Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Vermischte Nachrichten. — Zeitschriften.

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kreisen aller Länder zum Schutze Ponipeji's sehr erwünscht,
und ich würde mich glücklich schätzen, sie durch diese
Zeilen angeregt zu haben.

Jn den bourbonischen Zeiten grnb man ganz toll
und suchte fast nur nach Gold und Schmncksachen; da-
rum vergrub man die Ausgrabung wieder, nachdeni die
Ruine völlig ruinirt worden war; jetzt gräbt man, Dank
Fiorelli, vernünstig; doch wäre das bourbonische Mittel, die
Ruine wieder zuzuschütten, der jetzigen Konservirungs-
methode vorzuziehen. — Das Graben nach Raritäten,
seien diese nun antiquarisch oder archäologisch, ist an
einem solchen Fundorte wie Pompeji die gleiche Barbarei.

Es wäre eine Pflicht der italienischen Regierung,
nicht nur aus die Ausgrabnng, sondern auf sorgfältige
Konservirung des Ansgegrabenen zu sehen; hat sie die
Mittel nicht sür beides, so soll sie lieber die Ausgrabungen
sistiren und zuerst das retten, was aufgedeckt ist, bevor sie
Weiteres dem Schutze der Aschendecke entzieht. — Dächer,
ordentliche, gute Dächer, selbst Fenster und Thürverschlüsse,
wären für Pompeji vorläufig wichtiger, als neue Ans-
grabungen.

Jn letzterer Zeit ging durch die Zeitungen die
Nachricht von einem großartigen Schatze, der in Pompeji
ausgefnnden worden sein sollte; bald darauf kam ein sehr
starkes Dementi. Um die Sache klar zu stellen, will
ich Jhnen genau mittheileu, was daran ist. Ausgegraben
wurden in letzter Zeit gegen 20 goldene Ninge, 1 Hals-
kette, OhrgehLnge nnd ein goldenes feines Netz. Das
Taselservice reducirt sich auf 7 Schalen mit Untertasse
nach Art der in der Gläsersammlung befindlichen, eine
eben solche Schale ohne Untertasse, sämmtlich aus
Silber und in der Größe unserer Kaffeeschalen. Hiezu
kommen 7 runde und 7 längliche silberne Löffel, worunter
einer einen hölzernen zierlichen Griss gehabt haben mag.
Dies ist das ganze „komplette Tafelservice". Unlängst
fand man eine eigenthümliche Flasche aus Silber, welche
an Ketten hängend und mit silbernem Stöpsel zu ver-
schließen war.

In einem der Häuser, die jetzt ausgegraben werden,
vermuthet man Gegenstände, beginnt aber wieder die
ungeschickte Mode einzusühren, die Ausgrabung irgend
einer „bedeutenden" Person zur „Ueberraschung" aus-
zuheben!

Von dem Laokoon-Bild wnrde Jhnen schon Mit-
theilung gemacht. Die Gruppe ist getrennt. Der
Vater (bekleidet mit einer rothen Tunika) kämpft allein
mit der Schlange, der eine Sohn liegt todt im Vorder-
grund, der andere kämpft auf der Seite mit der Schlange.
Es stnd Zuschauer in das Gemälde eingesührt und ein
weißer Stier, wahrscheinlich das Opferthier. Jn dem-
selben Hause sindet man im Augenblick noch ein hüb-
sches Gemälde: Polyphem erhält einen Brief von
Galatea durch einen auf einem Delphin reitenden Amorin,

der die Schreibtafel mit köstlicher Geberde hinhält. Jm
Vestibül dieses Hauses befindet sich ein obscönes Mosaik,
ohne Signum, welches mit einem ähnlichen Fresco im
ersten Stock den Ruf des Hauses zu verdächtigen im
Stande wäre, obwohl die sonstige Disposition normal ist.

Jn dem neuausgegrabenen Hause des „Orpheus"
und dem gegenüber liegenden, welches als Hauptbild die
Jagd eines Tigers enthält, kann man jetzt noch sehen,
wie kräftig und schön solche große Bilder als Schluß-
dekorationen der Prospekte gewirkt haben möchten. Jm
Hause der Tigerjagd ist über dem Tablinum noch
eine Freske zn sehen, die ein Forum darstellt, mit den
übereinanderliegenden Kolonnaden und den bemalten
Wänden derselben.

Im Hause nebenan, aus der Erde hervorstehend,
sieht man eine streng architektonisch getheilte schwarze
Wanddekoration mit lebhast rothen Streisen und schönen
grünen Gnirlanden, darauf bnnte Vögelchen. Man kann
sich jetzt noch aus der Pracht dieser Farbe einen Begriss
von dem wunderbaren Aussehen der „pmrsts nsi-s" in
dem Hanse gleichen Namens machen.

Es wird in Neapel wieder eine neue Publikation
vorbereitet, die sich es zur Aufgabe stellt, die bisher nicht
verössentlichten Wanddekorationen von Pompeji mitzu-
theilen. Einige Blätter, die ich davon sah, zeigen, daß
auch diese Reproduktioneu leider zu dem von Zahn,
Niccolini u. A. besolgten Prinzip der „Verschönerung"
sich bekennen. Es werden auf diese. süßlichen Verviel-
fältigungen so große Geldsummen verwendet, daß man
Besseres, als solch' gelecktes Zeug, dafür liefern könnte.

vn. Jsidor.

Vermischte Uachrichteil.

^ Zosef Schönbrunner hat seine kürzlich vollendete
Holzstockzeichnung von Dürer's h. Dreifaltigkeit im Wiener
Belvedere gegenwärtig im Oesterreichischen Museum ausge-
stellt. Der Künstler war mit der Ausführung dieser ihm
bekanntlich von der „Gesellschast für vervielsältigende Kunst"
in Wien übertragenen Arbeit nicht weniger als 14 Monate
hindurch beschäftigt, was uns nicht Wunder nehmen kann,
wenn wir bedenken, daß es sich um eine Platte von 67
Centimeter Höhe und 62 Centimeter Breite handelt, und daß
die Zeichnung mit der dem Künstler eigenen Gewissenhaftig-
keit in voller Originaltreue charakteristisch und sein ausgesührt
ist. Wir können nur wünschen, daß die Gesellschaft eine dieser
Meisterleistung ebenbürtige xylographische Kraft sinden möge,
um die Herstellung des beabsichtigten Farbenholzschnitts ganz
in der würdigen Weise durchzuführen, wie sie in Schön-
brunner's Zeichnung begonnen worden ist.

Zeitschriften.

txtzirtzrsitzlialltz. 8. Hekt.
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