Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Korrespondenz.

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Die Sammlung des Direktors Kalle, allen Kupfer-
stichfreunden wohl bekannt, ist eine verhältnißmäßig
jnnge, denn sie wurde erst in den fechziger Iahren be-
gonnen. Aber mit einem feltenen Sammlereifer, dem
die entsprechenden Mittel zur Versügung standen, wurden
die Perlen aus den Auktionen Brentano, Harrach, Mecklen-
burg anfgenommen, und deutsche, englische und fran-
zösische Kunsthändler waren stets willkommene Gäste,
wenn sie in ihren Mappen Vorzügliches brachten.

Da die Sammlung mit dem Bestreben eines histo-
rischen Ueberblicks angelegt wurde, so sind die besten
Arbeiten der italienischen, deutschen, holländischen und
sranzösischen Schule gleich vorzüglich vertreten. Alt-
dorser, Aldegrever, die beiden Beham finden wir nicht
blos in frischen Einzelblättern, sondern auch in seltenen
gleichmäßigen Suiten. Schongauer's Tod der Maria,
Dürer's Adam und Eva, das Wappen mit dem Todten-
kopf, die heilige Familie, das eine der „Vorbilder Rem-
brandt's", dürften kaum in solcher Schönheit noch an-
getroffen werden. Der selten vorzügliche Claude Lorrain
ist hier sehr gut vertreten. Gute Drncke von Lncas
von Leyden sind gleich selten, und doch haben ein Dutzend
solcher Abdrücke Platz in der Sammlung gefunden. Bei
Bega, Breenberg, van Dyck, Dujardin, Waterloo
möchten selbst alte Sammlungen die Konkurrenz schwer
aushalten. Und den malenden Radirer Rembrandt
mit seinem Hieronymus im Dürer'schen Geschmack, dem
St. Franciscus, iLeos llonw, Kreuzabnahme, Hundert-
guldenblatt kann der Sammler nicht ohne Neid und
stille Seufzer sehen. Die Landschaften desselben sind
mit wenigen Ausnahmen so jungfräulich srisch vertreten,
daß man Exemplare vor sich zu haben glaubt, welche
erst gestern die vom Meister selbst überwachte Kupfer-
druckpresse verließen. Auch das Aschenbrödel der hen-
tigen Sammler, die Stecher, wie Nanteuil, Suyderhoef,
Visscher u. s. w. haben ihren wohlverdienten Platz in
der Sammlung gesunden.

Daß der Katalog — die ersten Druckbogen sind
sertig — wie bei der Auktion Brentano nicht blos ein
Versteigerungskatalog, sondern eine wissenschastliche Ar-
beit wird, ist sicher zu erwarten. Wenn alle Kunst-
händler — mit einem wahren Gennß lesen wir das
Werk des Ostade im Guichardot'schen Katalog — in
den Versteigernngskatalogen ihre Erfahrungen mittheilten,
würden die Kunstsorscher bald in der Lage sein, einen
neuen einigermaßen erschöpfenden Bsintrs - Zwnvenr
fertig zu stellen. Der Markt sieht manches, was der
stillen Studirstube verborgen bleibt, nnd umgekehrt der
HLndler ist auf Handbücher angewiesen, wenn er ein
gewissenhafter Knnsthändler ist, vollends wenn er ein
solcher werden will. O. Busch.

Lorrespoiidenz.

Pest, Anfang August 1875?) )
(Schluß.)

Von den 56 Bildern, welche der Bischos Jpolyi
der Galerie schenkte, gehören etwa 40 der sienesischen
Schnle an. Sie stammen sämmtlich aus Ramboup's
Besitz (vergl. Crowe und Cavalcaselle, Gesch. d. italien.
Mal., deutsche Ausg., III, Register nnter: Köln). Es
sind meistens kleine, zum Theil mehr handwerksmäßig
als künstlerisch ausgeführte Bilder, die jedoch für den
Spezialsorscher mannigfaches Jnteresse darbieten. Sie
repräsentiren die Entwickelnng der Schule von der zweiten
Hälste des 13. bis in's 15. Iahrhundert. Jn die Früh-
zeit reichen die fünf bemalten Bnchdeckel (Nr. 1—5)
zurück, hölzerne Täfelchen, welche als Umschläge von
Rechnungsfascikeln ösfentlicher Aemter oder Genossen-
schaften dienten, an der Seite noch mit Resten der Bänder,
welche ste zusammenhielten, und am oberen Theile der
Außensläche mit Wappen, kleinen figürlichen Malereien
und Jnschriften ausgestattet. Technik und Kunst eines
Gilio, Dietisalvi und ihrer Nachfolger sind daran zu
studiren (Crowe und Cav. I, 148 ff.). Besonders
interessant war mir Nr. 3, ein Buchdeckel aus der Zeit
des Podestn Rainaldns von Montoria mit dem Bildniß
des Kämmerers Fr. Thomacius. Dieser sitzt in ganzer
Figur an einem Tisch, auf welchem die Attribute seiner
Amtsthätigkeit, Papier, Tintenzeug, Geldsack, Waage,
Scheere, Messer u. s. w. herumliegen. Dabei steht das
Datum 1296. Jn der sorgfältigen Ausführung aller
Details glaubt man die Nachwirkung des Miniatoren-
stils zu spüren. Jn Stil und Behandlung nahe ver-
wandt ist Nr. 4. Da sitzen in eiuem Zimmer mit
holzgetäfelter Decke und vergittertem Fenster zwei Män-
ner an einem ähnlich ausgestatteten Tisch. Ein drittes
Brettchen (Nr. 5), das mit der Jahreszahl 1400 ver-
sehen ist, zeigt in roher Malerei auf Goldgrund den
sitzenden h. Antonius Abbas zwischen zwei knieendeu
Dominikanern. — Unter den übrigen Werken der Schule
(zum Theil kleinen Predellenbildern) nenne ich noch:
No. 8, Anbetung ver Hirten (15. Iahrh.) mit anmuthiger
Madonna und sehr zart modellirtem Christuskindchen;
Nr. 7, Anbetung der Könige, und Nr. 6, Gastmahl des
Herodes, zwei frische, helltönige Bildchen schon vorge-
schritteneren Stils, aber noch auf Goldgrund, der bei
dem Herodesmahl durch Thür und Fenster hereinschaut;
Nr. 16 und 17, Verkündigung (dem 14. Jahrh. zuge-
schrieben) mit schöner Madonna und lieblichen Engelchen
in reich gemusterter Gewandung; Nr. 19, Madonna
mit dem Kinde zwischen den heil. Margaretha und Ka-
tharina, ausgezeichnet durch schöne, großovalige Köpse
mit bedeutenden, ausdrucksvollen Augen, bez. u. datirt:

y Vergl. Nr. 47 der Kunst-Chronik v. I.
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