Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

Page: 65
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1876/0039
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
XI. Jahrgang.

Nr. 5.

Geiträge

sind an Oi. (5. t>. Lützvw
(Wien,Theiesianumgasse
25) od. an die Verlttgsh.
(Leipzig, Königsstr. 3),

l2. November

Znserate

1873.

Beiblatt znr Zcitschrift fiir bildende Knnst.



Holliindische Kunstzustände.

m.

„Sucht man nach einem Wort, um den Zustand
zu bezeichnem in welchem sich unsere Kunst- und Ge-
schichtsdenkmäler befinden, so weiß ich nnr eines:
elend!" Es giebt wohl Ausnahmen; Haarlem hat durch
Stiftung des Museums, in welchem die Werke des
unsterblichen Frans Hals versammelt sind, uns zu
aufrichtigem Dank verpflichtet; es schien die Kunst heben
zu wollen; und doch, dasselbe Haarlem hat sich selbst
Lügen gestraft und seinen vermeintlichen Ruhm nnter
den Trnmmern der niedergerissenen Holzpoort begraben.
Jn Leiden wollte eine Versammlung znr Beschützung
der Kunstwerke znnächst den schönen Saal des Rath-
hauses zum Museum einrichten, und mit knapper Noth
nur wurde derselbe vor Modernisirung und Beraubung
seines prächtigsten Schmuckes bewahrt!

Anstatt die Riesenarbeit zu unternehmen, alle Bei-
spiele von Vandalismus zu sammeln, welche man sich
in den letzten Jahren in Holland hat zu Schulden
kommen lassen, halten wir uns nur bei einigen auf.
Dahin gehören zwei von Staatswegen absichtlich zerstörte
Gebäude; erstens der Pulverthurm zu Wijck-Maastricht,
welcher dem Privatgeschmack des Dekans der St. Mar-
tinskirche zulieb abgebrochen wurve, trotzdem es ein
merkwürdiges, malerisch gelegenes, gut erhaltenes Ge-
bäude vom Jahre 1204 war; der Dekan hatte auf
die Gefahr hiugewiesen, welche durch das Schießpulver
seine Kirche bedrohe, und das Pulver wurve entfernt;
das Gebäude wurde Domäneneigenthum und bei der
Schleifung der Festung mit zerstört, seine Trümmer in

die Maas geworsen, trotzdem daß es nicht zur Festung ge-
hörte unv daß sogar die Mitglieder der Akademie eifrigst
Protest dagegen erhoben hatten. Als ein Kammermit-
glied an die Regierung dieses Vorfalls wegen appellirte,
entschuldigte sich dieselbe mit Hilfe einer vollständigen
Vervrehung der Fakta, welcher der Appellirende aus
Mangel an Kenntniß der lokalen Verhältnisse nicht wider-
sprechen konnte. Jn ähnlicher Weise wurde zweitens
die Akerpoort zu Wijk-Maastricht geschleist, und auch
hiergegen hatte sich die Akademie vergeblich gewehrt.

Mit der absichtlichen Zerstörung von alten Bauten
geht die Verwahrlosung Hand in Hand, „und wenn der
Zahn der Zeit nicht rasch genug uagt, hilst schon irgend
ein Händchen mit, um die Zerstörung zu befördern."
Namentlich auf die Stadtthore ist es abgesehen; sie stehen
dem Verkehr im Wege— „natürlich, sagt Herr de Stuers,
denn das thun alle Stadtthore, man pflegte stets diese
Bauwerke mitten aus den Weg zu stellen"; man zerstört
sie, angeblich um den Zugang zur Stadt zu erweitern
und in Wirklichkeit an ihrer Stelle „vier formlose eiserne
Gaslaternen zu stellen." Man zerstörte die Thore von
Leiden, Haarlem, Delst, Utrecht rc. und darunler leider
die Katharinenpoort daselbst, „ein wenig bekanntes
Meisterwerk des Malers Paul Morelse." Und der Staat
thut gar nichts zur Unterhaltung von Bauwerken, welche
nicht eine direkte Rente abwersen. Charakteristisch dafür
ist die Geschichte der Gefangenenpoort zu s'Gravenhage.
Für die Schleisung derselben erhoben sich Stimmen
und sagten, daß sie unangenehme Erinnerungen erwecke,
sie sei ein Verkehrshinderniß, sie habe keinen Kunstwerth.
Dagegen sagt unser Autor, der erste Grund, welcher
sür ihre Zerstörung erhoben werde, erinnere an das
loading ...