Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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XI. JahrMNll.
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sLoipzig, Königsstr. 3),

30. December

Nr. 12.
Mscrate

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Mal gefpaltene Petitzeile
werden von jeder Bnch-

Bcililgtt znr Zcitschrist siir bildcndc Knnst.


Jnhalt: „1807" von 4^issozrie^. -- Di^^Selle^y^Aussttslung ^im^iei^er Kitnstlerhause^If.^ — Bildwerke^nnd^Ban^eit^de^ ^h^ Alhen.

„1807" von Meilsonier.

Dem siegesgewohnten Jmperator znm Trotze halten
die russischen Jnfanterie-Karrtz's, als wären sie nicht

aus Fleisch nnd Bein, sondern aus Stein nnd Erz.

Der Kugel- nnd Bombenregen öfsnet kanm hie und

da eine Lücke in dem lebenden Wall und wenn diese
Lücke entsteht, füllt sie sich bald wieder und das Viereck
bietet die nämliche eiserne Fronte. Um diesen zähen,
heroischen Widerstand zu brechen, mnßte das Aenßerste
geschehen! Die bepanzerten Reiter der Garde, die mit
Raserei dahinbransenden Kürassier- nnd Dragonerschwa-
dronen, an deren Spitze der pomphafte Federbusch
Mnrat's wehte, sollten aufsitzen und in gewohnter Weise
wie ein rollendes Gewitter in die russischen Karrs's
dreinfahren und jeden ferneren Widerstand mit der

scharfen Klinge ihrer Pallasche znnichte machen; die
Verwegenen, welche dem Kaiser den Sieg streitig machen
wollten, waren den Hnfen der Normännergänle über-
liesert. Napoleon hat Bessiüres die Befehle ertheilt,
die todesmnthigen Schwadronen eilen deni Feinde ent-
gegen, und von einer kleinen Anhöhe, vom Stabe nm-
geben, hoch zu Rosse erwidert der oberste Feldherr den
Gruß — für viele der letzte, — den ihm die Reiter
säbelschwingend entgegenbrüllen.

Diesen Moment (man vermuthet, daß er während
der Schlacht von Friedland spielt) wählte Meister Meis-
sonier, um daraus das am theuersten bezahlte Bild
moderner Zeiten zu machen. 300,000 Francs in baarer
Münze beträgt das Lösegeld, welches der amerikanische
Krösus Stewart erlegt hat, um diese neueste Schöpsung
des Pinsels Meissonier's über den Ozean hinüberzu-

sühren — und man versichert, daß der splendide Uankee
noch ein erkleckliches Sümmchen sür Transport nnd Zoll-
spesen zu bezahlen haben wird; daran liegt ihm Nichts;
er hat einmal anf das Bild Meissonier's eine Passion
bekommen, und er läßt sich's Alles kosten, um dieser
Lust zu genügen.

Man entschuldige, wenn ich hier vor allen Dingen
von dem enormen Preis dieses Bildes spreche, ehe ich
die Komposition selbst schildere; in Paris macht diese
mehr als königliche Entlohnuug künstlerischer Arbeit
ungeheures Aufseheu, obwohl man seit einer Reihe von
Jahren gewohnt ist, für Bilder die schauderhaftesten
Summen zn bezahlen. Abcr diese Snmmen kamen bis
jetzt nie den Malern selbst zn Gute, (mit Ausnahme
etwa einiger Porträtmaler, die auf Bestellung arbeiten)
es profitirten davon stets Bildermakler, Zwischenhändler
oder spekulative Dilettanten, die es verstehen, ein Bild,
welches sie vcrhältnißmäßig billig erstanden haben, im
geeigneten Momente loszuschlagen, wenn dcr betreffeude
Künstler „6n linn886" ist. Hier jedoch sließt das viele
Geld wenigstens seiner rechtmäßigen Quelle zu, die uu-
geheure Summe ist nicht Gegenstand eines Schachers,
sondern reichliche Belohnung langjährigen Fleißes und
gewissenhafter, wenn auch nicht mit allem Erfolge ge-
krönter, Anstrengungen. Ehe das Bild nach Amerika
übersiedelt, wurde es bei dem Kunsthändler Herrn L.
Petit, einem knndigen Geschäftsmanne, ansgestellt und
erfreute sich natürlich eines großen Zuspruches. Leider
ist das Lokal der Ausstellung nicht am vortheilhastcsten
sitnirt, das Lickü zu spärsam bemessen, und außerdem
gab es die ganze Ausstellungswoche hindurch trübe
Winterzeit, welche gar nicht geeignet war, den Glanz
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