Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Sannnlungen und Ausstellungen,

Herr Cuypers, kann doch unmöglich das ganze Dom-
kapitel sammt dem Bischof bewogen haben, alle kirch-
lichen Vorschristen zu vergessen! Alsv gegen wen schleudert
öie Frau Grästn ihre Waffe, wenn nicht gegen Bischof
Ketteler selbst, der die Kapelle und den Altar einweihte?

Aus der Schrift erfährt Matt, utib es muß sich
eigenthümlich geNUg ausgenommen haben, daß die fromme
Dame mit dem Zollstock in der Hand alle Altäre im
Dom zu Mainz gemessen hat, um zu konstatiren, daß
die Mensa dieses Altares um mindestens vier Centi-
meter Tiese hinter den älteren Altären zurücksteht. Neben
dem interessanten Faktum, daß die Gräsin dem Mainzer
Domkapitel den Fehdehandschuh hinwirft, heben wir
einen groben Schnitzer hervor, der ihr passirt isch'sie
will nämlich auf Grund eigener Anschauung des Orients,
Griechenlands und Aegyptens nachweisen, niemals hätte
die Kunst aller Zeiten und Völker den Fehler begangen,
Architekturen und Skulpturen zu bemalen, und sie führt
als Beleg hierfür die Marmortempel Griechenlands an.
Jn einem Punkte muß man der Verfasserin Recht geben,
daß es wie hier, so im Allgemeinen unserer Ausschmückung
der Kirchen an Sinnigkeit und Feinheit fehlt; gewiß
kann man Kirchen harmonisch ausmalen, aber wie selten
sieht man eine moderne polychrome Ausstattung, welche
man den einfachen Farbentönen des Baumaterials vor-
ziehen möchte.

Eine wirklich hübsche Stelle möchte ich aus dem
etwas kunterbunten Schriftchen hervorheben, die Charak-
teristik der Engel in der bildenden Kunst: „Van Eyck
stellte sie dar als ehrbare, treuherzige Gesellen, die ge-
wissenhaft dem lieben Gott dienen; Fiesole's Engel sind
der schönste Ausdruck seligen Friedens. Raffael's Engel
haben einen eigenthümlichen, tiefsinnigen Blick, als ob
sie göttliche Geheimnisse schauten. Correggio's Engel
sind jubelnde Kinder, welche sich vor unbändiger Fröhlich-
keit gar nicht zu lassen wissen und Schwenkungen ihrer
kleinen Arme und Beine machen, die häufig eines Zü-
gels bedürfen könnten. Michelangelo's schöner Marmor-
engel am wundervollen Grabmal des heiligen Dominicus
zu Bologna ist ein kleiner, vornehmer Page aus dem
himmlischen Hofgesinde, der mit ernster Würde seine
Fackel trägt."

Komisch dagegen nimmt es sich aus, wie die edle
Jda aus der Schule schwatzt, komisch wirkt auch, wie
so manches in der Schrift, der pathetische Schluß: „An-
dacht ist eine Gnade, die der liebe Gott zuweilen
denen giebt, die ihn lieb haben." „Man kann heute sehr
andächtig und morgen sehr zerstreut beten. Ja es kann
dieser Wechsel in einer und derselben Stunde eintreten "

Mehr als hier sür 10 Pfennige geboten wird,
kann man nicht verlangen, Interessantes, Verkehrtes,
Hübsches, Wahres, Pikantes und Ernstes in buntestem
Wechsel. . II. 0.

Samnilungen und Msstellungen.

Die kunsthistorische Ausstellung in Köln. Am 1. Juli
wurde die hiesige kunsthistorische Ausstellung im Beisein
des Ober-Präsidenten eröffnet. Der Vorsitzende des ge-
schäftsführenden Ausschusses, Herr Beigeordneter Thewält,
hielt eine länaere Rede über Zweck und Ürsprung des Unter-
NehiNeNs, welcher Hett v. BardelebeN einige beglückwünschendö
Worte hinzufügte. Die Ausstellung ist bekanntlich von dem
Verein hiesiger Alterthumssreunde in VerbintzuNg mit etnigett
kunstfreundlichen Männern unserer Stadt ausgegangen Uttd
umfaßt meist Werke der Kunst und des Kunsthandwerks aus
früheren Jahrhunderten, einschließlich des achtzehnten. Be-
sonders reichltch sind naturgemäß der Mittel- und Niederrhein
vertreten, aber auch Westfalen und die Niederlande haben
schätzenswerthe Beiträge geliefert. Zwei größere Säle und
zwei Zimmer im oberen Stockwerk des Civil-Casinos sind
votlständig mit Kunstgegenständen aller Art gefüllt, Gemälde,
Gobelins, Waffen, Glas und Töpferarbeiten, Holzschnitzereien,
Arbeiten in getriebenem Silber und unzähliges Andere mehr
entrollt ein im höchsten Grade anziehendes Bild von dem
gesammten reichen Kunstleben unserer engeren Heimat im
Mittelalter. Unter Anderem ist der berühmte Kunstschatz des
Domes vertreten, wie sich denn überhaupt > 7 hiesige Pfarreien
an dem patriotischen Unternehmen betheiligt haben, ferner
die kostbaren Alterthümer der Münsterkirche zu Essen, tausend-
jährige Meßgewänder aus Lanten, der berühmte Helm des
Fürsten von Wied, der Waldalgesheimer Fund, aus römischer
Zeit herrührend, und sonstige Alterthümer und Kunstgegen-
stände, die zum Theil schon längst in weitesten Kreisen be-
kannt sind, jedoch erst in dieser reichen Zusammenstellung
mit vor-, gleich- und nachzeitigen Gegenständen ähnlicher Art
ihre volle künstlerische Würdigung sinden können. Aber nicht
nur Städte und Kirchen, sondern auch Private haben eine
zum Theil sehr rege Theilnahme entsaltet. Ein hiesiger Kunst-
freund hat nicht gezaudert, seine ganze reiche Sammlung der
werthvollsten und seltsamsten Glas- und Porzellanwaaren
den möglichen Gefahren einer mehrmaligen Verpackung aus-
zusetzen; einem Privatmanne gehört ebenfalls die chrono-
logisch geordnete Sammlung kostbarer Gewebe, mit persischen
Stoffen des 6. Jahrhunderts aus der Sassanidenzeit be-
ginnend, welche für diesen Zweig der Kunstindustrie von
einer überaus anregenden Wirkung sein muß. Die Gsmälde,
mehr durch ihren innern Werth als durch ihre Zahl hervor-
tretend, gehören zum größten Theil der kölnischen und der
niederländischen Malerschule an. Obwohl noch Manches fehlt
und besonders manche aus Amsterdam eingetroffene Samm-
lung noch der Auspackung harrt, so ist die Ausstellung
doch schon im höchsten Grade sehenswerth. Jm Einzelnen
sreilich wird man sie besser zu beurtheilen vermögen, wenn
erst der bisher noch nicht vollendete Katalog erschienen sein
wird. Die Dauer der Ausstellung hat man einstweilen von
jetzt ab auf zwei Monate sestgesetzt; doch ist es möglich, daß
dieser Zeitdauer, im Falle das Publikum eine rege Bethei-
ligung zeigen sollte, noch ein weiterer Monat hinzugefügt
wird. (Köln. Ztg.)

R. Münchener Kunstverein. Seit den fünfziger Jahren
hat sich bei uns die Änschauung eingebürgert, jedweder
ernstere Vorgang aus älterer Zeit könne als solcher den
Stosf eines historischen Bildes abgeben. Jn Folge dieser
Begriffsverwirrung, die Historienmalerei und historisches
Genre für eines und dasselbe nimmt, ist die Zahl unserer
Historienmaler um ein Namhaftes gestiegen, ohne daß der
historischen Kunst daraus irgend Nutzen erwachsen wäre,
ganz davon zu schweigen, daß es bisweilen Künstlern be-
gegnet, einen wirklich historischen -Stoff durch die Art ihrer
Auffassung und Darstellung zum bloßen Genrebild herab-
ziehen. Aber weil wirkliche Historienbilder hier wenigstens
zu .den größten Seltenheiten gehören, ward Ludwig Hos-
mann's aus Zeitz groß gedachtes Bild: „Francesca da Ri-
mini und Paolo Malatesta", mit aufrichtigem Wohlwollen
aufgenommen. Allerdings ist der Maler von Dante's Er-
zählung so wesentlich abgewichen, daß schließlich nur die bei-
den Liebenden übrig blieben. Gleichwohl möchte ich nicht mit
ihm rechten. Der Künstler, der Dante's Darstellung folgen
will, muß etwas von einem Bonaventura Genelli in sich
haben, wird aber dann bei dem großen Publikum ebenso wenig
Beifall finden wie dieser. Ludw. Hofmann ist eine reich
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