Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Korrespondenz.

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Korrespondcnz.

Bremen, im Februar 1876.

Bekanntlich hat unsere Stadt in Steinhäuser
und Kropp ihre heimischen Bildhauer, die sich in
ihrer Richtung und Anlage in ausfallender Weise er-
gänzen. Während der Erstere vor Allem Meister in
der Darstellung zarter Anmuth, lieblicher Iugend und
edler Weiblichkeit ist, liegt die Stärke des Anderen in
charakteristischem Ausdruck krastvoller Männlichkeit, na-
mentlich aber im Porträt. Steinhäuser lebt abwechselnd
in Karlsruhe als Professor der dortigen Kunstschule und
in Rom, der langjährigen Stätte seines Schafsens. Die
Vaterstadt sieht ihn selten; durch eine ansehnliche Reihe
seiner Werke wird sie aber geschmückt. Vier davon
besitzt die Stadtgemeinde als öffentliche Denkmale; in
den schönen Wallanlagen die Statue des Bremischen
Astronomen Olbers und eine kolossale Marmorvase,
deren Relief den hier üblichen Umzug der alljährlich
zum Besten eines Waisenhauses verloosten sogenannten
Klosterochsen darstellt. Dann die Statue des Bürger-
meisters Smidt im großen Rathhaussaale, und vor der
Ansgariuskirche eine Gruppe: „Der heilige Ansgar
einem Sklaven das Joch abnehmend." Sechs Marmor-
werke allein hat der Kunstverein in seiner Halle auf-
gestellt: einen jugendlichen David-Schleuderer, eine De-
borah, seinen Violinspieler, seine Mignon, eine die
Büchse öffnende Pandora und endlich eins seiner besten
Werke, eine liebliche gefesselte Psyche, die namentlich
durch den rührenden Ausdruck kindlich zarter Unschuld
wirkt. — Ferner hat die Stephanikirche von seiner Hand
einen marmornen Prachtaltar mit einer Grablegung in
Relief und reichem Mosaikschmuck nach Art der soge-
nannten Kosmatenarbeit; mehrere Grabdenkmale von
ihm schmücken unsere Friedhöse, und endlich befindet sich
eine Anzahl seiner Marmorwerke, wie z. B. seine
Gruppen Hero und Leander (eine Wiederholung von der
zu Polsdam), Cbaritas und Genovefa mit dem kleinen
Schmerzenreich und der Hindin, eine Madonna mit
vem Kinde uno das liebliche Mädchen, das dem Sausen
eines an's Ohr gehaltenen Muschelhorns lauscht, bei
Privatbesitzern.

Wie schon bemerkt, durchaus verschieden von Stein-
häuser ist die Art und Richtung unseres Kropp, der
seine Werkstatt bei uns aufgeschlagen hat und dessen
ganzes kräftiges, volksthümliches Wesen mich immer an
die alten, handsesten und wackeren Nürnberger Meister,
an einen Adam Krasft, Peter Vischer, Labewolf u. s. w.
erinnert, gleich denen er nicht verschmäht, neben seinen
Büsten, Statuen und Reliess mit gleicher Bereitwillig-
keit auch Untergeordnetem seine Krast und sein Talent
zu widmen, falls es bei ihm bestellt wird. Das Wappen-
schild, das Bauornament, das Säulenkapitäl und die

einfache Konsole — nichts ist ihm zu niedrig und '
gering, aber sein Streben und sein Stolz ist es wieder,
daß zugleich jedes dieser Stücke einen gesunden unv
stilvollen Charakter und Ausdruck architektonischen Lebens
zeige, und so sich würdig beweise, einer wirklichen Künstler-
werkstatt zu entstammen. Wie aber auch sonst aus
schlichtem Sandstein weitaus seine besten Werke bestehen,
ist schon öfters in diesen Blättern behandelt worden,
und noch einmal sei es gesagt, daß seine würdigen Ge-
stalten des Petrus und Lukas an der Fa^ade des Künstler-
vereinshauses, und vor Allem seine lebens- und cha-
raktervollen Volkstypen des Landmanns, Bergmanns,
Seemanns, Fischers und Maschinenbauers (dieser bereits
in der Zeitschrift abgebildet) an der neuen Börse die
tüchtigsten und herzerfreuendsten Werke sind, die man
sehen kann, und gegen deren künstlerischen Werth seine
kolossale marmorne Statue der Brema im Jnnern der
Börse entschieden zurückstehen muß.

Jn letzter Zeit sind wieder drei echte Charakter-
figuren aus seiner Werkstatt hervorgegangen. Ein wackerer
und wohlhabender Schuhmachermeister unserer Stadt,
Rosemeyer ist sein Name, hatte nämlich den gesunden
Gedanken, die Stirnseite seines neugebauten stattlichen
Wohnhauses mit drei lebensgroßen Standbildern be-
rühmter Schuhmacher zu schmücken. Er konnte sich
dafür so leicht an keinen besseren wenden als an Meister
Kropp. Daß der heilige Crispin, der Schutzpatron
der edlen Schuhmacherzunft, nicht dabei sehlen durfte,
wac natürlich. Als eine edle apostelartige Gestalt ist
er gebildet, in lang herabfließendem Gewande von treff-
lichem Faltenwurs, im Begrisf, einem Armen zum Schuh-
werk ein Stück Leder zu zerschneiden; für den bildenden
Künstler eben keine begeisternde Aufgabe. Ungleich in-
teressanter dagegen war diese bei der zweiten Figur, die
den tapfern Altgesellen Hans von Sagan darstellt,
welcher 1370 in der großen Entscheidungsschlacht des
deutschen Ordens gegen die heidnischen Lithauer zu Rudau
(bei Königsberg), schon selbst schwer verwundet, durch
sein kühnes Vorgehen, in der Hand die Fahne, den schon
fast verlorenen Kampf plötzlich zu einem siegreichen
machte, wofür er dann mit Ehren überhäust ward.
Kaiser Karl IV. erhob ihn gar in den Adelstand und
gestattete der Schuhmacherzunft das Recht, fortan den
kaiserlichen Adler in ihrer Fahne zu sühren. Einfach
und ruhig steht der muthige Gesell da mit seinem höl-
zernen Beine, auch einem Denkzeichen jener Schlacht, wäh-
rend er die siegreiche,Fahne mit der Rechten umfaßt
hält, und, die Linke aus die Hüste gestützt, schaut er uns
mit gutem, treuherzigem Ausdruck im jugendlichen Antlitz
fest, mannhaft und muthig entgegen. Schade nur ist,
daß sein Kostüm, ein förmlicher Waffenrock mit einer
Art von Blouse darüber, einen gar zu modernen Ein-
druck macht. Jn der dritten Figur dagegen, die na-
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