Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Korrespondenz.

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Smyrna ist nur wenig da, auch aus Ephesus nichts
von Bedeutung, doch sucht man noch zusammen, was
irgend sich austreiben läßt. Natürlich ist man auf den
Entvecker des Dianatempels, Herrn Wood, nicht gut zu
sprechen. Was transportabel war, brachte er nach dem
Britischeu Museum in Lonvon, und Niemand konnte ihn
zwiugen, wenigstens Ghpsabgüsse zu hinterlassen. Fast
alles, was einige Bedeutung hat, stammt ans den Ruinen
der antiken Stadt Tralles am Mäander. Doch sind
das sast vurchgängig plastische Werke vou einem Thpus,
der nur in einem lockereu Zusammenhang mit unserem
neuen Shstem antiker Kunstgeschichte steht. Von Nach-
bilduugen der Werke berühmter Meister ist nur der
Kopf des Doryphoros von Polyklet zu nennen. Diese
Wiederholung stammt wohl aus vorrömischer Zeit.
Leider sind die Oberslächeu etwas lädirt. Wenn wir
recht berichtet sind, ist eiu Abguß davou in das Berliner
Museum geschickt worven. Die übrigen Werke alt-
griechischen Meißels gehören insgesammt einer späteren
Periode an. Doch erwecken sie ein ganz besonveres
Jnteresse, weil sie als echte Kinder ionisch-kleinasiatischer
Kultur gelten müssen. Die griechischen Prinzipien von
Proportionalität, welche das Jdeale in der Größe des
Formenausdrucks verwirklichten, stehen hier im 'Bunde
mit einem Realismus, der es daraus abgesehen hat, die
Asfekte der Empfindungswelt in Marmor wiederzugeben,
Empfindungen vou solcher Zartheit, wie sie uns mehr
bei griechischeu Dichtern als bei darstellenden Künstlern
geläufig sind. Die hierher gehörigen Werke sind wohl
zu unterscheiden von den uns bekaunten attischen Grab-
reliefs. Wir habeu es mit einer späteren Epoche der
Kunst zu thun. Es ist die Zeit, da das Rafsinement
seine Höhe erreichte, aber von Afsektation noch völlig
frei war. Das Meisterwerk der dahin gehörigen Skulp-
turen ist ohne Zweifel der Kopf einer Diana. Das
Oval des Gesichtes hat eine entfernte Verwandtschaft mit
vem Typus der Diana im Braccio nuovo des Vaticans.
Jst die Auffasfung auch weniger streng als in jener
Statue, die in der Ausführung etwas Konventionelles
und Kühles hat, so gebührt doch dem Smyrnenser Kopf
in jeder anderen Hinsicht unbedingt der Vorrang. Der
Kopf ist sanft uach links geneigt, wobei die schönen
Formen des starken Halses besonders zur Geltung kommen.
Die sanften Linien des Auges, der melaucholische Aus-
druck des halbgeöffneten Mundes (die Nase ist leider
eine moderne störende Ergänzung), vor Allem aber das
seine Spiel der Linien auf der Hautoberfläche neben dem
überaus glücklichen Arrangement des ungescheitelten
Haares sind von einer Macht der Wirkung, wie sie nur
Kunstwerken ersten Ranges eigcn ist. Die Köpfe zweier
Musen sind in einem mehr strengen Stil. ausgeführt,
offenbar Werke einer anderen Schule und einer anderen
Zeit. Besser stimmt dagegen mit dem Dianakops im

Geschmack der Auffassung die leider kopslose Statue
eines Bacchus, merkwürdigcr Weise in der Stellung des
Praxitelischen Satyr, ein Tvrso von sehr schlanken und
weichen Körperformen; ferner die von Tepier in der
„Vksorlption cls 1^816 minoure" als in Tralles be-
sindlich geschilderte Karyatide. Zwar hat sie seitdem
ihren Kopf eingcbüßt, aber die Behandlung der Ge-
wandung in ihrer geschmeidigen Weichheit und doch
strengen Anordnung gewährt immer noch reichen Genuß.
Vielleicht in alexandrinische Zeit wird die Mehrzahl der
Grabreliefs zu setzen sein. Ein nur leiser Hauch von
Trauer ist über die dargestellten Personen, meist Mann
unv Frau inmitten der Kinder, ausgegossen, auf Porträt-
ähnlichkeit ist es dabei noch nicht abgesehen. Dagegen
gehören der römischen Zeit eine Reihe von Porträt-
büsten an. Die Mehrzahl derselben besteht in einer
absonderlichen Art von Hochreliefs. Der Porträtkops
wird nämlich von einem kreisförmigen Rundstab um-
schlossen. An den unteren Theil desselben fchließt sich
in Flachrelief die zum Porträt gehörige Brustbildung
an. Aber jede Linie aufwärts läßt das Relief mehr
aus der kreisförmigen Umrahmung heraustreten, so daß
die Richtungslinie des Kopfes in spitzem Winkel die
Verticale der Wandfläche trifft. Natürlich ist dabei der
Hinterkopf gutentheils aus dem Stein herausgearbeitet.
Gewiß waren diese Reliefs in ziemlicher Höhe den
Wanden eingefügt. Man erreichte dadurch den drasti-
schen Eindruck, als wenn die dargestellten Porträts wie
aus Rundfenstern zur Erde herabschauten.

Sehr uberrascht hat mich die Technik an mehreren
Skulpturen aus spätrömischer Zeit. Man muß doch
annehmen, daß dieselben nicht etwa aus Jtalien ein-
gewanderte Künstler, fondern einheimische Nachkommen
der großen Meister Griechenlands zu Urhebern haben.
Aber die Ausführung ist von einer so absoluten Ueber-
einstimmung mit den Eigenheiten römischer Decadence-
plastiker —> dieselbe rinnenförmige Haar- und Gewaud-
behandlung, dieselbe Bohrmanie, dieselbe Neigung zu
Flächenbildung mit fast kantiger Begrenzung in den
Fleischtheilen, — daß man sagen möchte, nicht die Auf-
blüthe der Kunst, wohl aber ihr Verfall stehe unter
zwingenden Gesetzen, deren Geltung eine universelle ist.

Smyrua, 20. Mai 1876. I. P. Richter.

Korrespondeiy.

Kopenhagen, d. 15. Mai 1876.

Unter den größeren Städten Nordeuropa's zeichnete
sich noch vor einigen Iahren Kopenhagen durch die
Schönheit seiner unmittelbaren Umgebungen vortheilhaft
aus. Von den Basteien der alten, mit herrlichen Lin-
den-, Ahorn- und Kastanienbäumen dichtbewachsenen
Festungswälle schaute man über den breiten Graben,
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