Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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XI Jahrgang.

Nr. 29.

Seiträge

stnd anvr. C. t>. Lüttow

25) od. cmdie Verlagsh.
(Aeipzig, Konigsstr. 3),

Snscrate

L 25 Pf. fnr die drei
Mal gespaltene Petitzeile

28. jAprU

!876.

Bciblatt znr Zeitschrist für bildendc Knnst.

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Die Lerüner Dationalgalerie.

ii.

Durch die Eingangsthür in das erste Geschoß,
welche sich unterhalb der Freitreppe befindet, gelangt
man unmittelbar in das Vestibül des Treppenhauses.
Es sehlt mithin an einem abgesonderten Raume sür die
Garderobe. Die Kleiderrechen stehen ungenirt zu beiden
Seiten des Eintretenden. Nur an einer Stelle sieht
man an ihrer Statt eine Marmorgruppe von Kiß.
Der Besucher hat nur die Wahl, entweder in der zugigen
Durchsahrt unter der Freitreppe oder aus dem Marmor-
fußboden des Vestibüls den Schnee von seinen Kleidern
zu schütteln und das Wasser von seinem Regenschirme
abtriefen zu lassen. Eine von zwei hervortretenden
Postamenten durchbrochene Vortreppe führt erst zum
Niveau des ersten Geschosses hinauf. Die vorspringen-
den Postamente sind vermuthlich zur Aufstellung von
Statuen bestimmt. Zur Linken führt die Treppe in
das zweite Geschoß, zur Rechten entspricht dem Treppen-
lauf ein durch eine Säulenstellung abgeschlossener Raum,
in welchem zur Zeit nur eine schöne, archaisirende Mar-
morgruppe von Kiß (Glaube, Liebe und Hoffnung) auf-
gestellt ist. Die Zwickel zwischen den Bogenstellungen
der Säulen und Wände sind mit l5 Reliefbildnissen
deutscher Künstler der Neuzeit ausgefüllt, welche von
den Bildhauern Moser, Brodwolf, Geyer und
Schweinitz herrühren. Genau dieselben Künstler
waren bereits am Aeußeren des Gebäudes' verewigt, ein-
mal auf den Namensschildern zwischen den Säulen-
kapitälen, das zweite Mal in ganzer Figur auf dem
Relief der Vorhalle. Sie erscheinen noch zum vierten

Male auf dem später zu beschreibeuden Relies des
Treppenhauses, um ein Zeugniß von der Jdeenarmuth
des leitenden Architekten, resp. der ausführenden Bild-
hauer abzulegen. Den Fußboden des Treppenhauses
bildet ein reiches Marmorgetäfel, während die Wände
mit marmorirtem Stuck bekleidet sind. Hingegcn sind
die Fußböden der inneren Räumlichkeiten des Erdge-
schosses, des Quersaales und der Skulpturengalerie mit
Metlacher Fliesen belegt. Jch erwähne diese That-
sachen ohne Kommentar nur als Belegstellen zu dem
alten Wahrspruche, daß es mehr Ding' im Himmel und
aus Erden giebt, als unsere Schulweisheit sich träumen
läßt. Die Decke des Vestibüls wie des ganzen Treppen-
hauses ist kassettirt: der Boden jeder Kassette ist mit
sog. pompejanischem Roth bemalt und zeigt in seiner
Mitte ein blumenkelchartiges Ornament von Zink in
Naturfarbe. Jch begreife nicht, wie man angesichts
dieser Verbindung von einem j,interessanten" Epperimente
hat reden können. Die Verwendung von Zink, der ge-
meinsten Metallkomposition, ohne deckende Farbe in ejnem
Bauwerk, welches auf ästhetische Bedeutung Anspruch
machen will, ist meines Erachtens einer der gröbsten
Mißgrifse, welche ein Architekt begehen kann. Noch
unbegreiflicher ist dieser Mißgriff bei einem Manne wie
Strack, zu dessen unleugbaren Verdiensten es gehört,
als der Erste in Berlin an Stelle der Putzsaoadcn
Sandsteinfa^aden, also das edle Material an Stelle des
Surrogats eingesührt zu habeu.

Was nun die Ausdehnung des Treppenhauses an-
langt, so nimmt es genau gerechnet den dritten Theil
des ganzen Peripteros mit Ausschluß der Apsis ein, in
Zahlen ausgedrückt 20,69 M. bei einer Breite von
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