Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Kunstliteratur.

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der Medaille Caradosso's übereinstimmt, der von Papst
Julius II. geuehmigte Vorlageplau war,' nach welchem
um 1506 der Bau begonnen werden sollte; eiue Art
Vorstufe zu demselben finden wir in der soeben er-
schienenen Lieferung III, Tafel 17 abgebildet. H. von
Geymüller bezeichnet sie als eine Zeichnung von einem
Schüler Bramante's, ich hingegen möchte sie als eine
Kopie nach Bramante'scher Zeichnung und zwar von
der Hand des Giuliano da San Gallo halten, dessen
Handschrift sich auf diesem Blatt befindet.

Nun, das ist eine nebenfächliche Meinungsdifferenz;
sehen wir vielmehr, was sich aus all' den Plänen weiter
ableiten läßt.

DerBramante'schePergamentplan zeigtviel schwächere
Kuppelpfeiler als der vielbesprochene Rothstistplan. Da
nun Vasari von allen Nachfolgern Bramante's erzählt,
sie hätten die Vierungspseiler verstärkt, so haben die
meisten seitherigen Autoren die Verstärknng in einer
förmlichen Ummantelung der Pfeiler gesucht, und auch
für mich war dieser Gedanke näher gelegen, als jeder
andere. Nun hatte H. v. Geymüller nachgewiesen, daß
die jetzigen Pfeiler ganz dieselben Dimensionen haben
als diejenigen auf dem Rothstistplan befindlichen; somit
war gerade damit, unter der Voraussetzung einer Um-
mantelung der Bramante'schen Pfeiler, für mich ein
weiterer Beweis gegeben, daß der Rothstiftplan nicht
von Bramante stammen könne, der vielmehr nach dem
Pergamentplan den Bau begonnen hätte.

H. v. Geymüller sucht nun (wie ich glauben muß,
mit Recht) die Verstärkung nicht in einer Ummantelung
der Pseiler, sondern in der Zumauerung ihrer großen
Nischen und Wendeltreppen. Sind nun die jetzigen
Pfeiler wirklich die Bramante'schen, so wäre Bramante
osfenbar während des Baues von seinem ursprünglichen
Plan abgewichen und hätte faktisch einen nenen Plan
ausgearbeitet, der zwar immerhin den Grnndgedanken
des älteren beibehalten hätte, aber in den Formen
ein anderer geworden wäre. Dieser neue Plan ist nun
nach v. Geymüller's Ansicht nicht der Rothstiftplan,
sondern der bis jetzt unveröffentlichte Plan auf der
^oonäeinig, äi 8nn Imon in Rom, welchen man seit-
her Peruzzi zugeschrieben hatte; der Rothstiftplan wäre
eine Vorstufe zu diesem, und Peruzzi hätte nach ihm
den Bau fortgeführt. Auf Tafel 45 der III. Lieferung
sehen wir ein Viertel des Planes in gelben Konturen
abgebildet. Der Plan enthält zwei charakteristische
Elemente, welche bei Peruzzi'schen Plänen öfters wieder-
kehren, die Flachnischen und die Cancelleria-Pfeiler, wo-
mit ich die eigenthümliche Pfeilergestaltung im Hose der
Cancelleria bezeichnen will. Diese Aehnlichkeit in manchen
Einzelheiten Peruzzi'scher Pläne mit dem Plan auf der
Akademie von San Luca könnte nun freilich zu dem
Gedanken verleiten, dieser sei von Peruzzi, ja sogar, die

Cancelleria sei theilweise das Werk dieses Meisters,
da ja Vasari ausdrücklich Bramante nicht als den Bau-
meister der Cancelleria, sondern als bei der Berathungs-
kommission anwesend nennt, welche über die Vollendung
des Baues zu sprechen hatte. Jedoch muß man gerade
ein Motiv, welches wir aus allen Plänen nach Bramante
wiederfinden, ja sogar auf Giuliano da San Gallo's
Projekten, die ich mir als vor Bramante entstanden
dachte, die Chorumgäuge nämlich, von San Lorenzo
in Mailand ableiten; somit muß man annehmen, Bra-
mante habe dieses Motiv in die Baupläne von St. Peter
eingeführt. Nichts widerspricht der Annahme, die Flach-
nischen und Cancelleria-Pfeiler bei Peruzzi's Plänen
stammten von Bramante, und jener habe sie als ein
schönes oder brauchbares Motiv mehrmals anwenden
wollen. Daß ich jetzt die Chorumgänge nicht mehr wie
früher als ein von Giuliano da San Gallo eingeführtes
Motiv ansehe, beruht auf einer Entdeckung H. v. Gey-
müller's, auf welche ich sogleich zu. sprechen komme.
Warum der Pergamentplan Bramante's dieses schöne
Motiv nicht enthältj ließe sich immerhin so erklären,
als hätten Iulius II. und Bramante sich gegenseitig
allmählich so sehr in ihren Jdeen hinaufgesteigert, daß
selbst nach der Grundsteinlegung des Baues immer noch
neue Gedanken auftauchten und Verwerthung fanden.

Die Entdeckung v. Geymüller's, deren ich erwähnte,
beruht nun auf Folgendem — man vergleiche den schon
srüher gebrachten Plan des Giuliano da San Gallo.

Wie Vasari nüttheilt, hatte Bramante den Anfaug
zn einem, mit dorischen Säulen geschmückten Bezirk für
den Papst und seinen Hosstaat bei der Feier des päpst-
lichen Hochamts gemacht; Pernzzi hatte diesen dorischen
Bezirk für den Papst unter Clemens VII. vollendet,
später wurde er wieder abgebrochen. Dieser Bau nun,
welcher ursprünglich wohl nur als ein Provisorinm ge-
dacht war, ist auf den Heemskerk'schen Zeicbnungen, die
v. Geymüller in der III. Lies. bringt, abgebildet, ebenso
auf dem Frescobild des Vasari im Saal äei osnto ^iorai
in der Cancelleria zu Rom. Sehen wir nun den
Plan H des Ginliano da San Gallo an, so finden wir
diesen Bezirk als den Chorabschluß des Langhanses
wieder, und zwar als einen mit Benutzung der Rosellino'-
schen Mauern und Fundamente hergestellten Bau. Offen-
bar hatte man eine Zeit lang unter Leo X. und
Clemens VII. die Absicht, diesen provisorischen Bau als
ein Definitivum beizubehalten, nnd daraus erklärt es
sich, daß wir ihn in den Plänen des Giuliano und
Antonio da San Gallo wiederkehren sehen, mit steter
Beibehaltung der südlichen und nördlichen Apsiden, wie
sie Bramante angelegt hatte. Erst nach Peruzzi's Tode
ging man von dem Gedanken ab, den dorischen Bezirk
zu erhalten, nnd so kehrt Antonio da San Gallo wieder
zu dem alten Motiv der Dreiconchenanlage zurück.
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