Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Korrespondenz.

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Lager träumend ruht, glaubt man ganz wo anders zu
sein, als in Siegfried's ehrbarer Kemenate.

Von dem Quersaale aus führen, rechts und links
von der dicken Mittelwand, Bogengänge an den Skulp-
luren und Gemäldesälen vorüber in einen weiten Raum,
welcher zwischen dem Ende der Wand und dem Beginn
der Apsiskabinete liegt. Die Skulpturensäle werden
von SLulen aus rothem belgischem Marmor mit Basen
und Kapitälen aus karrarischem Marmor getragen. Jhre-
Wände sind mit dunkelgrünem Stucco lustro bekleidet,
welcher für die Skulpturen einen recht wirksamen Hin-
tergrund abgiebt. Die Leibuugen der drei Fenster sind
mit sechs Stuckmedaillons von Landgrebe geschmückt,
welche in hübschen Kompositionen die Urgeschichte der
plastischen Kunstfertigkeit nach griechischen Mythen be-
handeln. Die Bildersäle zur Rechten der trennenden
Mittelwand haben rothe Tapeten.

Wir kehren wieder in das Vestibül zurück und
steigen die große Treppe hinaus, um das zweite Geschoß
zu erreichen- Die in carrarischem Marmor 2. Klasse
ausgeführte Treppe führt in drei Läufen zum oberen
Vorraum, aus welchem die Thür zur Rechten in die
äußere Vorhalle führt, dieser Thür gegenüber liegt der
Eingang in die SLle des zweiten Geschosses. Die
Decke des Vorraumes — eine Kassettendecke, genau der
unteren bereits beschriebenen entsprechend — wird von
vier ionischen Säulen getragen. Die beiden nach der
Fensterwand gekehrten sind durch Marmorschranken ver-
bunden, welche mit Reliefornamenten bedeckt sind. Von
Marmor sind nicht blos die Stufen der Treppe, sondern
auch das Geländer und seine einzelnen, sehr plumpen
Balnster. Auch der Sockel der Wand des oberen Vor-
raums ist von Marmor, während die übrige Wandbe-
kleidung aus polirtem Stuck besteht. Eine der größten
Wunderlichkeiten weist die znr Linken des obersten Treppen-
lauses stehende Säule auf. Sie steht anf einem hohen
Marmorpostamente, aber nicht unmittelbar, sondern
zwischen dem Postamente nnd ihrer Basis liegt eine
etwa zwei Zoll hohe Plinthe aus Stuck (!!). Ein solches
Versahren entzieht sich jeder Deutung und damit zu-
gleich jeder Kritik.

Während das Treppenhaus sich durch eine unglaub-
liche Verschwendung von Marmor auszeichnet, hat man
für das einzige Werk eines Künstlers, welches diesen
weiten Raum ziert, nichts von dem kostbaren Material
übrig gehabt, in welchem die Steinmetzen wahrhaft
schwelgen konnten. Um die drei Wände, welche den
Treppenlauf einschließen, ist ziemlich in der Höhe des
Niveaus des das zweite Geschoß eröffnenden Vorraums
ein Figurenfries ans Stuck herumgeführt, welcher die
deutsche Knlturgeschichte von den ältesten Zeiten bis auf
die Gegenwart behandelt. „Behandelt" ist ein trockener
Ausdruck, der hier mit Absicht gewählt wurde. Wir

! haben bei Lichte betrachtet nichts mehr als einen recht
dürren Auszug aus dem Konversationslexikon vor uns,
eine Art Geschichtstabelle nä nsuin Del^llini. Da die
Kunst in der Entwickelung der Knlturgeschichte nicht zu
umgehen war, mußte alles wiederho'lt werden, was uns
bereits zum Ueberdruß in Bild und Schrift vorgetragen
worden ist. Die älteren Künstler werden uns wenigstens
mit einigen Abkürzungen vorgeführt; von den neueren
wird uns aber nicht ein einziger geschenkt. Von einem
leitenden Faden, von einem Gedankenzusammenhange ist
keine Spur zu bemerken.

Doch entschädigt der künstlerische Werth des Reliefs
für den Mangel an geiftigem Gehalt. Sein Autor,
Karl Geyer, ist entschieden der talentvollste unter den
jüngeren Bildhauern Berlins. Wir besitzen von seiner
Hand Stuckdekorationen im Rococostil, welche zu den
reizvollsten und vollendetsten Schöpfungen auf diesem
Gebiete gehören. Sein aus das Malerische gerichtetes
Streben und sein schön entwickeltes Formengefühl ver-
einigten sich, um das Relief, von rein künstlerischen
Gesichtspunkten aus betrachtet, zu einem hoch ersreulichen
Werke zu machen. Es ist nur zu bedauern, daß hier
nicht mit diesen äußerst schätzbaren künstlerischen Eigen-
schaften ein aus gleicher Höhe stehendes Erfindungstalent
Hand in Hand geht. Der Zustand der Berliner Aka-
demie, welche erst jetzt einer Besserung entgegen geht,
mag die Schuld daran tragen, daß die jüngere Gene-
ration der Berliner Künstler nicht aus derjenigen Höhe
der geistigen Bildung steht, welche man von ihnen zu
fordern berechtigt ist. Das Relief ist fast dnrchweg mit
feinem Stilgefühl komponirt, die einzelnen Gruppen sind
harmonisch gefügt und die hohe Vollendung der Form,
welche sast jede Figur auszeichnet, thut eudlich ein
Uebriges, um diesem Relies nicht blos den ersten Platz
unter den plastischen Arbeiten der Nationalgalerie —
damit wäre nnr ein sehr bescheidenes Lob ausgesprochen
— sondern überhaupt einen hervorragenden Platz unter
ben Leistungen der neueren Berliner Plastik zu sichern.

Adolf Rosenberg.

Korrespondenz.

Dresden, Ende März 1876.

—8. Zwei größere Bauunternehmungen, der Aus-
bau der Albrechtsburg zu Meißen und der Hoftheaterbau
in der Residenz, wirken gegenwärtig anregend und be-
lebend auf unsere Kunstverhältnisse ein. Jn umfang-
reicher Weise ist bei der Ausschmückung der beiden Bau-
werke auf die. Plastik und Malerei durch dankbare Aus-
gaben Bedacht genommen.

Zahlreiche Entwürfe für obige Zwecke gelangten
im Laufe der letzten Monate, unter reger Theilnahme
des Publiknms, im Kunstvereinslokal zur Ausstellung.
Wir sahen dort zunächst von den Bildhauern Broß-
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