Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Kunsthandel. — Kunstgeschichtliches

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und die Wiedergabe ist hier von geradezu grausamer
Wahrheit. Wo jedoch der Realismus den Höhepunkt
seiner Leistungsfähigkeit erreicht, das ist in der Dar-
stellung des Kaisers und seiner beiden Genossen. Maxi-
milian trägt, wie es die Beschreibungen der damaligen
Periode erzählten, einen schwarzen Gehrock, dessen Farbe
die außerordentliche Blässe seines Gesichtes noch ergrei-
fender hervorstechen läßt; die Augen sind schon im
Brechen und man sühlt, daß der Getroffene im nächsten
Moment zusammensinken wird. Ueber das Gelände der
Maner guckt ein Dutzend neugieriger Weiber- und
Kinderköpfe herüber, die höchst wahrscheinlich auf die
Schultern gefälliger Väter und Ehefrauen geklettert sein
müssen, um der unheimlichen Scene beizuwohnen. Diese
Köpfe, die nichts von Schrecken zeigen, sind eben so
viele Charakterstudien. Das Bild selbst ist keine No-
vität. Wie mir Manet mittheilte, schus er es unter
dem ersten Eindruck der Berichte aus Mepiko und zwar
nach den sehr in's Detail gehenden Beschreibungen der
amerikanischen Journale. Sowohl politische Motive als
Konvenienzrücksichten hielten Herrn Manet davon ab,
dieses Werk auszustellen. Auch suchte er nicht einmal
dasselbe zu veräußern. Er stellte es einsach auf den
Boden, als wäre es eine werthlose „eronks". Selbst
seine Freunde wußten nichts davon, und erst jüngst, da
ein amerikanischer Unternehmer sich bei Herrn Manet
einfand und ihn mit einer Bestellung für Philadelphia
beehren wollte, erinnerte sich der originelle Künstler an
seinen „Mapimilian". Das Gemälde wird höchst wahr-
scheinlich — der Handel war dem Abschlusse nahe —
über See spedirt werden und in Philadelphia zu den
bemerkenswerthesten Knriositäten der Kunsthalle gerechnet

werden. Schauen wir uns noch im Atelier um.

was ist das für eine bekannte Gestalt im orientalischen
Kostüm, mit Nonchalance aus eine Ottomane dahingestreckt?
Diese lebenssrohen, schmachtenden und wollüstigen Züge
sind uns nicht fremd — kennt sie doch jeder Pariser,
ller gelegentlich etwas „mitmacht". Von ihrem Manne,
einem schriftstellernden Adeligen geschieden, wanderte die
Dame unter dem wachsamen Auge ihrer Frau Mutter
durch die Pfade des abenteuerlichen Pariser Lebens,
welche mitten durch die Vergnügungsorte, die Renn-
bahnen, die Logen der kleinen Theater und die seinen
Restaurants führen. Es ist eine glückliche Idee, das
leichte, aber liebenswürdige Geschöpf in dem orientalischen
Kleide und in der vielleicht etwas freien, aber zu der Phy-
siognomie durchaus passenden Lage versinnlicht zu haben.
Der Ausdruck der Gesichtszüge ist — kuhn, vielleicht
etwas mehr, aber da läßt sich nicht viel einwenden —
denn dieser Ausdruck ist getrenes Porträt — vom
moralischen wie vom physischen Standpunkt. Ganz das
in einen Harem verpslanzte Pariser Gewächs.

Die Leser der „Zeitschrift" werden wohl noch gewiß

den letzthin mitgetheilten Holzschnitt nach Stevens, den
„Frühling" Im Gedächtniß haben. DieseallegorischeFigur
befindet sich bekanntlich im königlichen Palais zu Brüssel.
Seit längerer Zeit hatte man den berühmten Genre-
maler anfgesordert, zu diesen Bildern Seitenstücke zu
liefern, um die Allegorie der vier Jahreszeiten zu ver-
vollständigen. Stevens hat sich nun an die Arbeit ge-
macht und schuf Sommer, Herllst und Winter im näm-
lichen Stil einsach durch drei feine Weibergestalten. Die
Personifikation des Winters namentlich wird gerechtes
Aufsehen erregen. Der Künstler verkörpert die strenge
Jahreszeit in einer Dame in Balltoilette, die im Be-
grisfe steht, ihr Boudoir zu verlassen, wodnrch der Bann
des ewigen Winters im Schneegewande gebrochen wird.
Fügen wir noch hinzu, daß es eine vornehme Dame ist,
die sich als freiwilliges Modell für diesen Winter ein-
stellte, — sie wußte, daß die Behandlung ihrer Züge
durch Stevens ihr nicht zum Nachtheile gereichen werde.

Paul d'Abrest.

kimstmarkt.

W. Der Kunsthändler Franz Meyer in Dresden hat so-
eben emen Kunstlager-Katalog erscheinen lassen, der für
Freunde von neueren Maler-Radirungen viel Jnteressantes
enthält. Besonders deutsche t'ointro-Aru.vsurs sind mit vielen
ihrer Werke vertreten; nicht wenige Blätter erscheinen in
verschiedenen Abdruckszuständen, vom reinen Aetzdruck bis
zur vollendeten Platte, mie sie in die Hand des Kunstver-
legers überging. Von den besonders reich vertretenen Werken
nennen nnr das fast vollständige, von Andresen in seinen
„Malerradirern des 19. Jahrhunderts" beschriebene Werk
des Landschaftsmalers Georg Busse, des Prager Akademie-
Direktors Joseph Bergler (254 Blätter), des früh verstor-
benen I. C. Erhard, das gleichfalls fast komplete Werk
des Fr. Gauermann, das vollständige Werk des I. I.
Gensler, eine reiche Auswahl von Radirungen des I. A.
Klein, Wilh. Kobell, C. Krüger, I. F. Morgenstern,
G. F. Papperitz,- A. Peyer, M. Plonsky, I. C. Rein-
hart, A. L. Richter, W. Wegener und anderer mehr.
Die zweite Abtheilung des Katalogs enthält eine kleine, aber
ausgewählte Sammlung von Handzeichnungen, meist Aqua-
relle, gleichfalls moderner Künstler. Kunstfreunde haben
hier Gelegenheit, ihre Mappen zu bereichern, um so mehr,
als die Preise durchweg nicht hoch gestellt stnd.

Lmistgcschichtliches.

Die Ausgrabungen zu Olympia. Seit Abschluß des
vorigen Berichts liegen weitere Mittheilungen vom 30. De-
cember 1875, 6. und 13.Januar d. I. vor. Jndem die Arbeiten
an der Ost- und Westseite mit gleichen Arbeitskräften fort-
gesetzt werden, stellt fich die Thatsache heraus, daß die Funde
da beginnen, wo die schwarze Erde unter der gleichmäßigen
Sandschicht zum Vorschein kommt. Die Stärke derselben ist
ungleich. ' Während fie an der Fundftätte des Flußgottes
und des Wagenlenkers zwei Meter beträgt, erreicht fie an
der Fundftelle der Nike schon drei Meter. Ein ähnliches
Verhältniß ist im Westgraben beobachtet, indem sie hier
80—90 Schritt vom Südrande des Tempels 2,70 und einige
40 Schritt füdlicher schon 4,50 beträgt. Das alte Terrain
scheint demnach vom Tempel nach dem Alpheios sich mäßig
gesenkt zu haben. Wie stark die von Ziegeltrümmern durch-
^ setzte schwarze Erdschicht sei, ist noch nicht ermittelt worden.
Zu den schon bekannten Funden fügen wir nachträglich hinzu,
daß das ganze, aus fünf Blöcken beftehende dreiseitige Posta-
ment der Nike zum Vorschein gekommen ift. Eine eingesandte
Skizze der Figur zeigt, daß der Gürtel aus Bronze eingelegt
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