Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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n Jahrgang.
Sciträgc

sind an l)r. C. V. LÜtsVW

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(Leipzig, KLnigsstr. 3),

3. Uovember

Nr. 4.
Inserate

L 25 Pf. für die drei
Mal gespaltene Petitzeile

MS.

Bciblatt znr Zcitschrift siir bildcndc Knnst.


galerie in Schlcißheim. — Bildhairer Carpeaur — Münchener Kunstverein. — Ramberg-Ausstellung in Hannover.»—pxZ veiretiani-
fchen Thurms auf der Akropolis. — Auktions-Kataloge. — Jnserate.

Die neue Fayade des Voms von Florenz.

„Da in den jüngsten Zeiten dnrch mehrere der vor-
nehmsten Bürger der Stadt wiederholt in Erinnerung
gebracht worden ist, wie sehr es dieser Stadt znr Un-
ehre gereicht, daß die änßere Stirnseite der Hauptkirche
in ihrem dermaligen Zustande, d. h. unvollendet bleibt,
und es ein sehr löbliches Werk sein würde, zu einem

Entschlusse darüber zu kommen"_ Mit diesen Worten

beginnt eine am 12. Febr. 1490 Seitens der Konsuln
der Wollenzunft erlassene Deliberation, deren Wortlaut
bis aus den heutigen Tag nicht Lügen gestraft worden
ist. Zwar fand ein Jahr nach jenem Tage eine Aus-
stellung von „nroäelli et llmsZmi nnckic^us llnlliti st
eoUooti" statt, aber in den Berathungen darüber em-
pfahl Lorenzo de' Medici reifliche Ueberlegung. Man
fchob die Sache anf, und als ein Jahr fpäter Lorenzo
starb, dachte niemand mehr an die Ausführung des
Planes. Kunsthistorisch interessant sind die Namen der
damaligen Konkurrenten, unter denen neben dem Haupt
der Republik Männer wie Filippino Lippi, Cronaca,
Benedetto da Majano, Lorenzo di Credi, Domenico
Ghirlandajo, Pietro Perugino, Andrea della Robbia,
Sandro Botticelli u. a. glänzen. Daß damals die Sache
unterblieb, darf man nicht weniger Glück nennen,
als daß der von Giotto 1332 begonnene Aufbau nicht
zum Ziele geführt hatte. Eine Renaissancefa^ade hätte
dem übrigen Bau womöglich noch weniger entsprochen
als die ganz auf malerifche Wirkung berechnete des
Begründers der italienischen Malerei. Als Leo X.
seinen Einzug in Florenz hielt, errichtete Jacopo da
Sansovino eine Faoadenkoulisfe aus Holz, für welche

Andrea del Sarto sich als Dekorationsmaler hergab.
Die weitere Gefchichte der Faoadenprojekte übersieht man
in den Ausstellungsräumen der Opera del Duomo. Dort
sind die Modelle eines Buontalenti, Dosio, Cigoli u. a.
aufgestellt, eines immer gedankenleerer, ungehenerlicher
und zopsiger, als das feines Vorgängers. Jm vorigen
Jahrhundert jedoch war selbst das Projektmachen abge-
than, und das ist begreiflich, wenn man bedenkt, mit
welcher Vorliebe dazumal vas Auge auf den nackten
Flächen der Kirchenwände ruhte. Diese Zeit ist hosfentlich
unwiederbringlich dahin. Jn der Gegenwart ist es
als eine unbedingte Nothwendigkeit erkannt worden, den
Dom mit einer stilgemäßen Faoade zu bekleiden. Die
Geschichte der Konkurrenzarbeiten hierfür fetzen wir als
bekannt voraus. Bei der ersten Konkurrenz hatte neben
den italienischen Architekten Ceppi unv Falcini der Däne
Petersen den ersten Preis erhalten. Das von Letzterem
damals allein in Anwendung gebrachte Dreigiebelsystem
gefiel allgemein, aber sein Projekt erlangte nicht die Be-
stätigung, vielleicht weil sein Detail dem italienischen
Geschmack zu nüchtern erschien. Man beauftragte viel-
mehr Herrn de Fabris, welcher bisher nicht mitkonkur-
rirt hatte, einen Plan nach jenem Shstem zu entwerfen.
Nach dessen Vorlegung entschieden sich bei einer zweiten
Konkurrenz die kompetenten Jnstanzen für das Projekt
des Herrn de Fabris, verlangten aber Abänderungen.

Als in den Tagen vor dem Michelangelofest die
ganze Stadt sich festlich schmückte, wollte man auch den
größten monumentalen Schandfleck von Florenz, die kahle
Steinwand der Vorderseite des Doms, — wenigstens
entschuldigen. Zu dem Behuf ist zu feiner Seite eine
Bauhütte errichtet worden, und nach den Festtagen hat
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