Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Korresponden? aus Berlin.

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schule, lediglich und allein Hagen zu verdanken hall
Nach dem Tode Ziernianns hat Weimar an besseren
und bekannten Genremalern nur noch Woldemar
Friedrich, O. Pilz und Prof. Günther; doch erhielten
diese ihre Bildung unter früheren Professoren. Unter
den jüngeren Kräften befinden sich zwar einige unver-
kennbare Talente, aber in den letzten Jahren ist keines
an die Öffentlichkeit getreten.

Anders ist es mit den Schülern HagenS. Niedel,
v. Schennis, Tübbecke, v. Gleichen-Rußwnrm, Buch-
hvlz sind überall anerkannte, tüchtige Landschafter, und
sie alle haben Hagen viel zu verdanken. Desgleichen
thnn sich unter den Jüngeren Bunke, Baum und Förster
rühmlich hervor. Die beiden Weidenmotive, welche
der erstere, ein noch ganz junger Mann, vor kurzem
ausstellte, sind sogar entschieden hervorragende, äußerst
feintonige Bilder. Hagen hat neben seiner Unermüd-
lichkeit als Lehrer die Gabe, jedem nach seiner indi-
viduellen Begabung anders zu behandeln, und erzielt
damit die schönsten Erfolge. Ferner ist es eine That-
sache, daß ein großer Teil der mit jedem Semester
neu eintretenden Schüler speziell seinetwegen nach
Weimar konnnen. Wir können also nur bedauern,
daß dieser Mann, dem die Schule so viel zn ver-
danken hat, das Direktorium niederlegte, andererseits
freilich sind wir überzeugt, daß er dieser, in Weimar
besonders schwierigen Stellung von Herzen Balet sagt,
um sich nunmehr ungeteilt seiner Knnst und seinen
Schülern zu widmen.

Das Direktorium ging in die Hände des als
Tiermaler angesehenen Prvf. Brendel über. Wir
wollen hoffen, daß er es rühmlich behauptet. Nalür-
lich munkelt und redet man nach alledem vielerlei.
Auch von bevorstehenden Veränderungen unter den
anderen Lehrkräften will man wissen, doch mangelt
diesen Gerüchten vorläusig jede Bestätigung. Wir
aber möchten zu bedenken geben, daß die beiden als
Lehrer im Figurenfache thätigen Niederlünder äußerst
verdienstvolle Künstler sind. Prof. Willem Linnig jun.
ist ein hervorragender Kolorist und Prof. Alexander
Struys ein bedentender Techniker. Und jedenfalls
ist der fortwährende Wechsel der Lehrkräfte kein Vor-
teil für diejenigen Schüler, die nach Weimar kommen,
um etwas Tnchtiges zu lernen.

Schulte vom Brühl.

liorrespondenz.

Berlin, im Juni 188l.

Über einen Mangel an künstlerischen Genüssen
dcr verschiedensten Art darf sich das Berlincr Pnbli-
kum gegenwärtig nicht beklageu. Vvn ihnen gehört
die dreimalige Anffiihrnng des Wagnerschen Bühnen-

festspiels, die weitaus im Vordergrunde des allgemeinen
Jnteresses stand, allerdings nicht in den Rahmen der
„Kunst-Chronik". Daß aber die Neubelebung der
nordisch-germanischen Mythologie, die uns in dem
Hauptwerke des Dichterkomponisten entgegentritt, auch
auf die bildende Kunst nicht ohne Einfluß bleibt, be-
weist von neuem ein im Salon des Künstlervereins
ausgestelltes, sehr bemerkenswertes Bild des Müncheners
Karl Gebhardt jun. Es betitelt sich „Loki und
Sigyn" und schildert in lebensgroßen Figuren die
Qual des von den Göttern zu grausamer Strafe ver-
dammten Genossen und die ausharrende Treue des
jugendlichen Weibes, die den auf öder, von Wogen
umbrandeter Felsklippe gefesselt daliegenden in seiner
Not nicht verläßt. Jn weißem Gewande, das im
Herabgleiten Schulter und Brust enthüllt, neben ihm
sitzend, fängt sie mit der in der ausgestreckten Linken
gehaltenen Schale den dampfenden Geifer auf, den die
aus der steilen Felswand sich hervorreckende Schlange
auf ihn niedertropft, und meisterhaft bringt die ganze
Bewegnng der schlanken Gestalt, die halb abwehrend,
halb scheu zurückweichend erhobene Rechte und der fest
auf die verderbendrohende Schlange gerichtete Blick
des hellen Auges die mit Entschlossenheit gepaarte
bange Sorge zum Ausdruck. Auch wenn ihm die
Sage, die der Darstellung zu Grnnde liegt, nicht
gegenwärtig ist, bleibt der Beschauer doch keinen Augen-
blick über die innere Bedeutung der vorgeführten Si-
tuation in Zweifel. Mit dieser klaren Entwickelung
der in dem Stoff enthaltenen künstlerischen Motive
aber verbindet sich eine ebenso richtig. gefühlte, mit
einfachen Mitteln wirkende und vortrefflich geschlossene
malerische Stimmung und in beiden Figuren, die sich
in ruhigem Licht von dem grauen Gestein und der
düsteren Luft abheben, ein höchst anerkennenswertes,
solides Naturstudium. Wenn dabei die Gestalt des
Loki wohl noch ein wenig an den benutzten Akt er-
innert, so erhebt sich die der Sigyn und zumal der
ungewöhnlich schöne, seelisch belebte Kopf derselben zur
vollen Höhe freier und poetischer Auffassung. Jm ein-
zelnen fehlt es dem Bilde nicht an minder gelungenen
Partien; sie treten indes weit zurück gegen den er-
freulichen Eindruck eines anf das Jdeale gerichteten
frischen und gesunden Talents, einer durchweg ehr-
lichen Arbeit und vor allem einer im Gedanken wie in
der Malerei echt künstlerischen Anschaunng.

Einer ansehnlichen Kollektion von Öl- und Aqua-
rellstudien, die der längst als tüchtiges Talent geschätzte
Berliner Karl Saltzmann von seiner zweijährigen
Reise um die-Erde heimbrachte nnd im Salon dcs
Künstlervereins ausstellte, ist in der Chronik (Sp. 509)
bereits gedacht worden. Nicht wenige derselben, in
denen die Motive von vornherein auf ihre bild-
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