Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Kunstlitteratur.

Aunstlitteratur.

Iriomxlrs äs Luxiäon, 12 ässÄns srotiiuss xur

Ilsnri Dossorv. Orunäs säition äs luxs.

Lluniok, Vä. ^oksrinunn. 1881. 1?ol.

„Unsere Kunst ist längst nicht mehr die Hohe-
priesterin dcs Jdeals, die Offenbarung einer schönercn,
edleren Welt; sie lehrt nns so selten das Göttliche,
sondern nur noch das Menschlichste, nicht mehr das
Hohe und Edle, sondern nur noch das Gemeine kennen."
Dieses nur akzuwahre Wort Pechts aus einem Be-
richt iiber die letzte große Münchener Ausstellung siel
nns ein, als wir die oben bezeichnete „Aimnäs ääition
äs luxo" der erotischen Zeichnungen des Herrn Lossow,
der bekanntlich durchaus kein Pariser, sondern ein
würdiges Mitglied der dentschen Malerzunft an der Jsar
ist, durchmustert hatten. Es existirt iibrigens auch eine
deutsche Ausgabe des prächtig ausgestatteten Albums,
unter dem Titel „Götterdekameron", uud der Ver-
lcger giebt uns die uaidc Versicherung, daß das Werk
— durchaus nicht etwa in Frankreich — nein in Mün-
chen von den „höchsten und feinsten Kreisen" mit Auf-
mcrksamkeit und Beifall begrüßt wordcn sei. Das glaubcn
wir gern. Die Sammler und Liebhaber solcher „galan-
ter" und „erotischer" Darstellungen werden nie aus-
sterben. Warum, das haben wir hier nicht weiter zu
untersuchen und wollen uns überhaupt mit der g egen-
ständlichen Seite der Lossowschen Schöpfungen gar
nicht eingehender befassen. Für uns hat nur ihr
künstlerischer Wert ein Jnteresse. Und da begegnete
uns in einem großen deutschen Tagesblatte neulich die
Äußerung, in Lossow sei aus der „eiust so strengen"
Münchener Schule ein „neuer Bvucher" entstanden.
Dagegen müssen wir protestiren. Der bayerische Götter-
Boccaccio mag alle möglichen Eigenschaften besitzen,
nur gerade jene, welche den „Liebling der zopsigcn
Grazien" auszeichnet und ihm, wenn auch auf schon
stark bergabwärts führender Bahn, immer noch unter
den mit Recht gepriesenen Meistern der Spätrenaissance
seinen Platz auwcist, das unsehlbare Schönheitsge-
fühl geht unserem biedern Münchener Nachahmer des
„stits Uouis XV." gänzlich ab. Man ziehe doch ein-
mal das reiche Wurzbachsche Sammelwerk, die „Fran-
zösischen Malcr des 18. Jahrhunderts" (Stnttgart,
P. Neff), welches vom deutschen Philisterium seiner-
zeit mit so unliebenswürdiger gestrenger Miene aufge-
nommen wurde, zu Rate und vergleiche dic darin
enthaltenen Erotika, auch die allerschlüpferigsten, mit
dem Lossowschen „Götterdckameron", so wird man mit
Schrecken wahrnehmen, wie tief dieses neueste Produkt
unserer deutschen Kunst unter den vielverlästerten
Werken eines Boucher, Fragonard, Greuze, Baudouin,
van Loo u. s. w. steht. Hier leises Kichern, dort

— Nekrologe.

schrilles Kreischen und Grinsen, hier graziöses Tänzeln,
dort ein widerliches Recken und Spreizen der Glieder,
hier bei aller Liisternheit immer Witz und Geist in der
Erfindung, dort nur die brutalste Sinnlichkeit, hier
ein edler, wenn auch bisweilen überseiner Formen-
sinn, dort das üppige sich Breitmachen des gemeinen
und frechen Naturalismus. — Wollte man die Ver-
gleichungspunkte höher wählen, etwa bei Giulio Romano
oder vollends bei Correggio, diesem größten Poeten
des Sinnenreizes unter den Malern, so müßte das
Verdikt noch viel schärfer lauten. Das ist aber die
ganze Sache nicht wert. Das Schlimmste, was uns
passiren könnte, wäre die entsprechende Zurückweisung
des deutschen Pseudo-Boucher durch die französische
Kritik. Wir wollen dieser wenigstens zuvor zu kommen
versuchen, indem wir unserem geehrten Landsmann den
ihm gebührenden Platz anwciseu.

Die Gerechtigkeit erfordert indessen zu sagen, daß
nicht alle Zeichnungen des „Gvtterdekamervn" auf
gleich tiefeni Niveau stehen. Recht hübsch erfunden ist
z. B. der schelmische kleine Gott des Titelblattes, anf
dem sich im übrigen der schwerfällige Humor des
Münchener Hofbräuhauses schon allerortenfühlbar macht.
Die Göttinnen und Heroinen der folgenden Blätter
zeigen allc das nämliche spitznasige Modell mit schwam-
migen Körperformen und Doppelkinn in den ver-
schiedensten, oft mit unglanblichem Cynismus erdachten
Stellungen. Ein Hauch von Anniut streift wenigstens
über das Bild der „Leda mit dem Schwan". Auch
die „Amphitrite" spricht durch einen gewissen Reichtum
der Erfindung an, obwohl der Kopf der Hauptsigur
viel zu bildnismäßig wirkt. Das Nonplusultra der
Widerlichkeit enthalten die Darstellungen der „Jo",
des „Kupido als Triumphator" und nanientlich der
„Lurlei", dieser ordinärsten Konzeption, mit welcher
jemals eine verdorbene Künstlerphantasie sich gegen den
Geist echter Volksdichtung versündigt hat. Heiliger
Heine, wie groß bist du, verglichen mit diesen Pygmäen!

L.

Nekrologe.

n r. Georg Mader f. Am ersten Juni über-
raschte uns die traurige Nachricht, daß am 31. Mai
der Maler Georg Mader zu Bad Gastein ver-
schieden sei. Er hatte sich dahin versügt, um sich von
den Folgen eines Schlagflusses, der ihn gelähmt hatte,
zu erholen.

Der Sohn eines Müllers, wurde er zu Wolf,
einem Weiler Lei Steinach im Wippthale südlich von
Ännsbruck, am 9. September 1824 geboren. Die Lage
der Familie bestimmte ihn, das Handwerk des Vaters
zu erlernen; er arbeitete bis zu seinem sechzehnten
Jahre als Knecht. Da gelang es der Verwendung
seines geistlichen Stiefbruders, es durchzusetzen, daß er
nachJnnsbruck zu einemMaler untergevrdnetenRanges,
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