Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Die Wiedereröffnung des Museo Correr in Venedig,

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srüher gekennzeichneten Richtung jetzt im kunstgewerb-
üchen Leben cine andere geltend zn machen strebtz die
iwrzugsweise auf malerische und dekorativc Wirkung
hinarbeitet. Gliicklicherweise ist die künstlerische Bil-
dung in den maßgebenden knnstgewerblichen Kreisen
Wiens soweit gediehen, daß diese von der Zeitströniung
getragene Tendenz kaum schaden kann. Sie wird aber
jedensalls dazu bcitragen, die stilistische Richtnng vor
Trockcnheit zn bcwahren nnd den Sinn fiir Lebendig-
keit und malerische Gesamtwirkung zu fördern, welche
unsrer Bevölkerung sympathisch sind.

Wien, im Oktober 1880. N. v. Eitelbcrger.

Die Wiedereröffnung des Museo (Lorrer
in Venedig.

Am 6. Juli wnrdcn die neucn Räume deS Mnsev
Correr im Fvndacv dei Tnrchi eröffnct. Znr Jnan-
guration derselben hatte man nnr Beamte geladen; an
Künstler, Knnstschriftsteller und hervorragende Kunst-
sreunde der Stadt waren keine Einladungen ergangen:
eine Versäumnis, welche allgemein gerechtes Mißfallen
erregte. Der von Herrn Paul Schönfeld am Schlusse
seines vorigjährigen Artikels in dieser Zeitschrift aus-
gesprvchene Wunsch, daß das Museum in dem neuen
Gebäude zur vollen Geltnng gclangen möchte, ist voll-
kommen in Erfüllnng gegangen. Das Resnltat der
jahrelangen Restaurativnsarbeiten am Fondaev dei
Turchi ist schließlich ein glücklicheres, als von manchen
Seiten angenommen wurde, und hat den Tadlern
Schwcigen auferlegt, die u. A. das ganze Gebäude
höher über dem Wasserspiegel des Onnai ^ranäo er-
hoben wissen wollten, weil die untere Halle selbst bei
nur mittlerer hoher Flut unter Wasser gesetzt sei.
Sei dem, wie ihm wolle — jeden Besucher, der, die
Gondel verlassend, den Fuß auf die ins Wasser vor-
springende halbrnnde Treppe gesetzt hat, wird die
Pracht des verwendetcn Materials und das eigen-
tümlich fremdländische Wesen des Baustils nicht ohne
Eindrnck lassen. .

Diese vornehme Wirknng wird nicht vermindert,
tvenn man dic nntere Halle mit ihren eleganten Säulen
dnrchschreitet, dann dic Hvfhallc, wv einc Anzahl alt-
venezianischer Cisternenbrüstungen aufgestellt sind, be-
tritt nnd an dercn Ende sich der schöncn Statuc des
Marcus Agrippa gcgenüber sicht. Diese Statue (ans
der Vorhalle des Pantheon in Rom stammend) hatte
sreilich ehemals im Hofe des Palazzo Grimani einen
viel schöncrn Aufstellungsort als jetzt. Sie ist dem
Mnnicipium von dem letztcn Besitzer, Grimani, ver-
macht worden. An der Aufstellungsart der Cisternen-
brüstungen ließe sich vielleicht tadeln, daß jede auf vier

häßlichen Steinklötzen statt auf einem Stufenbau ruht,
welcher absolut dazu gehört. Besser noch, sie säßen auf
dem Fußboden auf, aus dem sie dann gleichsam heraus-
wüchsen, wie man dies auf kleinern Plätzen und in
den Hösen Venedigs beobachten kann.

Wenden wir uns nun zu der altertümlich in-
krustirten Treppe, welche uns in das obere Stockwerk
führt. Dort angclangt, betreten wir zuerst einen
größern Saal mit umlaufender Galerie, in welchem
Proben der Kupferstichsammlung in großen Nahmen
an den Wänden umher aufgehängt stnd, während in
den noch leeren Schränken die Wappen untergebracht
werden sollen. Hier befindet sich unter anderem der
berühmte große Holzschnitt, welcher Venedig aus der
Vogelschan darstcllt, mit der großen Holzplatte daneben.
Ein anstoßendes Zimmer ist den Erinnerungen an
Venedigs Verteidigung im Jahre 1848 geweiht. Jn
Glasschränkcn sehen wir Dokumente, Bricfc, Münzen,
Religuien der Gefallcnen, an den Wänden Fahnen,
Wasfen, Ehrenzcichen und schlcchte Gemälde, tvelche die
Ereignisse aus jener Zeit darstellen u. s. w. Jm
nächsten Raume istCanova eine ganze Wand einge-
räumt, nm Denkwürdigkeiten aller Art, die sich aus
dcn Künstlcr beziehen, aufzustellen. Rechts nnd links
von diesen deni Venezianer teuren Reliqnien stehen
Schränke mit musikalischen Jnstrumenten, u. a. eine
Orgel mit Holzpfeifen von Matthias Corvinus
v. I. 1494.

Man betritt nun die drei Räume, deren Fenster
in der Faqade des Gebäudes liegen. Ein quadratischer
Saal enthält die Bronzen, ringsum in schöngeschnitzten
Schränkcn aufgestellt. Jn der Mitte dcs Raumes
steht ein Lesepult in Form eines doppelköpfigen Messing-
adlers, ferner ein Kandelaber von Al. Vittoria aus der
niedcrgebranntcn Kapelle del Rosario, znsammengestellt
aus den Resten der zwei bei dem Brande zu Grunde ge-
gangenen Standleuchter, dann Becken, Schüsseln, reizend
gravirte Stahlkassetten, u. dergl. Die ganze Mitte
des Gebäudes nimmt die nach dcm Kanal sich öffnende,
nngemcin malerische Loggia cin. Erst nach langer
Beratung entschloß man sich, sie durch Butzenscheiben-
fenster zu schließen und so auch diesen Raum, den
schönsten des ganzen Gebäudes, für die Aufstellung von
Kunstgegenständen zu verwerten. Er umschließt eine
der malerischsten Waffensanimlungen der Welt. Die
im alten Museum aus vielen, der Zeit nach wejt
auseinander liegenden Bestandteilen zusammengesetzten
Rüstnngen wurden auseinandergenommen und zu ma-
lerischen, über den Thüren aufgehängten Trophäen
gestaltet, wertvollere Stücke aber in Glasschränken
aufgestellt. Eine lange Reihe prächtiger Hellebarden
und Fahnen nehmen sich an den Wänden umher gar
stattlich aus. Die schöne Aussicht nach dem Kanale
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