz nach Abfassung meines kleinen Berichtes über
den Thnrmhelm des Münsters zu Freiburg war ich
abermals dort, in der Hofsnung, die Urkunde ausfindig
zu machen, welche die Dombaumeister 1561 abgesaßt
hatten, sicherlich die beste Quelle, aus der man über
den Zustand des Helmes und den Umsang der Beschä-
digungen durch den Blitz Auslunft erhalten konnte. Herr
Stadtarchivar Jäger hatte die Güte, mir brieflich nach-
folgende Mittheilungen zu machen: „Ueber die Beschä-
digung des Münsterthurmes dahier Ende April 1561
ist eine spezielle Urkunde im Stadtarchiv nicht vorhanden.
Dagegen ergiebt sich aus den vorhandenen Rathsbüchern
Folgendes:

Das Missivenbuch von 1561 enthält aus Seite 98
ein nach Straßburg, Kolmar, Schlettstadk und Ettlingeu
gerichtetes Schreiben vom 2. Mai, in welchem Bürger-
meister und Rath der hiesigen Stadt das Ansuchen stellen,
die genannten Städte möchten ihre Werkmeister zu einer
Besprechung auf den Christi Himmelsahrtstag hierher-
senden und zwar deswegen:

„ „es ist nechstverschienen Montags unser Münster-
thurm durch das Wetter so tresfenlich und schwer-
lich verletzt und geschädigt worden, daß die hohe
Nothdurfft erfordern will, demselben one allen
Verzug wiederumben Hilff und poßerung zu thun,
damit noch größerer schadt und gesahr, so sonsten
daraus dntsten möchte, verhietet und vermiden
blibe.""

Einzelheiten der eingetretenen Beschädiguugen liegen^
nickt vor. Darauf ersolgten Antworten der ersuchten
Städte mit Lereitwilliger Zusage, die Werkmeister aus
den genannten Tag zu senden. Jm Rathsprotokoll von
>561 (Seite 96) Freitag nach der Ussahrt ist angeführt:
daß zwei Werkmeister von Straßburg sowohl als jene
der andern Städte eingetroffen seien; es werden den-
selben drei Rathsglieder beigeordnet und soll man die
Gäste zum Jmbiß aus die Bürgerstube zum Gauch ein-
laden und mit Wein verehren.

Jn der folgenden Sitzung, Montag nach Epaudi
(Fol. 98) wird dann angezeigt:

„„Daß sich ermelte Werkmeister zu Mitteilung
ires rädtlichen Bedenkens ganz gutwillig erzeigt
und bewisen, wie dann sollich ir bedenkhen in
schrifft verzeichnet, sie haben sich auch erpetten,
wo man Jrer weiter bedörfstig, daß sie auch
gutwillig sein wollten und aus der Psleger Unser
Frauen Baus begeren zu versten gegeben, daß
Mr. Görgen der Bau wol zu vertrauen. Also
syn sie mit Verehrung widerumben ab- und
heimgefertigt worden.""

Das hier erwähnte schristliche Bedenken — oder
Gutachten — findet sich nicht vor; wahrscheinlich erhielt
dasselbe der Werkmeister Georg Kempf, dem die Repa-
ratur des Thurmes anvertraut wurde, in die Hand, um
sich danach zu richten und zu achten; oder es wurde in
die Hände der Pfleger „unsrer lieben Frauen Bau",
welchen die Aussicht über die Arbeiten oblag, gelegt, von
welchen es dann, wenn es sich erhalten hat, in das
Archiv des Bkünsters hätte gekommen sein müssen."

Soweit der Wortlaut des mir gütigst zugesendeten
Schreibens des Herrn Stadtarchivars. Man ersieht aus
diesen geringen urkundlichen Notizen wenigstens soviel,
daß nach dem Blitzschlag Gesahr ini Verzug, die Be-
schädigung sehr beträchtlich, schleunige Hilse nöthig war,
wollte man dem zu besürchtenden Einsturz des Helmes
begegnen. Meine Bemühungen, das Gutachten der
Dombaumeister selbst zu erhalten, blieben vorerst ersolg-
los. Von gut unterrichteter Seite wurde mir mitgetheilt,
daß im Münsterarchiv theilweise nicht allzu große Ord-
nung herrsche, und dicke BLnde und Konvolute von alten
Baurechnungen in Stanb und Feuchtigkeit am Boden
herum lägen.

Ueber die Konstruktion des Thurmhelmes selbst
mögen nun einige Mittheilungen am Platze sein, um
das Verständniß der Sache zu erleichtern. Wenn man
acht gleichlange Stangen mit ihren Spitzen so zu-
sammenstellt, daß sie eine regelmäßige achtseitige Pyra-
mide bilden, so müssen ihre Gewichte sich gegenseitig im
Gleichgewicht halten. Die Gewichte üben einen Vertikal-
druck auf die Unterlage aus und, in Folge der Neigung
der Stangen, einen Seitenschub an ihren Fußpunkten.
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