Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Aus dem Wiener Künstlerhause.

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nun meiner. Jch hatte es dahin gebracht, den Paris
Bordone, das wundervollste Ceremonienbild der vene-
zianischen Schule, kopiren zu dürfen. Ein Fischer über-
reicht nnter einer prachtvollen Säulenhalle in öffentlicher
Versammlung dem Dogen den Ring, den er in stürmischer
Nacht, welche Venedig zu zerstören drohte, vom heiligen
Marcus empsangen hatte. Ein Senator macht ihm
Muth und unterstützt ihn, die Stufen hinanzusteigen.
Auf den nach dem Bilde angefertigten Stichen setzt
er ihm einen Kranz aus, von dem aus dem Originale
keine SpurZu sehen, obwohl die Bewegung der rechten
Hand des Senators zu dieser Handlung passen würde.
Rechts und links vom Dogen sitzen eine Anzahl Sena-
toren. Andere bilden eine Gruppe links in der Ecke
des Bildes. Der Knabe des alten Fischers wartet unten
an der Riva bei seiner Gondel. Den Hintergrund
bilden prachtvolle Paläste, durch deren osfene Bögen
man auf die Lagune blickt. Eine Masse Volk bewegt
sich in diesem Plane des Bildes. Es werden gegen
achtzig Köpfe und Köpfchen auf dem Bilde gezählt. Das
Original ist in vortrefflichem Zustande. Gut zu sehen
ist das Bild, so lange die Oberlichtvorhänge der Sonne
halber nicht zugezogen sind. Geschieht dies, so ist der
Saal in Nacht getaucht und die Qual des Kopisten be-
ginnt. Um lO Uhr werden die Vorhänge zugezogen,
um 3 Uhr geösfnet, um 4 Uhr wird im Sommer die
Galerie geschlossen. Die Arbeit war, schon der enormen
Breite des Bildes halber, außerordentlich schwer. Die
Kopie ist eine genaue Jmitation des jetzigen Zustandes des
Originals, und in dessen Größe angefertigt, 14' hoch
und 10' breit.

Nun lam Tintoretto an die Reihe. Sein
Wunder der heiligen Agnes in der Madonna del Orto
hat alle koloristischen Vorzüge seines Marcuswunders in
der Akademie aus kleinerem Raume. Der Gegenstand
des Bildes ist folgender. Licinius, Sohn eines römischen
Präsekten aus den ersten Zeiten des Christenthums, liebt
die dreizehnjährige Agnes. Sie verschmäht ihn als
einen Heiden. Er zwingt sie in ein Haus der Freude,
wo er seine Lust zu befriedigen gedenkt. Das lange
Haar des jungen Mädchens schützt solche wie ein gefeiter
Mantel vor der frevelhaften Berührung des JüUglings;
er stürzt sür todt zusammen. Agnes wird nun mit der
Schaar ihrer Gefährtinnen vor den Präsekten gebracht,
unv erweckt zur Verwunderung aller und zum Beweise
ihrer Unschuld den Jüngling, dessen Leiche vor den Vater
gebracht wird, vom Tode. Dieses ist der gewählte Mo-
ment des Bildes. Alle sind vost des größlen Staunens
bis herab zu den Kriegsknechten. Das Mädchen, im
weißen Gewande der Unschuld, von ihren langen blonden
Haaren umgeben, kniet in der Mitte des Bckdes, zur
Seite das Symbol der Unschuld, ein weißes Lämmchen;
sie ist umgeben von der Mädchenschaar, die von einem

Geharnischten geführt wird, der die Umstehenden von
der Unschuld des Mädchens überzeugen niöchte, auf den
erwachenden, sich aufrichtenden Jüngling hinweisend.
Dieser blickt dankbar auf. Den Hintergrund bildet
römische Bogenarchitektur. Jn der goldigen Luft flattern
vier erwachsene Engel in blauen Gewändern, welche der
jugendlichen Heiligen die Märtyrerkrone bringen. Das
in prachtvoller Farbe prangende Bild ist 14' hoch und
circa 6' breit, die Kopie in gleicher Größe. Ungefähr
35 Köpfe waren zu malen. Viele behaupten, das Blau
der Engel sei spätere Zuthat. Bei der Uebersülle der
Figuren jedoch, bei der Aufgabe, die Glorie mit Engeln
zu füllen, hätte Tintoretto keine Gelegenheit mehr ge-
habt, das nöthige neutrale Blau in das Bild zu bringen,
da die Glorie doch golden sein mußte. So sah er sich
genöthigt, alle vier Engel in blaue Gewänder zu hüllen.
—> Das Bild ist unendlich schwer zu sehen, da rechts
und links in der Kapelle Contarini, in der es sich be-
findet, zwei große Fenster so blenden, daß man von
dem Bilde nichts gewahrt als eine schwarze Masse.
Man nahm mir jedoch das Bild aus dem Rahmen.
Jch konnte es so bequem kopiren, doch stand es nun in
dem Reflexe einer außen vorspringenden Wand der Kirche,
die stets von der Sonne beleuchtet, einen wüthenden Re-
slep auf dasselbe warf. Wer das Bild nicht unten ge-
sehen, hat keinen Begriff von seiner Farbe und wird
die Kopie vielleicht mit Unrecht zu brillant finden.

(Schluß folgt.)

Äus dem Mener Künstlerhause.

Neben der Selleny-Ausstellung, welche während der
letzten zwei Monate des verslossenen Iahres eine unge-
schwächte Anziehungskrast auf das Publikum ausübte,
bot das Künstlerhaus eine wechselnde Reihe moderner
Bilder, die in der Chronik dieser Kunststätte nicht mit
Stillschweigen übergangen werden dürsen. Bemerkens-
werth war zunächst die Vertretung ves slavischen Ele-
mentes. Der russische Marinemaler A. Aivasowsky
in St. Petersburg, welcher sich in seinem Vaterlande
^eines großen Rufes erfreut und dessen Bilder von den
nationalen Kunstmäcenen der beiden Hauptstädte des rus-
sischen Reiches begierig angekauft werden, hat nicht weniger
als sechs Marinen eingesendet, welche das Meer in ver-
schiedenster Beleuchtung und Bewegung darstellen. Nach
diesen jedenfalls ausreichenden Proben kann man, selbst
wenn man bessere Bilder desselben Malers gesehen, mit
gutem Gewissen behaupten, daß sein Ruf einer unbe-
fangenen Kritik nicht Stand hält. Von der koloristischen
Effekthascherei abgesehen, zu welcher Aivasowsky um so
weniger berechtigt ist, als ihm die zu solchen Künsten
erforderliche technische Virtuosität abgeht, leiden seine
Meerbilder an dem Grundübel, daß er den Elementar-
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