Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Die Familie Meister Erwin's.

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wie gesagt, um den ganzen Unterbau und um die Basen
der vier Eckfiguren herumgeht, fehlt ihm auch die Ueber-
sichtlichkeit. Für diesen Fries würde sich seiner ganzen
Anlage nach nur eine an Bewegung reiche Darstellung
geeignet haben. Haupt- und Staatsaktionen, Repräsen-
tationsscenen verlangen einen sichtbaren, räumlicheu Ab-
schluß, eine geschlossene Komposition.

Man hätte vielleicht besser daran gethan, wenn
man sich nur aus die Statue des Ministers und höch-
stens noch aus die vier Sockelreliefs beschränkt hätte.
Das Einfachere wäre in diesem Falle das Wirkungs-
vollere gewesen.

Es läßt sich mithin nicht behaupten, daß die mo-
derne Plastik durch das Steindenkmal in Berlin eine
Bereicherung von besonders künstlerischem Werthe er-
fahren habe. X. L.

Die Famitie Meister Ermin's.

Jn der Knnstchronik vom 29. Oktober und vom
5. November hat Herr F. T. Kraus einen Aufsatz
über „Meister Erwin von Straßburg und seine Familie"
veröffentlicht; in den ersten Tagen des November ist
meine „Geschichte der deutschen Kunst im Elsaß" er-
schienen. Da beide Publikationen gleichzeitig erfolgten,
konnte keine aus die andere Rücksicht nehmen, und einen
größeren Aussatz über dasselbe Thema von Herrn C.
Schmidt im „Bulletin" der Gesellschaft sür Erhaltung
der elsässischen Denkmäler vom 14. Iuni 1875 konnten
beide nur noch nachträglich heranziehen. Es ist daher
wohl am Platze, nochmals kurz zusammenzustellen, was
auf Grund dieser neuen Untersuchungen als seststehend
angesehen werden kann, und welche Meinungsverschieden-
heiten noch obwalten.

Was zunächst die Inschriften betrifft, welche als
Quellen dienen, so liest Herr K'raus auf dem Grabsteine
von Erwin's Sohn, dem Werkmeister zu Niederhaslach,
N.OOO.XXIX, während die früheren Mittheilungen
und ebenso meine eigene Abschrift des Originals
N OOO.XXX lauten. Hier hat also eine neue Ver-
gleichung stattzufinden. Die ehemalige Jnschrist über
dem Hauptportal des Straßburger Münsters, welche von
Schad und Schilter mitgetheilt worden ist, läßt Herr
Kraus gänzlich sallen, indem er zweifelt, ob sie über-
haupt existirt habe. Aber jene Autoren führen ja die
Jnschrift als eine noch zu ihrer Zeit bestehende an.
Man mag im Unklaren varüber sein, wo sie sich eigentlich
befunden habe, und wie sie verschwunden sei, man mag
betonen, daß ihr Ursprung in Erwin's eigener Zeit
nicht zu erweisen sei, und daß er nur in ihr „Erwiu
von Steinbach" genannt werde, aber weiter darf man
nicht gehen. Hinsichtlich der Jnschrift an der Marien-
kapelle, deren Fragmenle noch im Frauenhause vorhanden

stnd, hat Herr Kraus vollkommen Recht, wenn er gegen
die Versuche, die Worte „llut milli 8souuäuni vsrlluiu
tuuur" ihrem Jnbalte uach mit Erwin in Beziehung
zu bringen, protestirt. Der angeschriebene englische Gruß
und die Jnschrist, die den Meister nennt, gehen ein-
ander nichts an. Bei letzterer bezweifelt Herr Kraus
den alten Ursprung, mir selbst waren solche Bedenken
nicht gekommen. Es ist also eine erneuerte Prüfung
am Platze.

Die bisher bekannteu urkundlichen Erwähnungen
von Nachkömmen Meister Erwin's sind durch die Herren
Schmidt und Kraus dankenswerth vermehrt worden.
Bei dem Wohlthäterbuche des Münsterarchivs that ein
neues zusammenhängendes Studium des Originales noth,
und auf Grund eines solchen haben sowohl Herr Kraus
als auch ich selbst, in einem Nachtragsabschnitt meines
Buches, mehrere Stellen mitgetheilt. Hier wünsche ich zu-
nächst mehrere überseheneDruckfehler zu berichtigen, die in
meinem Buche gerade die auf den Grubenmeister Winlin
zu Dinsheim bezüglichen Zeilen entstellen (S. 322, Zeile
15—17 von unten). Es muß heißen XIIII. kl. (statt
XOIII), das in Parenthese angegebene Datum (16. Fe-
bruar) ist dagegen richtig; serner vuulli visi'äsllöal
villiksruill (statt vioräonAsl vini luui). Ich hatte aus
Versehen auch im Manuskript für den Druck die Ab-
kürzung des Originals vinik'aill bestehen lassen, und
die eilige Herstellung des Nachtrags, nachdem sonst der
Druck schon fertig war, erklärt diese Errata. Ein
Drucksehler bei Herrn Kraus (rsääitu statt rsääitrm,
Spalte 52, Zeile 17 von oben) ist ganz unwesentlich.
Dagegen sind in dem Stammbaum, den er aufstellt,
zwei Daten zu berichtigen. Erwin II. starb am 8. Mai
(nicht am 6.), Iohannes Winlin am 22. April (nicht
am 23.). Eine Stelle, die er mittheilt, sehlt ferner
bei mir: 7. August: Itsin lollunllSZ äiotu8 Drvän
odiit äsäit llllg.ni lidrgni; eine zweite ist in beiden
Publikationen nachzutragen: 20. Iuli: Itoni Xnng vxor
äioti srrvill odiit äsäit v68toill ouill vgrio.

Jn einem Punkte muß ich nun Herrn Kraus bei
der Benutzung dieser Quelle entschieden widersprechen.
Bei der Wendung o. ää'. (odiit äoäit) glaubt er das
erste Wort, welches manchmal als o', manchmal als o
mit schrägem Querstrich abgekürzt ist, in ersterem Falle
nicht als odiit sondern als oxori lesen, und eine Schen-
kung von Seiten eines Lebenden annehmen zu dürfeu.
Das ist nicht denkbar; eine Abkürzung, bei welcher das
i des Dativs wegfiele, kann nicht angenommen werden,
der Satzbau ist jedesmal ganz derselbe. Die Schwierig-
keiten, welche der Tept des lidsr ägtivrm darbietet,
werden vielmehr durch die Kritik, welche ich im Nach-
trage zu meinem Buche geübt habe, vollständig besei-
tigt. Disferirt das Todesdatum Erwin's I. um zwei
Tage von dem seiner Grabschrist, so erklärt sich dies
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