Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Das Antikemnuseuin zu Smyrna.

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den Grognenards des ersten Napoleon's. —- „Die Ver-
theidigung einer Mühle während der Schlacht von St.
Quentin" von Sergent will nicht viel sagen. Die
kleinen Moblots, die wohlbekannten blauen Käfer, sitzen
da im Grase in ziemlich philosophischer Haltung. Nur
Einer, neugieriger als die Anderen, klettert auf das
Hügelchen, wo die Mühle steht, und blickt neugierig in
die Schlacht hinaus. Zwischen den Häusern des Dorfes
sind Kanonen aufgefahren in voller Thätigkeit, und hinter
diesen einige Scenen aus den hintersten Reihen einer
Schlacht.

Bombled, ein Holländer, hat preußische Landwehr-
typen in einem Gefecht gegen französische Dragoner recht
gut aufgegriffen; da leiben und leben sie wirklich, die
Kampfgenosfen, die man vor sechs Jahren um Paris
sah, und man hört auch so Manchen, welcher damals
mit der Landwehr ein Hühnchen gerupft haben mag,
überzeugungsvoll ausrufen: Oourms o'ost yu, oomiwö
e'ost Paul d'Abrest.

Das Antikenmuseum zu Zmyrna.

Bedeutung und Einstuß kleinasiatisch-ionischer Ge-
schichte unv Kultur aus Hellas im engeren Sinne sind
uns aus der alten Geschichte wohlbekannt. Wir betreten
jene Gestade, erfüllt von Erinnerungen an ihre große
Vergangenheit, deren deutliche Spuren uns wenigstens
noch in den Ruinen großartiger Anlagen entgegen treten.
Man kann wohl sagen, kcine Sladt des klassischen Alter-
thums—Rom, Athen und Pompesi nicht ausgeschlossen —
bietet dem Besucher ein so grandioses Bild des Ensemble's
antiker Stadtanlagen, der Gruppirung der öffentlichen
Bauten im Umkreis der weiten Märkte, der Stätten des
öffentlichen Verkehrs, wie das an vier Stunden im Um-
sang begreifende Ruinenseld von Ephesus, einer Stadt,
deren erhaltenen Bauwerken ausnahmslos der Charakter
privater Bestimmung abgeht. Ephesus ist hierin eine
Ausnahme auf dem Gebiete der Architekturarchäologie;
denn Stävte ähnlicher Bedeutung, wie Antiochien in
Syrien und Alepandrien in Eghpten, sind bis zu totaler
Unkenntlichkeit ihrer Vergangenheit in den Zeiten ves
Verfalls oder neuer Aufblüthe umgestaltet worden. Da-
gegen ist es eine merkwürvige Erfahrung, daß kleine
von Klassikern manchmal kaum erwähnte Provinzialstädte
Joniens wie überhaupt Kleinasiens, ganz besonders aber
Kariens, durch eine bis in die Details herabgehende
Konservirung von Einzelbauten sich auszeichnen; leider
eine Regel, deren Uebertragung auf die plastischen Monu-
mente fast niemals möglich wird. Selbst in Ephesus
ist mir nicht ein einziger Torso begegnet. Die Stadt
Rhodos, in welcher Plinius dreitausend Statuen zählte,
hat heute nur noch ein einziges, elend verstümmeltes
Relief aufzuweisen. Wo nur der Pflug des Beduinen

oder Fellachen auf ein Stück Statue stößt, geht er ihm
mit dem Jngrimm seines religiösen Fanatismus zu Leibe.
Es ist wahr, ein neues Gesetz des Sultans verlangt die
Einsendung der Funde nach der Hauptstadt zur Be-
reicherung des dortigen Museums. Aber gelangt auch
wirklich einmal eine Statue in die Dogana einer Hafen-
stadt zur Weiterbeförderung, so verschwindet sie gewiß
unter den Händen der Beamten. Um dieser Wirth-
schaft wenigstens in gewissen Grenzen ein Ziel zu
stecken, hat sich in Smyrna ein Verein angesehener
Griechen gebildet, beseelt von dem patriotischen
Gefühle für ihre große Vergangenheit, mit der Tendenz,
den ebenso prahlerischen wie scheinheiligen Kunstbestre-
bungen der hohen Pforte Konkurrenz zu machen, und
wir müssen sagen, ihrer Energie und Aufopferung ist
es bei der ganz kurzen Dauer des Bestehens gelungen,
ein Jnstitut lebensfähig zu machen, das im ganzen Orient
seines Gleichen sucht. Auch die viceköniglichen Jnstitute
in Kairo, Museum und Bibliothek, müssen hiergegen
zurücktreten.

Wenn Athen der politifche Mittelpunkt des moder-
nen Hellenenthums ist, so ist Smyrna die Metropole
seiues Handels. Mehr als die Hälfte der 200,000
Einwohner zählenden Stadt gehört der griechischen
Naüonalität an, und in den Händen dieser ist der Markt
des Hafenplatzes. Aber der Grieche, gleichviel ob Kauf-
mann oder Handwerker, ist in erster Linie Patriot.
Europa's Staatengeschichte ist ihm ziemlich gleichgiltig;
der Stolz auf vie historische Vergangenheit seiner Ahnen,
deren Geschichte ihm schon auf der Schulbank Evan-
gelium war, ist ihm Alles. Unleugbar liegt in dieser
Ueberzeugung eine Triebkraft nationaler Entwickelung.
Man wirv sich darnach nicht wundern können, wie es
möglich ist, daß ein fast nur von Kaufleuten gebildeter
Verein, ganz ohne Leitung eines Fachmanns, aus eigenen
Mitteln nicht nur Materialien zur Bildung eines Mu-
seums, Kunstwerke wie literarifche Dokumente, zusammen-
brachte und noch immer herbeischasft, sondern auch sich
angelegen fein läßt, in der Anordnung der Objekte nach
wissenschaftlichen Prinzipien zu verfahren. Ja auch auf
vem Gebiet der Epigraphik versucht man sich mit Erfolg,
wo doch sonst der Dilettantismus zurückschreckt. Die
Beveutung des epigraphischen Theiles der Smyrnenser
Sammlung kann hier nicht ausgeführt werden. Wir
verweisen dafür auf die Berichte der Berliner Akademie
der Wissenschaften. Auch eine Besprechung der Samm-
lung von Anticaglien, Münzen und Gemmen können
wir übergehen, da dieselbe ein mehr antiquarisches als
kunsthistorisches Jnteresse beanspruchen muß. Anders
verhält es sich mit der, wenn auch numerisch noch nicht
bedeutenden, Sammlung plastischer Werke. Wer die
Verhältnisse des Landes kennt, muß schon ihr Zustande-
kommen ein halbes Wunder nennen. Aus dem alten
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