Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Kunstliteratur,

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Ueber Selleny's Hauptwerke unter den OelgemLlden
ist schon so Vieles und Treffendes geschrieben worden,
daß kauin etwas Neues darüber gesagt werden kann.
Seine große „Jnsel Sanct Paul" — im Besitze des
Herzogs von Koburg — die große „Barre von Sanct
Paul" und das große Oelbild „Die Felsentempel von
Mahainalaipur" sind in der That unübertreffliche Muster
jcnes klassischen Realismus in der Darstellung der Natur,
auf den wir iin Eingange nnserer Besprechung hinge-
wiesen; die gesaiuuite Kunstgeschichte hat nur wenig Na-
turbilder aufzuweisen, denen man eine gleich großartige
und objektive Ausfassung, eine gleich vollendete Ausfüh-
rung nachrühmen könnte. Angesichts dieser Werke ein-
pfindet man es doppelt und dreifach schmerzlich, daß sich
zu Lebzeiten des Meisters Niemand gefunden, der nach
seinen Skizzen Bilder bestellt hätte; der Staat hatte damals
Geld genug zu verunglückten Bauten und „Monu-
menten", Private kauften fleißig den heute schon abge-
blaßten Tand protegirter Modemaler, für Selleny aber
saud sich, trotz seiner so geringen Ansprüche, kein Mäcen!
Und doch giebt es unter den zahllosen interessanten „No-
vara"-Skizzen so zahlreiche, denen man es förmlich an-
sieht, daß sie der Künstler im Hinblick auf die dereinstige
Ausführung aufgenommen; ja, man möchte beinahe be-
haupten, daß fast jede seiner Skizzen zur Vorstudie be-
stimmt war für ein ihm bereits vorschwebendes Natur-
gemälde. Zu den genannten drei Hauptbildern finden
wir übrigens nicht bloß zahlreiche Aufnahmen, sondern
die Jnsel Sanct Paul wurde von Selleny auch mehrfach
in kleinerem Formatp gemalt, während er, wie bereits
erwähnt, die Tempel von Mahamalaipur auch in eineni
herrlichen Aguarelle darstellte. „Sanct Paul mit der
Barre" und dieselbe Jnsel als „Vorposten in der Süv-
See", mit einer humoristisch wirkenden Staffage von
Pinguinen sind unter den kleineren Wiederholungen dieses
dem Künstler so znsagenden Thema's besonders interes-
sant. Von großem koloristischem Jnteresse ist der „Ver-
zauberte See", der sich ansieht, als hätte eine tropische
Armida ihren Zaubergarten von einem dcr großen vene-
tianischen Farbenkünstler insceniren lassen; man wird
sörmlich enttäuscht, wenn man nach näherer Bekannt-
schast mit den brannen Nymphen und weißen Pelikanen,
welche die Staffage des Feenparks bilden, im Neben-
zimmer plötzlich die Entdeckung macht, daß man blos
nach Manila zu dampfen braucht, um in's Zauberreich
zu gelangen und alldort eine leibhaftige braune Schöne
zu erlösen.

Oskar Berggruen.

Lullj'tlilerlünr.

Das Alter der Bildwcrke und dic Bauzeit des sogc-
uanttten Theseion in Athen. Eine archäologische
Untersuchung von W. Gurlitt. Wien, Karl Ge-
rold's Sohn. 1875. 96 S.

Der Vs. gehört, wie schon der Titel zeigt, zu der
sich immer mehrenden Zahl von Gelehrten, welche den
wohlerhaltenen Hexastylos im Westen oer Stadt Atheu
nicht für das stadtische Heiligthum des Heros Theseus
halten. Die entscheidenden Gründe sür viese negative
Ansicht waren bisher aus der topographischen Anorv-
nung in der Periegese des Pausanias entommen, und
aus dem Umstande, daß man an dem in Rede stehenven
Tempel die charakteristischen Merkmale eines Heroon
nicht zu sinden vermochte. -—- Doch kann man dies letz-
tere Argument nur mit Vorsicht gebrauchen, da man
zugestehen muß, daß bei dem jetzigen Stande unserer
Kenntnisse ein sicheres Urtheil über die Orientirung der
griechischen Tempel noch nicht möglich ist. Daher schlägt
der Vf. einen neuen Weg ein, indem er zu erweisen
sucht, daß sowohl die Bildwerke als auch die Architeklur
des Tempels nicht in die Kimonische sondern in die Peri-
kleische Zeit gehören, woraus dann folgen würde, daß
unser Tempel nicht das von Kimon 470 v. Chr. erbaute
Theseion sein kann.

Aus einer eingehenden Vergleichung der Skulpturen,
namentlich am Westsries des „Theseion" mit den Me-
topen des Parthenon ergiebt sich, daß die ersteren jünger
sind als die letzteren, daß sie in ihrer stilistischen Er-
scheinung und mehr pathelischen Ausfassung auf eine
Zeit deuten, welche schon den ungeheuren Fortschritt,
welchen Pheidias in der Entwicklung der griechischen
Bilvkunst bezeichnet, erfahren halte. Auch ist durch Ver-
gleichuirg mit gleichzeitigen Vasenbildern im hohen Grade
wahrschcinlich gemacht, daß der Cyklus der acht Theseus-
thaten, wie- ihn acht Metopen des sogenannten Theseion
darstellen, nicht die älteste Form dieser cyktischen Dar-
stellnng ist, wie wir sie im ächten Theseion voraussetzen
müssen.

Ein eigenes Kapitel ist dann noch der Architektur
des „Theseion" gewidmet. Es zeigt sich in derselben eiue
weiter gehende Vermischung des dorischen und ionischen
Stils als beim Parthenon, was sich auch am Einfachsten
aus einer späteren Entstehung erklärt.

So sind in der Schrist alle für die Zeitbestim-
mung verwendbaren Punkte zum ersten Male zusammen-
gestellt und damit ist neues Licht auf diese schwierigen
und für die Erkenntniß der Entwicklung der griechischen
Kunst in der Blüthezeit wichtigen Fragen geworsen.
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