Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Jnhalti C. T. Newton über die olympischen Funde. — Die Zahres-Ausstellung im Wiener Künstlcrhause. I. — Albert Kindler f. — Düsseldorf: Kunst-
ausstellung. — Rath. Schinitt; Archaologische Gcsellschaft in Berlin. — Pariser Kunstauktionen. — Znserate. .

C. T. Neioton ülier die olympischen Funde.

Die Times vom 15. April enthalten einen langen
Artikel über die Entdeckungen in Olhmpia, dessen un-
genannter Verfasser ohne Zweifel kein Geringerer ist
als C. T. Newton, der berühmte Vorsteher des Ds-
pLrtinsnt ock ^nti^uitiss im Brilischen Mnseum, wel-
cher kürzlich die klassische Stätte im Verein mit Prof.
Sivney Colvin aus Cambridge besuchte. Es wird den
Lesern unseres Blattes von Jnteresse sein, neben den
lnappen Fundberichten der Berliner Kommisfion, welche
eine lünstlerische Würdigung der neuen Funde kaum er-
lauben, das zusammensassende Urtheil eines so feinen
Kenners über den Werth und die kunstgeschichtliche Stel-
lung der neuentdeckten Skulpturen zu vernehmen, wobei
wir die Beschreibnng der einzeluen Stücke meistens
übergehen.

Von der Nike des Päonios heißt es: „Die Nei-
gung des Körpers läßt sich nicht genau bestimmen, ehe
die beiden Stücke, in welche die Figur gebrochen ist,
wieder vereinigt sein werden und das Ganze gehörig
aufgestellt sein wird. So wie sie jetzt da liegt, kommt
die Statue nothwendig nicht zu ihrem Recht, aber es
ist unzweifelhaft, daß sie ein würdiges Erzeugniß der
Zeit des Phidias ist. Das Motiv ist mit glücklicher
Kühnheit ersunden und mit feiner Zartheit durchgeführt.
Die wundervoll modellirten nackten Theile sind so ver-
theilt, daß sie die Wirlung der Gewandung erhöhen,
indem sie durchweg jenes Gleichgewicht der Theile, jene
aus dem Gegensatz entspringende Harmonie bewahren,
wodurch die großen Meister des Alterthums selbst in
der Darstellung heftiger Bewegung ruhig blieben, stets

inne haltend an der Grenze, wo das Zuviel beginnt.
Spuren wirklicher Farbe treten an der Innenseite eines
Gewandfragments zu Tage; der Gürtel bestand aus
Metall. Sobald Abgüsse dieser schönen Statue erreich-
bar sein werden, wird es interessant sein, sie mit zwei
ähnlichen Nikethpen zu vergleichen, der Marmorstatue
von Samothrake im Louvre, welche der Schule des
Skopas angehört, und der Nike aus Megara, die jetzt
draußen vor dem Theseion in Athen aufgestellt ist. Die
letztere steht in Komposition und Ausführung weit hinter
dem Werke des Päonios zurück. Die Höhe der drei-
seitigen Basis, auf welcher letztere stand, wird auf
mindestens 13 Fuß berechnet, doch läßt sich das nicht
sicher ausmachsn, ehe man alle Lagen in ihrer ursprüng-
lichen Anordnung wieder aufgebaut und dadurch sest-
gestellt haben wird, ob alle dreieckigen Blöcke wieder-
gefunden worden sind. Schwebend auf dieser hohen
Basis und von den mächtigen Säulen des dorischen
Tempels, vor dem sie stand, sich abhebend, muß die
Figur weithin von überraschender Wirkung gewesen sein,
selbst in der olhmpischen Altis, wo sie doch den Wett-
streit mit einem ganzen Heer von Göttern, Heroen und
Sterblicheu in Marmor und Bronze zu bestehen hatte."

Newton geht dann zu einer Musterung der Frag-
mente aus dem Ostgiebel des Tempels über, aus wel-
cher wir nur hervorheben, was er über die beiden lie-
genden Figuren sagt:

„7) Halbgelagerte männliche Figur, in welcher man
den Kladeos vermuthet. Diese Statue ist nahezu voll-
ständig, da der Kopf, der ganze Körper und ein Theil
des linken Oberarms vorhanden sind. Die rechte Hand
stützt sich gegen die rechte Backe, und der Kopf neigt
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