Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Korrespondenz aus Paris.

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und das Bild überragt in dieser Hinsicht alle früheren
Werke des Meisters.

Außer dem Makartschen Bilde sind noch einige
andere erwtthnenswerte Werke zu der Ausstellung hin-
zugekommen. Angeli hat zwei neue Portrttts, Kirch-
mayer eine feingestimmte Kindergruppe, A. Achen-
bach zwei kleinere Landschaften ausgestellt. Von I. E.
Schindler sind eine Anzahl schöner Landschaften da;
Friedrich Keller hat ein mit Bravour gemaltes far-
benschönes Genrebild, Franceschini einensehr schönen
Studienkopf, Robert Ruß eine Menge kleiner Skizzen
eingesendet. H. L. Fischer bringt ein farbenprächtiges
„Arabisches Mttrchen". Ein von Steinle nnd
Linnemann entworfenes, in der Tiroler Glasmalerei-
anstalt meisterhaft reproduzirtes Glasgemälde ziert
ebenfalls die zweite Abteilung der Ausstellung.

Die in nnsereni ersten Berichte kurz erwähnten
Bilder von Holmberg und Gysis haben durch die
neu ausgestellten Bilder keine Beeinträchtigung erfahren,
es ist besonders das letztere durch den Gegensatz zu
dem blendenden Hauptbilde der Ausstellung interessan-
ter geworden. Man ist unwillkürlich versucht, Ver-
gleiche zu ziehen. Das Gysis'sche Bild ist eines von
denjenigen, welche durch oftmaliges Betrachten in der
Wertschätznng wachsen, durch die keusche Behandlung
und feine Beobachtung des Seelenlebens, durch die
Jnnigkeit des Ausdrucks, die echte Wahrheit, welche
nicht packt, aber fesselt. Holmbergs Bild verträgt
ebenfalls dieses liebevolle anhaltende Studium.

An Werken der Plastik Weist die zweite Ab-
teilung der Ausstellung eine betrttchtliche Vermehrung
auf. Tilgner hat eine große Anzahl seiner Arbeiten
in einem geschmackvoll dekorirten unteren Raume aus-
gestellt. Er ist ein ausgezeichneter Künstler von sel-
tenem Talente, seine Porträts sind alle lebendig auf-
gefaßt und mit einer so großen Freiheit behandelt,
daß die der Plastik gezogenen Grenzen oft durchbrochen
scheinen und der Bildner mit dem Maler um den
Lorbeer ringt. Daß er in dem Maße verliert, wie
er ihn gewinnt, das wollen freilich heute nur Wenige
glauben; ist ja doch der leidige Zopf wieder zu Ehren
gekommen bei Künstlern und Schriftgelehrten! Daß
aber trotzdem zweimal zwei vier ist und nicht fünf,
das möchten wir denn doch hier und da in Erinne-
rung bringen. K. Jähnl, ein begabter Schüler Prof.
Helmers, huldigt auch dieser Zeitströmung und läßt
sich mehr von Tilgner als von seinem Lehrer beein-
flussen. — Wir sehen es nicht gerne, wenn ein junger
Künstler dort anfttngt, wo ein fertiger aufhört, be-
merken gerne die empfindungsvolle Durchbildung der
Form, geschmackvolle Anordnung und gute Auffassung,
wünschten aber,,daß die Jungen bisweilen doch nicht
so zwitscherten wie die Alten sungen. I. X.

Aorrespondenz.

Paris, Mitte April I88l.

Der Zufall ist ein Künstler in seiner Art: er
bringt die pikantesten Zusammenstellungen und Gegen-
sätze hervor. Jhm verdanke ich es, an einem und
demselben Vormittage zwei Sammlungen haben in
Augenschein nehmen zu können, welche beide höchst
ipteressant, aber durchaus entgegengesetzten Charakters
sind. Jch könnte, wenn ich mich in Antithesen ergehen
wollte, aus diesem Anlaß das schönste rhetorische Kunst-
werk zu Wege bringen, aber ich will die beiden Gegen-
stücke lieber einfach eines nach dem andern besprechen:
nämlich die Sammlung Double und die Ausstel-
lung der Jntransigenten oder Jmpressionisten.
Jn der einen herrschen Vollkommenheit und Raffinement,
in der anderen Barbarei und Nnwissenheit. Man
staunt auf der einen Seite über die Höhe der Kunst,
über das bis an die äußerste Grenze des Erreichbaren
getriebene technische Geschick, auf der anderen sieht man
nichts als verwitterte rohe Blöcke, die sich für Kunst-
werke ausgeben. Jch thue unversehens dasGegenteil von
dem, was ich gewollt; wenn ich nicht einhalte, bin ich
dennoch den Antithesen verfallen. Also der Reihe nach!

Der kürzlich verstorbene Herr Double war ein
berühmter Sammler, dessen künstlerischer Nachlaß hier
gegen Ende Mai zum öffentlichen Verkauf kommen
soll. Es wird zu dem Zweck ein besonderer Saal er-
baut und in demselben einige Tage vor der Auktion
die Sammlung der allgemeinen Besichtigung zugänglich
gemacht werden. Um den Lesern mit einem einzigen
Wort von der Bedeutung derselben einen Begrisf zu
geben, sei gesagt, daß die Erben ein Angebot von
6^/2 Millionen Frcs., welches man ihnen unter der
Hand machte, zurückgewiesen haben. Herr Double war
ein Kunstliebhaber im umfassendsten Sinne des Wortes
und lebte inmitten seiner Reichtümer. Die beiden
Stockwerke seines Hauses sind mit Holzschnitzereien,
Webereien, Stickereien, kostbaren Plafonds und Möbeln
angefüllt und wurden stets in allen Teilen bewohnt.
Das 17. und namentlich das 18. Jahrhundert haben
alle ihre Wunder beigesteuert. Die wenigen Bilder
gehören zumeist der holländischen Schule an; darunter
sind der bekannte schöne Delftsche Van der Meer und
zwei Gonzalez Cocgues, deren einen der Sohn des
Verstorbenen dem Louvre geschenkt hat. — Herr Lucien
Double ist ein ausgezeichneter Historiker, desien neueste
litterarische Arbeit Karl den Großen zum Gegenstande
hat. Man begreift, daß das 18. Jahrhundert ihm
etwas modern vorkommt. — Es ist mir absolut un-
möglich, alle die kostbaren Ausstattungsgegenstände
einzeln aufzuzählen. Das wird die Aufgabe des Ka-
taloges sein, deffen Erscheinen deinnttchst zu erwarten
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