Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

Page: 121
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1876/0067
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
121

Konkurrenzen.

122

ches die schön gruppirte Gesellschaft um die mächtige
Platane zusammengeführt hat uud in Bewegung setzt,
wird nicht klar — ein Mangel, der diesem geistreichen
Künstler bisher nicht zum Borwurf gemacht werden
konnte; verzichtet man aber darauf, einen tieferen Sinn
in dem holden Spiel zn ergründen, das die prächtig
gewandeten Hofdamen und Kavaliere treiben, von denen
einige Herbstzeitlose, andere Herbstsrüchte pflücken, so
kann man sich an dem Adel der Gestalten, an der Frei-
heit der Dnrchsührung und an dem sein abgetönten,
weislich gedämpsten Kolorit nur erfreuen. Gabriel Max
hat bekanntlich über zahlreiche musikalische Citate in
Notenschrift tief und geistvoll conzipirte Jllustrationen
gesetzt; wäre es uns dagegen gestattet, seinem „Herbst-
reigen" eine musikalische Vorzeichnung zu geben, wir
würden, trotz einzelner heiterer Motive, für die Grund-
stimmung unbedenklich niederschreiben: INs moll, und als
Anleitung zum Vortrag: ^.ckuA-io inslunoonioo, non
troppo.

Unter den übrigen Bildern moderner Maler ver-
zeichnen wir eine tressliche Landschaft von Hansch: „Der
große Oetzthal-Gletscher", dann eine schön komponirte
und beleuchtete „Landschaft" von Ferdinand Schauß in
Weimar, einen Oswald Achenbach: „Aus der Cam-
pagna" und eine stimmungsvolle „Landschaft nach Regen"
von A. Achenbach. Jm Porträtfache interessirten uns
zwei Bildnisse von Julius Schmid, einem Schüler
Eisenmenger's, wegen der großen koloristischen Begabung
des jungen Künstlers. Die Art, in welcher derselbe bei
altdeutsch steifem, vielleicht absichtlich affektirtem Vortrage
und sehr schwacher Modellirung die Kniestücke zweier
etwa zwanzigjähriger Mädchen — eine blond, die an-
dere braun —- in schwarzem Sammtkleide aus durchaus
schwarzem Hintergrunde zu unbestreitbarer Farbenwir-
kung herausbrachte, erweckt die besten Hoffnungen für
die Zukunft. Ein Karton ,,Faust und Mephisto" von
Wilhelm v. Kaulbach zeigt diesen Meister noch nicht
auf der Höhe seiner von Bruckmann vervielfältigten
Interpretationen Goethe's; offenbar stammt der Karton
aus einer sehr frühen Periode des Meisters. Eigen-
thümliches Jnteresse gewährt eine Sammlung von cha-
rakteristischen Frauenstudien bedeutender Künstler der
neuesten Zeit, Oelbildchen gleichen Formates und in
gleichen Rahmen, die wohl ein ästhetischer Feinschmecker
aus der zsuuo^se ckoroo mühsam znsammengebracht hat,
und nun im Drange der schlechten Zeit einzeln in alle
Welt vertrödeln muß. Dürften wir eine dieser reiz-
vollen Damen und Dämchen entführen, wir würden uns
für das herrliche Geschöpf F. A. Kaulbach's (Mün-
chen) entscheiden, welches uns das Porträt einer edlen
Genueserin von Van Dyck im Palazzo Rosso (Brignole-
Sale) in angenehme Erinnerung brachte.

Schließlich seien noch einige, zumeist der älteren

Wiener Schule angehörige Bilder kurz erwähnt. Zu-
nächst einige Marko's, darunter zwei besonders schöne,
welche alle als verkäuflich bezeichnet waren. Es ist auf-
fällig, daß dje Bilder dieses Meisters, die noch vor
wenigen Jahren sehr hohe Preise erzielten und von den
Sammlern „stark begehrt" waren, nun einem „starken
Ausgebote" zu recht mäßigen, ja relativ geringen Preisen
unterliegen. Von Amerling befanden sich in der Ok-
tober-Ausstellung ein weiblicher Studienkopf und ein
Knabenporträt. Ersterer war in Zeichnuug und Aus-
druck nicht sonderlich gelungen; letzteres erfreute durch
die amnuthige Schlichtheit des Vortrages und das ge-
sunde, harmonische Kolorit. Von Gauermann waren
mehrere alpine Landschasten und Baumstudien vorhanden,
jedoch größtentheils schwächere Arbeiten, die mit einem
prächtigen Calame, der gleichfalls zu einem nicht hohen
Preise verkäuflich war, den Vergleich nicht aushalten
konnten. Von Danhauser, dem in Wien vordem so
populären Genre-Maler, erfuhren wir, daß er sich einmal
auch zu einem „Pegasus und Bellerophon" verstiegen;
das befremvliche Bildchen dürste ein gelegentlicher Pri-
vatspaß des Künstlers gewesen sein. Jn die vollste vor-
märzliche Behaglichkeit unserer „Kaiserstadt" versetzte
uns dagegen Ranftl's „Gratulation". Das ist ein
leibhaftiges „Stück Alt-Wien", welches uns der Künstler
vorsetzt: die vornehm-zopfige Zimmerdekoration in Weiß
und Gold, das kostspielige Mobiliar in Formen, welche
uns heute ein Lächeln abnöthigen, wenn wir ihnen
irgendwo im Wiener Walde, in einer „gut möblirten
Sommerwohnung", begegnen, das „gemüthliche" Gesicht
der reichgekleideten, feierlich mit dem Hut auf dem Kopfe
dasitzenden Großmutter und die in weißen Atlas gehüllte,
mit rosa Maschen ausstaffirte Enkelin, welche, den„Wunsch"
in der Hand, knixend hereintritt, und von der man das
landesübliche ,;Küß' d'Hand" zu hören vermeint. Das
Bild übt durch seine Jnnerlichkeit und durch das wohl
erhaltene, flott aufgetragene, pastose Kolorit einen großen
Reiz aus; sie ist denn doch nicht zu verachten, dle kaum
verslossene „alte Wiener Schule"!

Oskar Berggruen.

' Lonkurrenzen.

Die k. k. Akademie der bildenden Kiinste in Wien bringt
zur öffentlichen Kenntniß, daß um den von dem verstorbenen
k. k. Feldkriegs-Registrator Josef Benedict Reichel gestifteten
Künstlerpreis hiemit die Konkurrenz eröffnet wird, und
zwar um die pro 1875 und 1876 im Betrage von je 1500 sl.
ö. W. für Maler entfallenden Preise. Beide gelangen
dieses Mal, laut tz 14 des Reglements für die Beschickung
der im Neubaue der k. k. Akademie der bildenden Künste
vom 15. Oktober bis 31. December 1876 stattfindenden Er-
öffnungs-Ausstellung, in dieser zur Votirung. Nach dem
Wortlaute der Stiftungsurkunde vom 17. Mai 1808 soll
dieser Preis „den Künstlern in den k. k. Erblanden, und
z. demjenigen Maler (Oel- und Miniaturmaler), welcher in
der Abbildung oder Ausführung eines Gegenstandes, dessen
Wahl dem Künstler freisteht, nach einstimmiger Erkenntniß
der Akademie die Leidenschaften und Empfindungen der
loading ...