Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Die Restaurirung des Domes zu Braunschweig.

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in Brescia, eine heil. Ursula mit uhren zahlreichen
jungfräulichen Gefährtinnen ist ausgestellt. Doch ist
in derselben eher die Hand eines Schülers zu erkennen
als die von Moretto selber; die zwei dazu gehörenden
Seitenbilder mit zwei kräftigen männlichen Figuren
hingegen deuten bestimmter auf dic Ausführung des
Hauptmalers, der sich ja durch seine ganz eigene tiefe
und etwas düstere Farbe, sowie durch seine individuelle
starke Formengebung zu erkennen giebt. Heiterer
und anmutiger zeigt er sich zuletzt in cinem kleineren
Madonnenbilde mit den beiden Kindern und der heil.
Elisabeth.

Von ausländischen Malern ist nur Lukas Cranach
zu crwähncn, der uns hier ganz unerwarteter Wcise
ein sehr sastiges Bildchen, das die tragische Geschichte
von Pyramus und Thisbe vorstellt, darbietet, ein
trefflich gut erhaltenes und recht charakteristisches Bild;
endlich eine kleine vorzügliche, auf Holz gemalte, echt
holländische Vedute (Kanal mit Mondscheinbeleuchtung)
von van der Neer, lächerlicherweise als Luca
d'Olanda angegebcn.

Der übrige Teil der Wände ist mit einer Reihe
schöner Tapeten bedeckt, worunter sich sieben Stücke
auszeichnen, die von derDomverwaltung geliehen wurden
und ursprünglich nach Zeichnungen von Giulio Ro-
mano sür den Herzog Wilhelm Gonzaga gewirkt worden
sind. Reich in kräftigen Farben und Gold ausgeführt,
zeigen sie gewaltige Kompositionen, welche stch auf die
Geschichten des Moses beziehen.

Znletzt bliebe noch der Glaskasten mit der be-
wnndernswerten Bronzensammlung zu erwähnen. Es
wiirde uns zu weit führen, das Einzelne davon zu
Leschreiben, und so begnügen wir uns damit, den
prächtigen Triton auf der Muschel von Bernini, die
zwei kräftigen Herkulesfiguren von Tacca und den
kleinen, zarten vergoldeten heil. Rochus zu nennen.
Mehr mag sich jeder je nach Geschmack bei Besuch der
AnSstellnng mcrken.

Gustav Frizzoni.

Die Restaurirung des Domes zu Braunschweig.

(Schluß.)

Jn den letzten Jahren hat sich äbermals eine neue
Restaurirung des Domes als notwendig herausgestellt;
eS mußte ein Teil des Mittelschiffgewölbes reparirt
werden. Man trat bei dieser Gelegenheit der Frage
nahe, ob die kahlen Wände des Langhauses, wo auch
uur geringe Spuren alter Malereien gefunden wurden,
nicht ornamental dekorirt werden svllten, nm Harmonie
in dasGanze zu bringen. Dr. Essenwein (nach langer
Fahrt kommen wir endlich dem Titel unseres Artikels
nahe), der um Rat gefragt wnrde, sprach sich fstr eine

! Verbindung figürlichen Schmuckes mit ornamentaler
^ Ausstattung aus. Die knapp bewilligten Mittel machten
! eine Beengung der figürlichen Kompositionen notwendig.
Vielleicht, wie es uns scheint, zum Besten der Sache.
Dr. Essenwein wnrde mit der Arbeit betraut, und die
cngen Grenzen, die ihm die knappcn Geldmittel zvgcn,
zwangen ihn unwillkürlich, in die einfache, epigramma-
I tische Ausdrucksweise jener Zeit einzudringen, deren
^ Werk er hier ergänzen sollte. Dies ist ihm denn auch
, vollkommen gelungen. Er hat sich ganz in die kirch-
j liche Anschauungsweise des 12. und 13. Jahrhunderts
^ vertiest und das Ergebnis ist ein sehr glückliches. Daß
I es keine leichte Arbeit war, Gedanken, Augen und Hände
fiinf Jahrhunderte zurückzustellen, wird jeder Sachver-
ständige einsehen. Die Kritik des modernen Alltags-
I menschen ist hier nicht maßgebend, der Dom hat sein
kostbares altes Gewand trefflich restaurirt wieder an-
! gezogen, nur der linke Ärmel, das nördliche Krenz-
schiff, trägt leider noch die Flickerei mit einem modernen
j Stoffe. Wer sich über das Wesen dieser Restaurirungs-
art unterrichten will, den verweisen wir auf die citirte
Broschüre: „Die Wandgemälde im Dome zu Braun-
schweig" von vr. A. Esscnwein, in welcher er die Wahl
des Jnhalts und die Form der Ausführung übersichtlich
begründet und beides mit den alten erhaltenen Bildern
logisch verbindet.

Da die Seitenschiffe mit dem Mittelschiff infolge
der baulichen Veränderungen späterer Zeiten nicht mehr
im Einklang stehen, so war die Hauptaufgabe auf daS
Mittelschiff gerichtet. Beim Eingang, in dem Ge-
Wölbe zwischen den Westtürmen, ist der Herr in seiner
Herrlichkeit dargestellt, von den Chören der Engel
umgeben. Die ungetreuen Engel werden überwunden.
Wenn man in das eigentliche Schiff eintritt, sieht man,
wie auch Gott durch die Schöpfung in das Reich der
Sinnenwelt eingetreten ist. Jm ersten Gewölbe zeigt
sich also die Schöpfung, das Paradies, die erste Sünde.
Als Gegensatz zur Ewigkeit der göttlichen Glorie er-
scheint in seiner Schöpfung die Begrenzung der Zeit
(Tag und Nacht, Wochen, Jahre) und des Raumes mit
deni mannigfaltigen Jnhalte (die Elemente mit ihrcn
Pflanzen und Tieren). Beigegebene biblische Sprüche
erklären den Zweck der Schöpfung, ihre mannigfachen
Gebilde svllen ihreü Urheber verherrlichen. Auch der
Mensch svll sich in jeglichem Alter mit der Natnr zum
Lobe Gottes vereinen. Die vier Menschenalter versinn-
bildlichen diesen Gedanken. Die Menschheit wandelt
im Schatten der Sünde und des Todes, aber der Herr
will Gnadc und Barmherzigkeit walten lassen, jedoch
erst in der Fülle der Zeit. Der ältc Bund ist eine
Vorbereitung zum Erlösungswerke. Wenn wir im
Chore die vollendete Erlösung erkannt haben, so ist
fvlgerichtig im Kirchenschiff die Zeit vor ihrem Eintrittc,
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