Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Kunstliteratur.

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Durch dieselben brach er völlig mit dem bisher
in der Goldschmiedekunst üblichen, noch aus
dem gothischen Mittelalter überlieferten For-
menkreise uud vertiefte sich ganz, sich an Dürer an-
schließend, der einige Entwürse ganz ähnlicher Art (in
dem Codex der Dresdener Hosbibliothek) gefertigt hat, in
den Formenkreis der italienischen Renaissance. Diese Ent-
würse gehören, in ihrer Gesammtheit als Ganzes betrach-
tet, wahrscheinlich zu dem Bedeutendsten, was Jamitzer ge-
schaffen, und sind künstlerisch wohl werthvoller als die
meisten seiner ausgeführten Werke. Der Kaiserpokal zu
Berlin z. B. steht dagegen weit zurück, was sich wohl
leicht dadurch erklärt, daß nur die Komposition desselben
vom Meister, die Aussührung aber meist von den Händen
seiner Gesellen ist. In den Kupferstichen aber konnte
er, ungehindert durch die Kosten der Ausführung, die
Vorschristen der Besteller und die Schranken der Technik
— obgleich er als praktischer Meister nichts gezeichnet
hat, das nicht ausführbar wäre — so recht mit Lust
seiner Phantasie sreien Laus lassen und seinen reichen
Jbeenkreis mit voller Freiheit aussprechen. Es kommt
ja leider oft genug vor, daß die besten Jdeen der Künstler
nur Entwurf bleiben.

Jamitzer mag diese Entwürfe in der besten Arbeits-
zeit seines Lebens, zwischen 30 und 40 Jahre alt, als
er noch nicht der berühmte, viel beschäftigte Meister
war, nach und nach gezeichnet und mit aller Liebe, so
reich als es ihm nur gefiel, ausgestattet unv mit aller
Sorgfalt, anfangs nur für sich selbst, ausgeführt haben.
Mit ihnen zeigte er, was er konnte, und übertraf damit
Alles bis dahin auf diesem Gebiete Geleistete.

Durch Freunde angeregt, hat er sich dann ent-
schlossen, diese Entwürfe selbst durch Kupferstiche zu ver-
vielfältigen und im Jahre 1551, also 43 Jahre alt,
unter dem oben angegebenen Titel herauszugeben, offen-
bar als Vorbilver zur Ausführung in evlen Metallen,
aber auch als selbständige Kunstwerke, zur Freude und
zum Studium für seine Fachgenossen. Es war in jener
Zeit ja nichts Seltenes, daß die Kunsthandwerker, be-
sonders aber die Goldschmiede, ihre Entwürfe in Kupfer-
stich vervielsältigten und publicirten. Ausfallend ist nur,
daß er sie ohne Namen oder Monogramm herausgab,
ein Umstand, der sich wohl nur durch seine allzu große
Bescheidenheit, vielleicht auch durch seine Ungewißheit
über die Aufnahme dieser völlig neuen, von dem bisher
üblichen Formenkreis ganz abweichenden Entwürfe er-
klären läßt.

Die Kupferstiche sind in der Art Dürer's, *) den
Jamitzer noch persönlich gekannt haben muß (denn Ja-
mitzer war schon 20 Jahre alt, als Dürer starb), mit

*) W. Jamitzer besaß eine große Sammlung von Dürer's
Kupferstichen und Holzschnitten, welche er theils von Dürer
selbst, theils nach dessen Tode von seinem Bruder Andreas

großer Sorgfalt und Sauberkeit, etwas ängstlich in der
Strichlage, behandelt. Die Linien selbst aber zeigen
eine völlig sichere Hand. Die Art der Darstellung ist
ein bei Abbildung von Gefäßen in jener Zeit allge-
mein angewendetes, eigenthümliches Gemisch von geo-
metrischer und perspektivischer Zeichnung, welche jedoch
nicht willkürlich ist oder auf Unkenntniß beruht, sondern
in der dadurch erreichbaren größeren Klarheit gewisser
Formen seine volle Berechtigung hat. Die Rundung
ist meist nur angedeutet; die Abschattirung der gerun-
deten Flächen erscheint als wenig gelungen, war aber
nicht anders beabsichtigt. Diese Blätter sind mit so
großer Liebe und Sorgfalt ausgeführt, daß nur der
Meister selbst, der sie gezeichnet hat, sie auch selbst in
Kupfer gestochen haben kann, ganz im Gegensatz zu
vielen anderen Entwürfen desselben W- Jamitzer, welche
später andere Kupferstecher (Virgil Solis, Georg Wechter
u. A.) nach seinen Zeichnungen, freilich ohne seinen Namen
zu nennen oder auch nur anzudeuten, in Kupfer radirt
haben. Diese letzteren zeigen denselben Adel der Ge-
sammtform, dieselben schönen Profile, stehen aber an
Reichthum der Ornamentik weit zurück und sind bei
weitem nicht mit gleicher Sorgfalt behandelt.

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Jamitzer eben
durch diese Kupferstiche den Grund zu seinem späteren
Ruhm gelegt hat, und daß dieselben ihm viele Be-
stellungen eingetragen haben. Für uns sind sie der
wichtigste Beitrag für die Kenntniß der Kunstweise
Wenzel Jamitzer's und der Nürnberger Goldschmiede-
kunst überhaupt.

Der Merkel'sche Tafelaufsatz und diese Kupferstiche
sind der Maßstab, nach welchem andere Werke des Mei-
sters beurtheilt werden müssen. Sie erst erklären uns
ganz und voll das vorher nicht verstäudliche große An-
sehen und den Ruhm, den W. Jamitzer bei seinen Leb-
zeiten und nach seinem Tode genoß, und gestatten uns
einen Einblick in den großen Einfluß aus seine Zeit-
genossen und Nachfolger. R. Bergau.

Kunstliteratui'.

Polychrome Meisterwcrke der monumentaleu Kunst in
Jtalien vom V. bis LVI. Jahrh., dargestellt durch
zwölf perspektivische Ansichten in Farbendruck von
Heinrich Köhler, königl. Baurath und Lehrer an
der Polytechnischen Schule zu Hannover. Leipzig,
Baumgärtner'sche Verlagshandlung. 3. Lieferung.
1875. Fol.

Jn einem größeren Aufsatze dieses Beiblattes, VI.
Jahrgang, 1872, Nr. 19, so wie in einem anderen
des VIII. Jahrganges, 1874, Nr. 48, ist vom Unter-

erhalten hatte, und welche durch die Sammlungen von Praun,
Frauenholz und Hertel endlich in die Knnstsammlung der
StadtNürnberg (jetztim GermanischenMuseum) gekommen sind.
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