Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Die Selleny-Ausstellung im Wiener Künstlerhause.

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Die SeUeny-Ausßellung im Wiener Mnjller-
hause.
m.

Die zurAusstellung gebraä)tenArbeiten Selleny's
sind ganz zweckmäßig in folgender Weise gruppirt. Die
erste Abtheilung bilden die Oelgemälde, es solgen dann
die „Novara-Studien" nach geographischer Eintheitung;
den Beschluß machen zahlreiche Kartons, Aquarelle und
Zeichnungen der verschiedensten Art, welche von der
srühesten Epoche des Künstlers bis zu seiner letzten
reichen, einen vollen Ueberblick über die Mannigfaltig-
keit seiner Leistungen geben und den Reichthum sowie
die Universalität seiner Begabung in das glänzendste
Licht stellen.

Die Oelgemälde Selleny's sind etwa fünfzig an
der Zahl. Sehr interessant ist es, wahrzunehmen, wie
schon die ersten Arbeiten des Jünglings auch auf dem
Gebiete der Oelmalerei nach Anlage und Stil den künf-
tigen Meister zeigeni im Wesentlichen ist Selleny, ob-
wohl er später selbstverständlich an Größe der Auf-
fassung und Kraft der Darstellung gewonnen hat, sich
ganz gleich geblieben. Jm Gegensatze zu der Ent-
wickelung so vieler anderer Maler, die in verschiedenen
Epochen ihrer künstlerischen Laufbahn einen ganz ver-
schiedenen, oft sogar unvermittelt auftretenden Stil auf-
weisen, tragen alle Arbeiten Selleny's, von seinen ersten
Studien in der Bibliothek der Wiener Akademie der
bildenden Künste bis zu seinen letzten Bildern und
Skizzen das Gepräge des gleichen künstlerischen Stils.
Zwei Baumschläge aus dem Parke in Battaglia, ein
Pinienwald, eine Gruppe Kastanienbäume vom Gardasee,
ein Friedhof (aus dem Jahre 1847) und einige andere
Bilder, in denen der Baumschlag überwiegt, zeichnen sich
ans durch die individualisircnde Auffassung des Künst-
lers, der die kleinste spezisische Verschiedenheit der ein-
zelnen Baumarten mit erstaunlicher Prägnanz zur An-
schauung bringt und so die Schärfe seines Blickes ebenso
bekundet, wie die Sorgfalt und Eindringlichkeit seines >
Naturstudiums. Das Kolorit ist auf diesen Bildern
überall angemessen, sastig und wirkungsvoll, wenngleich >
der Künstler nirgends auf den koloristischen Effekt hin-
arbeitet; hin und wieder macht sich auch bei diesen Stu-
dien der violette Ton bemerklich, der, wie bereits er-
wähnt wurde, an den früheren Arbeiten Selleny's oft
so störend auftritt, und welcher das so hübsch kompo-
nirte Alpenbild „Vedretta Marmulata" in Farbe und
Stimmung beeinträchtigt. Zu höchster Vollendung und
zu überraschender Großartigkeit der Aufsassung steigert
sich das Talent des Künstlers in seinem Bilde „Alpen-
vegetation"; obwohl es ersichtlich einer genauen Natur-
aufnahme und einer ganz bestimmten Oertlichkeit ent-
stammt, macht es vermöge der kühnen Linienführung,

des breit und pastos aufgesetzten Kolorits, der charak-
teristischen Staffage und einsr dem ganzen Bilde ent-
strömenden tiefen Naturempfindung geradezu den Einvruck
einer im größten Stile gehaltenen „heroischen" Land-
schaft. Seine „Wildbachstudie im Thale von Schalders",
die „Bachstudie in Deutsch-Landsberg" zeigen, wie invi-
viduell und lebendig der Künstler das in Art und Be-
wegung verschiedene Wasser behandelt; nichts wirkungs-
voller und natürlicher, als der kaskadenförmig nieder-
brausende, stäubende Wildbach, nichts anmutyiger, als
das zwischen Bäumen sich still dahinschlängelnde Wiesen-
bächlein. Wie ties Selleny den Zauber des hellen,
farbenreichen Meeresspiegels an der hellenischen Küste
Unteritaliens in sich aufgenommen, Leweisen sein „Cap
Circello bei Terracina" und „Capri" — Bilver aus
seiner Reise nach Jtalien im Jahre 1854. Als Muster
scharser, bei aller Deutlichkeit des Details in großen
Linien geführter Architekturbilder können die mehrfachen
Aufnahmen der aus der römischen Kaiserzeit stammenoen
Bauwerke in Dalmatien gelten: die Arena sowie die
Nortu uurou in Pola; der glücklich wiedergegebene
Efsekt des aus tiefblauem Himmel kraftvoll niederstrah-
lenden, das röthliche Steinmaterial der Bauten satt
durchleuchtenden Sonnenlichtes ist zugleich ein kolo-
ristisches Meisterwerk. Jn nicht geringerer Trefsllchkeit
erfreuen uns die auf einfache Motive gebauten land-
schaftlich-architektonischen Bllder: „Schloßhof aus Ep-
pan", „Altes Gerichtshaus daselbst", „Schloßhof m
Deutsch-Landsberg" und „Schloßberg daselbst". Ein
virtuos gemalter und ebenfalls charakteristisch gehaltener
„Schneesturm" überrascht inmitten aller der Bilder aus
glücklichen Himmelsstrichen; er steht vereinzelt da gleich
dem aus dem Jahre 1847 stamnienden „Waldbranb",
dessen von aller Effekthascherei freie unv dennoch im
Kolorit wie in der Komposition gleich wirkungsvolle
Darstellung nicht bezweiseln läßt, daß Selleny das Bilv
erlebt hat. Auch hier ist der bedeulungslose Vorver-
grund von deni Künstler — 86irrp>6r iä^nr! — blaß
untermalt. Der tropischen Zone haben wir einen rei-
zenden „Palmenwald", eine interessante „Australische
Waldlandschaft", eine Gebirgsansicht aus Tahiti, ven
6800 Fuß hohen Onehna darstellend, dann eine nensee-
ländische Landschaft „Tuakau am Waikato-River" zu
danken; auch eine „Kasfeeplantage auf Ceylon" fesselt
das Auge des Beschauers durch die glückliche Beleuch-
tung und die flotte Malerei. Was an allen diesen Tro-
penbitdern gleichmäßig anzieht, ist der unverkennbare
Habitus ungeschminkter Wahrheit; selbst wer niemals
„unter Palmen gewandelt", gewinnt den Eindruck, daß
ihm der Künstler die unverfälschte Natur bietet, und er
nimmt „gläubig, sa überzeugungsvoll Formen und Farbcn
in sich auf, zu deren Beurtheilung ihm die Selbstan-
schauung sehlt.
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