Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Mosler contra Lessing.

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am Kunstobjekt, sondern vielmehr die der Plastik ganz
fremden Mittel der objektiv sixirten perspektivischen Ver-
kürzungen, sowie des Unterschiedes von Schatten nnd
Licht. So unternimmt einen Wetteifer die „Architektur
mit der Terpsichore zur Erzeugung eines besonderen
Baustils". So „gewagt" es auch ist, „gleichwohl er-
scheint dies Problem gelöst in dem sogenannten mau-
rischen Baustil, der. . . eine gewissermaßen in der
Lust schwebende Architektur darstellt". (S. 75.) Nun
werden uns erst die schlanken Säulen klar: sicherlich sind
sie nichts anders als die auf den Zehen einherschreitenden
Füße einer graziösen Tänzerin, deren holde Last, so
ätherisch sie auch einherschwebt, uns doch immer noch
zu schwer erscheint, um aus den Zehen sicheren Halt zu
finden! — Also wieder ein Bild, das eine Erklärung
geben soll? Jn der That liegt dieser ganzen Anschauung
wiederum nichts anderes zu Grunde, als die Verwech-
selung zwischen Bild und Sachgrund: weil wir bei der
einen Kunst in einem Falle uns angemuthet sühlen, wie
es bei dieser oder jener anderen Kunst vorwiegend und
regelmäßig der Fall ist, hat sachlich ein Wetteifer der
beiden Künste stattgefunden! Weil nns ein Goethe'sches
Lied so wohlklingt, schon was das äußere Element der
Sprache, die Lautverbindung betrisft, daß wir zur An-
deutung dieses Eindrucks das hervorstechende Merkmal
einer anderen Kunst, der Musik, entlehuen und das Ge-
dicht harmonisch oder geradezu musikalisch oder gar selbst
Musik nennen, deswegen hat hier ein „Wetteiser"
der beiden Künste stattgesunden und hat einen nenen
Stil erzeugt? Jst der Vergleich ein Beweis sachlichen
Zusammenhanges? Wie viel hätte Mosler von Lessing
lernen können! „Ein bloßes Gleichniß beweiset und recht-
fertiget nichts", sagt Lessing im XVIII. Abschnitt, dem-
selben Abschnitt, in welchem er die fortschreitende Hand-
lung, welche der Dichter darstellt, eine „sortschreitende
Nachahmung" nennt, woraus Mosler ersehen kann, wie
wohlbegründet die Zurechtweisung ist, welche er S. 73
Lessing zu Theil werden laßt; hier muß nämlich Lessing
von Mosler lernen: „Nur ein Bild von Handlungen
und Wirkungen in der Zeit, nicht diese Wirkungen selbst
will sie geben". Mosler traut also Lessing zu, dieser
habe ein reales Fortschreiten im Sinne, wenn er von
einer fortschreitenden Handlung spricht, und verwechsle
somit die wesentlichste Eigenschaft aller Kunst, ihre Bild-
lichkeit, mit dem wirklichen Geschehen des von ihr Dar-
gestellten! „Jch begreise hier Lessing nicht", fügt Mosler
allerdings sehr richtig und in lobenswerther Bescheiden?
heit hinzn — aber warum schreibt er dann über ihn?

Höchst merkwürdig, uns jedoch viel zu weit füh-
rend, ist es, wie Mosler seinen Hauptsatz: „Alles ist
darstellbar rc." so zu drehen und zu wenden weiß, daß
wir schließlich ebenso weit sind, wie wir vor Mosler
waren, nämlich, daß in der That nicht Alles in jeder

Kunst darstellbar ist, sondern daß jede Kunst ihre Grenzen
hat, sowohl in ihren Darstellungsobjekten als in ihren
Darstellungsmitteln. Ein Beispiel für seine Aufsassung
bietet S. 104: „Der Plastiker kann kein Wasser dar-
stellen; wie imposant, wie plastisch-konsequent wirkt da-
gegen in der Sprache der Plastik ein Phidias'scher
Flußgott!" Ein Maler kann Wasser darstellen — also
hätte Phidias vermuthlich, wenn er seine Giebeldar-
stellung zu malen gehabt hätte, keinen Gott, sondern
das Bild eines wirklichen, echten Flusses gemalt?!

Doch genug! Mosler wird uns wenigstens nicht
bestreiten können, daß wir es ernst mit seiner Sache
genommen haben — um der Sache willen. Eine gute
Sache aber so betreiben, daß aus ihr eine schlechte wird,
dafür ist es keine Entschuldigung, daß man „kein schul-
gerecht gebildeter Aesthetiker" sei. Eines „schulgerechten"
bedarf es dnrchaus nicht, im Gegentheil, eines möglichst
selbständig denkenden, aber vor allen Dingen klar den-
kenden, besonders dann, wenn man sich, wie Mosler,
berufen fühlt, an Stelle der herrschenden Konfusion
Klarheit zu verbreiten. Und warum sollte diese letztere
nicht auch von künstlerischer Seite, und nicht gerade sehr
wohl von dieser, kommen können?

Menn wir die Grundgedanken der vorliegenden
„Kunststudien" für ganz verfehlt halten, so denken wir
nicht entfernt daran, alles Dargebotene für falsch zu
erklären. Für verderblich aber müssen wir die Art des
Darbietens halten, unv zwar glauben wir uns um so
mehr verpflichtet darauf hinzuweisen, weil im größeren
Publikum, ganz besonders aber unter den jungen Künst-
lern, die Meinung entstehen könnte, Jemand, der selbst
Maler ist, und ver mit solchem Gewicht austritt, müsse
Recht haben, und hier sei die wahre Art, über Kunst
zu denken und zu reven, gezeigt. Und doch ist weder
das Eine noch das Andere der Fall. Denn daß der
Versasser nicht deutsch schreiben kann, ja sogar gelegent-
lich mit der Grammatik in Konflikt kommt, auch mit
der Orthographie nicht auf dem besten Fuß steht (oder
gehören: Winkelmann, Mackart, Natan, ungezäunt, sie
verkriegt sich, schöpferig, sleischisch auch zu den bloßen
Drucksehlern?), ist eine leicht zu beweisende Thatsache.
Schriften aber, in denen solches vorkommt, und die den-
noch über die wichtigsten Fragen anf einer Reihe von
Gebieten abzuurtheilen unlernehmen, dürsen nicht über-
hand nehmen, vielmehr muß auf's Energischste und nicht
blos in absprechender, sondern in nachweisender Art
gegen sie protestirt werden. Sonst hielte sich der be-
treffende Schrislsteller am Ende gar für eine verkannte
Größe, und wie sehr Mosler geneigt ist, sich aus allerlei
Gebieten für urtheilsfähig zu halten — vorzugsweise
spricht er gern über Poesie, daneben auch über Reli-
gionen, Philosopheme u. dgl. — zeigt z. B. sein Hin-
weis aus den „an einem anderen Ort" geführten Be-
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