Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Mosler contra Lessing.

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daillon-Porträts der Hauptdichter derjenigen Nationen
zeigen, welche sich an der Entwickelung des Drama's am
' meisten betheiligten; ebenso weiter unten in oblongen
Feldern die Musen Griechenlands, Englands, Frank-
reichs und Deutschlands. Der oben erwähnte Fries
schließlich wird die berühmtesten Schauspieler und Schau-
spielerinnen, Sänger und Sängerinnen vorführen, welche
an der hiesigen Bühne gewirkt haben. Den Mittel-
punkt dieser Darstellung bildet die thronende, den Preis
spendende Poesie, umgeben von den allegorischen Ge-
stalten Dresdens und der Elbe.

Außer den Entwürfen sür die plastische und ma-
lerische Ansschmückung der Albrechtsburg und des Hof-
theaters bringt gegenwärtig noch eine Anzahl von Ge-
mälden aus dem Besitze eines Prager Kunstfreundes
einige Abwechselung in das ewige Einerlei unserer Kunst-
vereins-Ausstellung. Darunter befinden sich Arbeiten
von Makart, Angeli, Ramberg, Lindenschmit,
Friedländer, Leys, O. Achenbach, Schäfser,
Schindler,Schleich u. A. Von einheimischen Künst-
lern hat P. Kießling, der jetzt zu nnseren gesuchtesten
und auch besten Porträtmalern zählt, ein trefsliches
Bildniß Sr. Maj. des Königs Albert geliefert. Das-
selbe ist für das Rathhaus in Leipzig bestimmt. Unter
den in letzter Zeit ausgestellten Skulpturen ist ein
schönes, von R. Henze für die Stadt Crimmitzschau
gearbeitetes Brunnenstandbild hervorzuheben. Nach langen
unerquicklichen Debatten seitens der Väter unserer Stadt
hat man letztgenannten Künstler endlich auch mit der
Ausführung des Dresdener Kriegerdenkmals beauftragt.
Dem Entwurfe liegt die Germania zu Grunde, die
Henze, gelegentlich des Einzugs der Truppen, für den
hiesigen Altmarkt gesertigt, eine frisch empfundene, wir-
knngsvolle Fignr, von welcher seiner Zeit die „Kunst-
Chronik" eine Abbildung gebracht hat. Für verschiedene
Städte sind derartige Denkmäler in Dresdener Ateliers
geschasfen worden; eine recht gute Arbeit darunter war
das Kriegerdenkmal für Weimar von R. Härtel.

Von Jnteresfe, insbesondere für kunstgewerbliche
Kreise, wird schließlich der Hinweis sein, daß man gegen-
wärtig, Dank der Generaldirektion der königl. Samm-
lungen, mit der Publikation des historifchen Museums
und des Grünen Gewölbes in zweckentsprechender Weise
vorgeht. Wir sahen eine Auswahl von Gegenständen
des historifchen Museums in höchst gelungenen Gips-
abgüsfen. Brauchbar auch dürsten die gravirten und
geätztenOrnamenteaus genannter Sammlung sich erweisen,
welche, von Studirenden der hiesigen Bauschule gezeichnet,
kürzlich im Kunsthandel erschienen sind. Gute Photographien
aus dem historischen Museum liegen bereits in dem Hanf-
stängl'schen Werke vor. Auch die Bervielfältigung der
künstlerisch werthvollsten Gegenstände des Grünen Gewöl-
bes durch Abguß undPhotographie ist in Angriff genommen.

Mosler contra Lessing.

(Schluß.)

Nun endlich giebt uns Mosler den „Versuch einer
anderen Theorie." Lessing sagt im Anfang des XVI.
Abschnittes, daß die Zeichen oder Mittel, deren sich eine
Kunst bedient, „unstreitig ein bequemes Verhältniß zu
dem Bezeichneten haben müssen." Mosler sindet, daß
dies nicht immer der Fall ist, und spitzt diesen Umstand
zu dem Gedanken zu: „Wir sprechen heutzutage erst da
von Kunst im höheren Sinne des Wortes, wo eben nicht
blos ein „bequemes", sondern auch ein unbequemes Ver-
hältniß vorliegt zwischen Darstellungsobjekt und Dar-
stellungsmittel." Daran knüpst sich leicht der Gedanke,
daß dies Verhältniß besoneers dann unbequem wird,
wenn die eine Knnst nicht ihre eigenen Darstellungs-
mittel, sondern die einer anderen Knnst benutzt, und
alsbald wird dieser Satz verallgemeinert, nnd so ergiebt
sich denn das Arcanum für alles Kunstverständniß und
alle Kunstentwickelung, daß „jeder Wetteifer zweier Künste
unter sich eine ueue Kunst- und Stilart im Großen zu
erzengen im Stande ist, die zn künstlerischer Vollkommen-
heit ausgebildet werden kann." (S. 57.) Dieser „Wett-
eifer", d. h. dieses Bestreben der einen Kunst, die Mittel
der anderen zu benutzen, also z. B. das Bestreben des
Epos musikalisch oder architektonisch oder malerisch oder
plastisch zu sein (S. 59, Aum. 2 und S. 61), findet
znnächst statt unter „nächstverwandten" Künsten, wobei
wir nebenbei erfahren, daß A zwar mit B nahe ver-
wandt sein kann, ohne daß B mit A ebenso nahe ver-
wandt zu sein braucht (S. 67 und 68), sodann aber
auch unter „total entgegengesetzten Künsten" — nach
einem Kriterium für die eine oder die andere Art der
„Verwandtschaft" haben wir uns vergeblich nmgesehen.
Ebenso vergeblich haben wir uns bemüht, den Verwandt-
schaftsbegrifs uns anders als einen korrelativen vorzu-
stellen: könnte der Versasser denken, so hätte er gefunden,
daß entwever das von ihm vorausgesetzte Verhältniß
oder aber der von ihm sür dasselbe gewählte Ausdruck
falsch sein muß. Wie sich Mosler die Wirkung dieses
„Wetteisers" der Künste vorstellt, mögen zwei Beispiele
zeigen. Die Malerei wird nach ihm erst dnrch den
Wetteiser mit der Plastik Kunst, indem sie „das ihr
eigentlich Versagte darzustellen sucht", nämlich runde
Körper, welche der Darstellungsgegenstand der Plastik
sind — als ob die natürlichen Körper nicht ebenso gut
runde Körper wären, wie die in der Plastik dargestellten,
und als ob der Maler erst auf die Rundung der wirk-
lichen Körper durch die Rundung der plastisch darge-
stellten Körper aufmerksam würde! Die Mittel aber,
welche Wer Maler zum Zwecke der Darstellung runder
Körper anwendet, sind gerade die Mittel nicht, welche
die Plastik verwendet, Herstellung einer realen Rundung
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