Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Aus dem Wiener Künstlerhause.

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blikum haben wird; ist doch die Schweiz die große eu-
ropäische Sommerfrische sür' Gott und Jedermann. Für
den Künstler freilich bietet die Alpenwelt keine so gün-
stigen Angrifsspunkte. Banmloses Hochgebirge und
Gletschereis mag man bei angemessener Beleuchtung
immerhin entzückend sinden, aber für den nur auf Schwarz
und Weiß und die grauen Zwischentöne angewiesenen
Zeichner ist es ein spröder Stoff, der sich schwer zum
Bilde gestaltet. Das Malbare wird er in den Thälern,
an den Seen, in den Städten und den Dörfern auf-
sucken müssen, und dann sreilich Vieles bringen, das
der gemeine Schweizerreisende zu sehen selten Gelegen-
heit findet. — Wie der Gotthardtunnel gleichzeitig von
beiden Seiten, so wird die malerische oder pylographische
Verwerthung der landschastlichen Reize Helvetiens eben-
falls gleichzeitig von Nordost und Südwest in Angrifs
genommen. Mit Kaden's Schweizerland konkurrirt „Die
Schweiz" von Gfell-Fels (Bruckmanns Verlag in
München), in Format und Ausstattung, von den la-
teinischen Typen abgesehen, ganz gleichartig angelegt,
d. h. theils mit ganzseitigen Einzelbildern und theils
mit in den Text verstreuten kleinen Jllustrationen aus-
gestattet. Wie dort der Bodensee, so bildet hier der
Genfersee den Ausgangspunkt. Von den mitwirkenden
Künstlern scheinen die meisten dem Lande selbst anzuge-
hören, dessen Schilderung sie ihre Kräfte leihen, und
zwar die Hälste der wälschen, die Hälste der deutschen
Schweiz. Unter andern sind auf dem Titel genannt
A. Bachelin und I. Balmer, F. Bocion und G. Cloß,
E. T. Campton und E. Kirchner. Die vorliegende erste
Lieserung verspricht ein stattliches und künstlerisch werth-
volles Werk, wte es der Name des Verlegers nicht an-
ders erwarten läßt. Dennoch, sürchten wir, wird in
diesem Zweikampf Gsell-Fels trotz seiner gewandten Feder
und seiner Lokalkenntniß den Kürzeren ziehen. Am Pa-
pier hat die Verlagshandlung offenbar nicht gespart,
gleickwohl erscheint der Druck stumps, trocken und glanz-
los, auch sehlt der einheitliche Zug in dem Charakter
der Holzschnitte, die noch dazu sämmtlich, von scharfen
Linien fest umschlossen, ihr selbständiges Wesen dem
Tept gegenüber in einer das Auge unangenehin berüh-
renden Weise betonen. Jndeß, lassen wir das Embryo
sich erst entwickeln, ehe wir unser Urtheil abschließen!

Das vierte im Bunde dieser Reisebilderwerke, zu
denen Kaden's Jtalien den Typus geliefert, ist die
„Rheinfahrt", Schilderungen von Karl Stieler, Hans
Wachenhusen und F. W. Hackländer, illustrirt von R.
Püttner, A. Baur rc. (Stuttgart, Kröner). Die
Hauplträger der künstlerischen Seite dieses im Formate
etwas bescheideneren und handlicheren Unternehmens,
von welchem jetzt sechs Hefte vorliegen und weitere acht-
zehn die beliebte Zahl von 24 Lieferungen voll machen
sollen, sind der Landschafter und Architekturmaler R.

Püttner und wiederum die xylographische Anstalt von
A. Cloß. Die Mitwirkung der übrigen Maler, die
der Titel nennt, beschränkt sich auf einzelne Blätter mit
Darstellungen von Volkstypen und Schilderungen des
Volkslebens, die zum Theil mit dem Grundakkord, den
Püttner angeschlagen, leider nicht völlig harmoniren.
Dieses Ausputzes mit berühmten Namen hätte das
schöne Werk füglich entrathen können, die künstlerische
Geschlossenheit hätte dabei nur gewonnen. Man sollte
meinen, ein einziger tüchtiger Genredarsteller, der dem
Landschafter die Hand gereicht, würde leicht ergänzt
haben, was diesem zur Durchführung des Jllustrations-
planes fehlte. Die Güte der Verlagshandlung setzt uns
in Stand, hier eins der reizvollen Städtebilder Pütt-
ner's mitzutheilen. Wir wollen nicht unterlassen, bei
dieser Gelegenheit auch der Offizin der Gebrüder Mäntler
in Stuttgart unser Kompliment zu machen, aus deren
Pressen sowohl „Jtalien" wie „Schweizerland" und
„Rheinfahrt" hervorgegangen. 8n.

Fus -em Wiener Lünstlerhause.

Unter den neuen Bildern, welche im Laufe des Monats
Oktober nach einander der Ausstellung im Künstlerhause
eingereiht worden sind, hat Kurzbauer's „Karten-
legerin" unstreitig den größten Anspruch auf Beach-
tung. Der junge Meister hat mit diesem Bilde einen
bedeutenden Fortschritt in koloristischer, überhaupt in
technischer Beziehung bekundet; seinen Besitz an dem,
was nicht erlernbar: an Geist, Gemüth unv psycholo-
gischem Blick hat er bereits durch seinen ersten großen
Wurs, durch die „Ereilten Flüchtlinge" zur Genüge
ausgewiesen. Mittelpunkt des dargestellten Vorganges
ist eine ländliche Schöne, welcher eine graue Dorfsibylle
soeben aus den Karten ihr Glück, natürlich eine baldige
Heirath nach Herzenswunsch, vorherzusagen die praklische
Vernnnft hatte. Das junge Geschöps ist die idealste
Verkörperung des „schwarzbraunen Mädchens", wie wir
es in den alten Liedern aus des „Knaben Wunderhorn"
so oft besungen finden; den Auerbach'schen Destillir-
Apparat dörslichen Seelenlebens hat der Maler just nur
in so weit benützt, als er brauchte, um das dunkte,
seelenvolle, in die enthüllte Zukunst vorahnend blickende
Mävchenauge herzustellen, welches den Beschauer mächtig
ergreift. Jn seiner Weise spinnen sich geiftige Fäden
von den Nebenfiguren zu dem Mittelpunkte des Bildes:
hier wirst die junge Frau, den Knaben aus dem Arm,
einen verständnißinnig lächelnden Blick auf das bräutlich
angehauchte Mädchen, dort sehen es zwei volle, frische
Mädchengestalten sehnlich an, als wollten sie gleicher
Prophezeihung theilhast werden. Die Gruppirung um
ben weißgedeckten Tisch ist trefflich erdacht und nur in
der Mitte etwas gedrängt ausgefallen; dieser kleine
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