Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Der schweizerischs Salon von 1881.

Nr. 986: Momper mit Figuren von I. Brueghel,
Gebirgslandschaft. Der Preis von 2100
Mark für diefen so häusig vvrkvmmeudcn
und ziemlich dekorativen Maler ist wohl
noch selten bezahlt worden.

Limmat-Athen die Ausstelluug völlig tot schwieg? Über
jedes mittelmäßige Konzert ergehen sich die Blätter iu
dithyrambischen Lobeserhebungen; wenn es sich aber

Nr. 1581: I. Steeu, die Verstoßung der Hagar,
Preis 10 000 Mark. Dieses nach Gegen-
stand, Behandlung und Format ftir den
Meister wenig charakteristische Gemälde war
eine unnötige Anschaffung.

Nr. 1567: E. v. d. Poel, das Jnnere eines Bauern-
hauses, kostete 1200 Mark, ist aber zu teuer,
da es geputzt und iiberhaupt ursprünglich
nicht bedeutend ist.

Deu Antonello da Messina fand ich zu teuer,
weil er zum Teil verdorben ist, wie denn auch das
Bild 1873 in der Ausstellung zu Wien bei dem Sekre-
tariat der Leihausstellung älterer Gemälde als für
3000 Fl. verkäuflich notirt war, aber von seiten der
Dresdener Galerie dennoch mit 10 000 Fl. bezahlt wurde!

Bei der Herrn Hübner geläufigen Verwechselung
von Original und Kopie möchte ich — um auch diesen
letzten Punkt uoch zu berühren — mit ihm über Echt-
heit oder Unechtheit der Holbeinscheu Madonna nicht
serner streiten, um so weniger, als ich wohl begreifen
kann, daß die Dresdener dieses durch langen Besttz
und ehrwürdige Erinnerungen geheiligte Bild, welches
fast zum Wahrzeichen von Dresden gewordeu ist, nicht
leicht als Kopie preisgeben mögeu.

Ur. O. Eisenmann.

Der schweizerische 5alon von s88s.

Ungünstiger als dieses Äahr konnten sich die
Verhältnisse nicht wohl gestalten für die Eröffnung
uuserer Kunstausstellung. Eine vorweltliche Finsternis
bedeckte Berg und Thal und machte es unmöglich, in
der Tonhalle, wo das Licht ohnedies nicht das beste
ist, Linien, geschweige denn Farben zu unterscheiden.
Und dazu kam noch die Konkurrenz zweier ausländi-
scher Meister von bedeutendem Ruf, die Konkurrenz
von den „Füns Sinnen" Makarts und von Heinrich
Siemiradzki's „Lebenden Fackeln". Kein Wunder
also, daß im Anfange der Besuch der Ausstellung
ein sehr geringer war. Erst als die fremden Bilder
ihre Reise um die Welt fortsetztcn, uud das Wetter
sich wieder aufheiterte, nahm derselbe zu. Den aus-
gestellten Gegenständen gegenüber verhielt man sich
schr platonisch. Außer den wenigen Gemätden, welche
sür die Verlosung gekauft wurden, ist nicht viel in
Zürich geblieben. Wie konnte man auch erwarten, daß
der Laie, welcher immer einer gewissen Aufmunterung
bedarf, seine Wahl treffen würde, da die Prcsse von

einmal daruni handelt, Werke der bildenden Kunst dem
Publikum näher zu rücken, so hüllen sie sich in ehr-
furchtsvolles Schweigen. Es ist ebeu leichter, über
musikalische Leistungen gemeinplätzige Reden zu haltem
als ein motivirtes Urteil in Sachen der bildendeu
Künste zu Papier zu bringeu.

Es thut mir leid; aber ich kann nicht anders, ich muß
meine Besprechung mit einem Tadelsvotum beginnen.
Zwei Historieubilder waren da, welche Anspruch darauf
erhoben, beachtet zu werden; beide stellen Scenen ans
der vaterländischen Geschichte vor. Auf dem einen
sehen wir die Berner, angeführt vom Schultheißen
Friedrich von Steiger und dem Gcneral von Erlach,
im Kampfe mit den Franzosen. Der Kampf fand am
Grauholz bei Bern den 5. März 1798 statt; 702
Berner fielen iu demselben. Das Bild, von Jenny
iu Solothurn, ist ein Durcheinauder von verzeichneten
Figuren; solche Soldaten und Pserde kann man in
einer Spielwarenhandlung besser kaufcn. Das Ge-
mälde hätte ungemalt und unausgestellt bleiben sollcn;
es dem Beschauer vorzuführen, weil es das einzigc
Schlachtenbild war, ist wahrlich kein ernster Gruud.
Wir empfehlen dem Künstler, von dem uns die kleinste
Hand richtig nach der Natur gezeichnet mehr impo-
niren würde, ehe er sich an ueue Schlachtenbilder wagt,
das 67. Kapitel in Liouardo da Vinci's Malerbuch
zu lesen, welches überschrieben ist: Wie eine Schlacht
dargestellt werden soll.*) Das zweite Historienbild
ist von Wekesser in Rom und behandelt eiu Thema
aus den Reformationswirren im Kanton Tessin, die
Gefangennahme der Anna von Muralt. Die Heldin sitzt
iu ihrem Boudoir und ist bei der Tvilette beschäftigt,
ihr Kammermädchen macht ihr soeben die Haare. Die
Häscher stürmen ins Zimmer und melden ihr den Ver-
lust der Freiheit. Das Bild ist geschickt komponirt und
gut gemalt; was ihm fehlt, um dauernd zu fesseln, ist
der durchgeistigte Ausdruck der Gesichter; die Typen,
besonders die Frauentypen, sind etwas langweilig.

Nicht viel Erfrenlicheres ist von deu Porträts zu
sagen. Barzaghi rückt leider vor auf der Bahn des
Manierismus, und seine Schülerin, Frl. Bindschedler,
sieht die Natur durch die Brille des Meisters. Bar-
zaghi hatte zwei Frauenköpfe ausgestellt, von denen der
eine im Profil, der andere ou kuos erscheint. Ersterer
streift die Karikatur. Mau Lenke sich eine Dame,
welche von uns wegschreitet und sich umblickt, um das,
was hinter ihr vorgeht, zu sehen. Da sie die Stellung
ihres Körpers nicht verändert, so müssen ihre Augen

Ausg. v. Manzi. Rom 1817. S. 94—97.
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