Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Kunstlitteratur

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pedantisch läßt sich dieser Gedanke durchführen, wohl
aber in dem versöhnenden Geiste, den der große Meister
iin Bau der Kirchenschiffe wie im Bau der Westfront
des Münsters bcthätigt hat, nnd wie er die harmo-
nische Einheit der vorhandenen Westfront anstreben und
den großartigen Bau monumental abschließen würde.

Der Vollendung des Münsters in diesem Sinne
die wärmsten Freunde in allen Schichten der alten,
berühmten Münsterstadt wie in allen deutschredenden
Ganen zn gewinncn, Erwins hohem Genius die ihm
gebührende Gerechtigkeit zu gewähren, Straßburg in
seinem Münster herrlicher als je crstrahlen zu lassen,
dies ist das ernste Ziel unseres Strebens. Dafür hoffen
wir gctrost; ja die Sache selbst lcistet uns Bürgschaft
dasür, immer mehr warme Herzen und tapfere Förderer
nah nnd sern zu finden. Jst doch das Köstlichste bei
dcr Verfolgung des vvrgesteckten hohen Ziels, daß ihm
gegenüber alle konfessivnellcn und politischen Parteiungen
schwinden, und daß hier, wie selten, ein Boden ge-
wonncn ist, auf deni alle Partcien friedlich sich be-
gcgncn, gcmeinschaftlich das Höchste crstrebcn und
schaffen und so die Herzen der Neichslande durch Bande
der Liebc mit den Vetvohnern dcs alten Vatcrlandcs
verbinden mögen.

Dic Vollendung des Domes zu Köln, welche nnn-
mchr crfolgt ist, mahnt laut daran, die frei werdenden
bedentenden Mittcl und Kräfte für den Vvllendungs-
ban von Erwins herrlicher Münsterfrvnt zu verwcrtcn
und durch Übersiedelung der Bauhütte von Köln nach
Straßburg, an die alte Stätte Jahrhunderte langer
Blüte, Deutschland diese hochwichtige Hütte zu er-
halten. Während eines 55jährigen Zeitraums ist sie
mit den größten Opfern herangebildet worden, hat
wie keine zweite die glänzendsten Erfolgc crrungen,
vermag nach dem Gange ihrer ausgezeichnetcn Aus-
bildnng dic vorzüglichste Lösung jeder ihr zn stcllendcn
Aufgabe zu gewährleisten und gereicht durch ihre Lei-
stungen dcm Vaterlande zur höchsten Ehre.

Außcrdem hat durch den Bau des Domes zu Köln
der Sinn silr altdeutschc Kunst in der Nation ncue
Wurzcln gcschlagen nnd freudig Blüten und Früchtc
getricben, so daß die Gothiker nnter den Architcktcn
jctzt zu den allerhöchsten Leistungen befähigt sind.

Der Dvmbaumeister Regierungs- und Baurat
Voigtel zu Köln schreibt unter dem 15. März d. I.:

„Die Auflösung der Dombauhütte, der nmster-
gültigcn Schule der Steinmetzkunst in Deutschland,
würde eine Stätte des Knnsthandwerks zu einer Zeit
vernichten, wo alle Bestrebungen darauf gerichtet sind,
derartigc Jnstitnte mit großen Opfern neu in's Lebcn
zn rnfen. Die Jdee der Überführung der Dombau-
hütte von Köln nach Straßburg ist von mir an maß-
gebendcr Stcllc schon vvr 1Jahren angeregt" u. s. w.

Auch in Straßbnrg selbst ist der richtige Moment
sür die Jnangriffnahme der Westfront gekommen. Der
prächtige Schmuck der Kuppel und der Bau des mäch-
tigen Vierungsturmes sind beendigt, und sv tritt ganz
naturgemäß an die Dombanverwaltung die ernste Aus-
forderung heran, jetzt den letzten entscheidenden Schriii
zur Vollendung des Münsters durch eine würdige nio-
numentale Voklendung der Westsront im Geiste Erwins
zu thun.

Desgleichen haben zahlreiche Architekten- nnd Jn-
genicur-Vereine freudig ihrc principielle Zustiiiimnng
zu dem Werke ansgesprochen, darnnter in einer einzigen
Kette die Vereine von Elsaß-Lothringen, von Baden, von
Württemberg, von Baiern und von Östcrreich, also
vom gesammten deutsch redenden Süden.

Die Stadtverwaltung von Straßburg, welche ver-
fassungsmäßig über alle MUnsterangelegenhciten ent-
scheidet, hat ihren Dank für die Anregung der mit
lebhaftem Jnteresse von ihr verfolgten Sache ausge-
sprochen. So besindet sich in Straßburg die Sache
bereits im Fluß.

Endlich hat auch die politische Presse der Münster-
sache sich angenommen, so z. B. die Koblenzer, Frank-
furter, Magdeburger und Posener Zeitnngen. Die
Koblenzer Zeitung schreibt wvrtlich:

„Wir verstehen es wohl, wenn aus technischen
Gründen die „Deutsche Bauzeitung" anrät, die Kölner
Bauhütte niöchte nach Ulm übersiedeln; indeß sehen wir
dort den Bau in so bewährten Händen, dazu außer
aller nationaler Gefahr, daß wir trotz aller Schwierig-
keiten dabei stehen bleiben: „Deutschland muß am
Straßburger Münster fvrtfahren zu bauen!"

Möge diese kernhafte Sprache überall frohen
Wiederhall finden, mögen hochgestellte Männer nnd
maßgebende Autoritäten den günstigen Augenblick er-
fassen und die große Sache kraftvoll in die Hand
nehmen, und mögen weite Kreise voll Begeisterung an
der herrlichen Vollendung des Straßburger Münsters
sich beteiligen!

Aunstlitteratur.

Trachten. Haus-, Feld- und Kriegsgerätschaftcn der
Völker alter und neuer Zeit. Gezeichnet und
beschrieben von Fried. Hottenroth. Stnttgart,
G- Weise. Lief. 1—4. 48 Tafeln und 64 Seiten
Text. 4°. 1879—80.

Die Trnchtcir der Völker, vom Beginn der Gcschichte
bis zum neunzehnten Jahrhundert, von Albert
Kretschmcr und 11r. Karl Rohrbach Zweitc
durchgearbeitete und erweiterte Auflage. 4. Leipzig,
I. G. Bach. 1880.
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