Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Die Selleny-Ausstellung im Wiener Künstlerhause.

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Im Saal der Mi niaturen sah man eine Samm-
lung von Miniatur-Gemälden von F oucq uet de Tours
aus dem fünszehnten Jahrhundert, im Besitz des Herrn
vr. Brentano, welche künstlerisch und lültnrhistorisch
gleich werthvoll sind.

Die Sammlung Venetianischer Gläser war
sehr lehrreich. Sie enthielt meist Stücke ersten Ranges,
ausgezeichnet durch Form und Material.

Aehnliches gilt von den Majoliken nnd den
Emaillen aus Limoges. Von Rinuils eloisonnss
dagegen waren nur einige Prachtstücke ausgestellt.

Ueberraschend war der Schrank mit den antiken
Broncen, welcher eine so große Fülle von Stücken
ersten Ranges, besonders von Statnetten, aber auch
Vasen rc. enthielt, wie kaum in einem größern Museum.

Von besonderem Jnteresse war das Zimmer mit
den kirchlichen G egenständen, weil dasselbe viele
Stücke seltenster Art, wie z. B. das byzantinische
Reliquiar aus dem zehnten Jahrhundert, aus dem Schatz
des Doms zu Limburg (welches Prosessor aus'm
Weerth publicirt hat) ein Reliquiar aus Blei, in Form
einer Basilika u. A. enthielt. Die silbernen Mon-
stranzen gehören zu den größten und schönsten, die es
giebt.

Sehr interessant war auch die Sammlung von
Buchdeckeln verschiedenster Art.

Die Sammlung von Arbeiten in europäischem
Porzellan war überaus reichhaltig. Eö waren so-
wohl die verschiedenen in Porzellan herstellbaren Dinge,
Gefäße, Statuetten, Gruppen rc., als auch die verschie-
denen Fabrik-Markey — eine besondere Liebhaberei der
Sammler — gut vertreten. Leider aber befand sich
dieser Theil der Ausstellung in einem ziemlich dunklen
Zimmer, so daß er nicht genügend gewürdigt werden
konnte.

An Möbeln verschiedenster Art, besonders Schrän-
ken, Tischen, Truhen war Mancherlei vorhanden, doch
wenig von hervorragendem Werthe. Das Beste dürfte
eine italienische Truhe, einige Nürnberger Schränke und
vor Allem das Metzler'sche Altärchen aus Ebenholz mit
Ornamenten in Silber gewesen sein. Unter den klei-
nern Holzschnitzereien, besonders Medaillen, aber besan-
den sich Stücke allerersten Ranges.

Die Webereien wurden mit Ausnahme der großen
Gobelins im Allgemeinen wenig beachtet, sie verschwan-
den gleichsam unter der Menge der andern vortrefslichen
Gegenstände, welche ihrer Natur nach mehr das Auge
des Beschauers aus sich lenken. Spitzen waren wohl
nur wenige ausgestellt, darunter aber Stücke allerersten
Ranges. Von Erzeugnissen des Orients war im All-
gemeinen nicht viel da, das Vorhandene aber meist
vorzüglich.

Am wenigslen Eindruck beim großen Publikum

dürsten die deutschen Gläser und Krüge im Ein-
gangszimmer gemacht haben. Und in der That sind
diese jetzt gerade in der Mode befindlichen, daher ge-
suchten und ost mit sehr hohen Preisen bezahlten Gegen-
stände meist wenig lünstlerisch. Sie wirken nur bei
günstiger Ausstellung aus dem Gesimse einer Vertäfe-
lung, auf Schränken rc., nicht aber in großen dicht ge-
drängten Massen in Glasschränken. Dieser Theil der
Ausstellung wurde wohl nur von Sammlern und Ken-
nern besucht, die darin sreilich manches Stück von her-
vorragendem Werthe gefunden haben werden.

Jn den letzten Tagen war man beschäftigt, etwa
hundert der schönsten und lehrreichsten Gegenstände der
Ausstellung zu photographiren. Die so gewonnenen
Abbildungen sollen dann dem Publikum durch den Buch-
handel zugänglich gemacht werden: in der That ein sehr
dankenswerthes Unternehmen, denn diese Abbildungen
werden dem Gedächtnisse derjenigen, welche die Aus-
stellung gesehen, zu Hilfe kommen und Jenen, welche
sie nicht gesehen, ein Bild des Besten geben, was sie
bot. Sie erhalten demnach eine anschauliche Erinnerung
an diese Ausstellung und verallgemeinern nach Zeit und
Umfang den wesentlichsten Nutzen, welchen eine solche
Ausstellung gewährt, nämlich Förderung des Stubiums
der sonst schwer zugänglichen mustergiltigen oder histo-
risch wichtigen Gegenslände für Zwecke der Kunst, der
Jndustrie und der Wissenschaft. L. U.

Die Selleny-Äusstellung im Wiener Lünstler-
hause.

IV.

Eine eigenthümliche Stellung unter den immer aus
unmittelbarster Naturanschauung entsprungenen Biloern
Selleny's nehmen die beiden prähistorischen Landschasten
ein. Sie verdanken ihr Dasein den naturwissenschaft-
lichen Studien, welche der Künstler in dem letzten Jahr-
zehnt seines Lebens trieb, und in denen ihn wohl der
bekannte Naturforscher Professor Unger in Graz, wekchem
auch die beiden Bilder gehören, am meisten förderte.
Es ist selbstverständlich, daß sür diese malerische Re-
konstruktion vorgeschichtlicher Daseinsformen ein fester
krilischer Maßstab fehlt; ist der Kritiker aber, gleich dem
Künstler, berechtigt, seiner Jntuition zu solgen und
die natürlichen sowie künstlerischen Parallelen und Kon-
sequenzen dessen zu ziehen, was er anderweitig gesehcn
und erfahren, so dürfen wir es wohl aussprechen, daß
auch oie prähistorischen Landschaften Selleny's durchaus
natürlich und überzeugend wirken. Es weht aus ihnen
der Logos der Natur im realen Sinne dieses Aus-
druckes; man spürt, daß der Künstler kein „wissenschaft-
liches" Wolkenkukuksheim nach einem Kompendium der
Geologie und einigen Museumszierden mühsam zusammen-
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