Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Kunstliteratur.

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Tode'sah es Waagen, der bekanntlich hier starb.
Er war, wie ich es aus der besten Quelle betheuern
kann, entzückt davon, den verloren geglaubten Schatz
hier zu sinden; die Möglichkeit, daß es nicht der originale
Poussin sein sollte, kam ihm nicht in den Sinn.

Nun noch eine einzige Bemerkung zur Charakteristik
der Zuverlässigkeit des Herrn Cl. de Ris. Er hat,
sagt er, aus der Christiansborger Galerie vergebens eine
satirische Komposition von 9t. Poussin gesucht, welche
sich nach Dussieux (^rtisteg Rruntzui8 ü l'tztrunAer)
hier sinden sollte; er entdeckt sie nirgends nnd befragt
deshalb, wie er behauptet, „Is8 60N86rvut6ur8" der
Sammlung, die ihm aber leider nichts von dem Bilve
sagen können. Es war im September 1872, als Herr
de Ris seine ^,,Untersuchungen" anstellte; die Funktionäre
der Galerie waren damals dieselben wie jetzt: Direktor
Se. Exellenz Herr Baron Rosenörn-Le hn, Jnspektor
Herr Emil Bloch und Restaurator Herr F.F. Petersen.
Mit diesen drei Herren besprach ich mich neuerdings
wegen Herrn Grafen de Ris; sie behaupten ein-
stimmig, niemals vom Herrn Grafen de Ris
über die betreffende Frage um Erklärnngen
ersucht worden zu sein; ein jeder von ihnen würde
ihm leicht gesagt haben, daß das Bild schon längst als
unecht und werthlos ausrangirt ist. Die „oon86rv3,t6ui'8"
des Herrn de Ris mögen also wahrscheinlich die Livroe-
bedienten der Galerie gewesen sein.

Kopeuhagen, 6. September 1876. Sigurd Müllcr.

Knnstliteratur.

Dic ursprünglichen Pläne für St. Peter in Rom, von

Heinrich von Geymüller. Wien, Lehmann

L Wentzel; Paris, I. Baudry. II. u. III. Lief.

1876. Fol.

D ie großartige Publikation aller auf den Bau von
St.Peter in Rom bezüglichen Meisterpläne des 16. Jahr-
hunderts schreitet rüstig vorwärts; die Ausstattung der
2. und 3. Lieferung ist, wie diejenige der ersten, eine
ebenso prachtvolle wie gediegene. Der hochbegeisterte,
nimmermüde Berfasser hat seit über zehn Jahren schon
vorgearbeitet, um sein Werk in einer des Gegenstandes
würdigen Weise an's Tageslicht treten zu lassen, und
so ist ihm gelungen, was ein Anderer nicht ohne die
kräftigste Unterstützung seitens einer Regierung vermocht
hätte, ganz aus eigener Kraft diese Leistung zu voll-
bringen; die schönen Kupferstiche unb Radirnngen selbst
sind von des Versassers Hand. Vor Allem sesselt
Blatt 2 des ganzen Werkes, eine kostbare Sammlung
von Medaillen und auf St. Peter bezüglichen Stichen
in trefflicher Photographie von Dujardin. Was sind
das für merkwürdige Köpfe, Julius II. mit seinem,
man möchte sagen zornerfüllten Auge und das lockige,

seingeschnittene Haupt Bramante's! 6 Blatt Facsimile's
der II. Lieferung bringen höchst interessante Pläne und
Studien zu St. Peter von Bramante, den beiden
San Gallo, Raffael und Peruzzi.

Eines der wenigst ansehnlichen, Lrotzdem wichtigsten
Blätter ist eine Rothstiftzeichnung aus der Sammlung
des Grafen Campello, nach v. Geymüller Bramante
zuzuschreiben. Dieses Blatt ist unzweifelhaft von der-
felben Hand gezeichnet, wie der vielerwähnte Nothstift-
plan in den Uffizien, welchen der Autor vervollständigt
und mit seinen Varianten versehen auf Tafel 12 in
Kupferstich wiedergegeben hat. Blatt 49 bietet mehrere
autographirte Skizzen, Bilder des Baues von St. Peter
während der verschiedenen Stadien seiner Ausführung,
und auf Tafel 27 und 36 lernen wir v. Geymüller als
Restaurator kennen: zwei Fa^adenstiche zeigen uns Pläne
der beiden San Gallo im Aufriß.

Die dritte Lieferung bringt außer vielen Studien-
blättern des Antonio da San Gallo giovane, der Ver-
vollständigung des wichtigen Rothstiftplanes und anderer
Sachen zwei Tafeln von ganz besonderer Bedeutung.
Die erste enthält drei Facsimile's nach Handzeichnungen
des Martin Heemskerk, werthvolle Dokumente über den
Zustand des begonnenen Baues, wie er sich etwa zwischen
1520 und 1536 dem Auge des Beschauers präsentirte.
Das 2. Blatt, Tafel 45, stellt den Grundriß von
St. Peter dar mit Einzeichnnng alles dessen, was aus
Rechnung der Banthätigkeit Bramante's, Antonio's da
San Gallo, Michelangelo's, Maderna's, Bernini's
kommt, mit Angabe derjenigen Theile am Bau, welche
von Fra Giocondo und Rasfael herrühren oder von
Peruzzi genau nach Bramante's Plan angelegt wurden,
mit Andeutung ferner des Rosellino'schen Chorbanes
und der alten St. Peter's-Basilika. Dieser komplicirte,
mit größter Sorgfalt ausgearbeitete Grundriß, welchem
nur der erklärende Text fehlt, bildet gleichsam die
Jllustration zu der Auffassung der Baugeschichte von
St. Peter seitens H. v. Geymüller's.

Vor einigen Tagen war es mir vergönnt, in
Gemeinschaft mit H. v. Geymüller dessen fämmtliche
Materialien über die vorliegende Publikation durchzu-
sehen, und war diese Kunstbeschanung an und für sich
interessant und belehrend, so brachte sie mir auch, theils
dnrch seltene, mir bis dahin unbekannte Blätter, theils
durch H. v. Geymüller's Darlegung seiner derzeitigen
Ansicht über die Baugeschichte von St. Peter über-
raschende Aufschlüsse, welche meine frühere, in der Zeit-
schrift im 9. Band, Seite 261 u. 302 mitgetheilte Auf-
fasfung der Sache zum großen Theil ändern mußten.
Es fei daher gestattet, noch einmal auf diesen Gegen-
stand zurückzukommen.

H. v. Geymüller und ich halten an dem einen
Punkt fest, daß Bramante's Pergamentplan, welcher mit
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