Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Rückblick auf die Jnnsbrucker Kunstausstellung.

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unerörtert lassen, da bei Gelegenheit der akademischen
Eröffnungsausstellnng R. von Eitelberger (Zeitschrift,
Bd. XII, Seite 215, 216, 246, 270 u. ff.) die Stel-
lung der österreichischen Knnst nach allen Richtungen
beleuchtet und gewürdigt hat.

Von nichtösterreichischen Kunstlern dieses Jahr-
hundertö interessirt unS in erster Linie I. L. David
mit seineni prächtigen weltbekannten Reiterporträt
Napoleons I. Das Exemplar im Louvre ist in der
malerischen Wirkung weicher und abgerundeter, während
die Wiener Replik auf eine ziemlich weitgehende Mit-
wirkung von Schlllerhänden schließen lüßt.

Nicht weniger fesselnd ist das vortreffliche, frisch ge-
malte lebensgroße Familienporträt, das den schönen
jungen Grafen Fries mit seiner unaussprechlich rei-
zenden jungenGemahlin und dem erstgeborenen Söhnchen
darstellt. Es ist ein Stnck so wahren Lebens, ein Bild
so schönen heiteren Daseins, daß wir das künstlerische und
sachliche Jnteresse nicht auseinanderfallen lassen konnten.
Wir waren hocherfreut, als wir im selben Saal
noch zwei Büsten des schönen gräflichen Paares von
Chaudet fanden, die uns eine Gewähr waren für die
richtige, wenn auch viel liebenswürdigere Auffassung des
Malers.

Der eigentümliche subjektive Charakter dieser Aus-
stellung bewirkt es, daß wir da eine Generation von
Menschen vor uns sehen, die uns unmittelbar voran-
gegangen, deren Zeitgenossen noch unter uns wandeln;
das persönliche Jnteresse an den dargestellten Persön-
lichkeiten ist schon darum ein ganz eigenartiges, weil
wir es unmittelbar empfinden, was unsere Söhne und
Enkel etwa im künftigen Jahrhundert empfinden werden,
wenn sie unsere Angeli's, Fr. Kaulbachs, Lenbachs u. s. w.
bewnndern werden. Jn dieser Stimmung war es ganz
begreiflich, daß uns sonst ziemlich mittelmäßige Porträts
der schvnen Gräsin, ihres Gemahls und ihrer acht
Kinder von Agricola aus den späteren Jahren des
Ehepaars herzlich erfreuten; wir waren angenehni
berührt von diesem bildlichen Zeugnis eines normal
und glücklich ausgelebten Daseins. Angelica Kauf-
manns Porträt desselben Grafen Fries ist süß und
nicht charakteristisch.

Sehr vornehme Gäste in der Ausstellung sind die
Porträts von Lawrence und Joshua Reynolds.
Es ist höchst interessant, Lawrence's Malweise mit der
des Wiener Dannhauser zu vergleichen; der englische
Porträtist scheint ebenso wie Wilkie auf den talent-
vollen Wiener Künstler einen starken Einfluß geübt zu
haben. Reynolds ist nicht zum besten repräsentirt.
Die dick gemalten Porträts dieses Eklektikers und Theo-
retikers sind koloristische Experimente, nicht aber charak-
teristische und fein gezeichnete Porträts.

Sehr verwandt der Weise Lawrence's und ganz

verschieden von den übrigen ausgestellten Arbeiten der
Elisabeth Le Brun ist deren Porträt des berühmten
und einflußreichen Pnblicisten Gentz.

Wie weitgehend der Einfluß der französischen
Miniaturisten auf die gleichzeitigen österreichischen
Künstler war, zeigen die neben den Arbeiten derselben
ausgestellten Porträts von Jsabey u. a. Das Por-
trät der Mademoiselle Mars ist ein wahres Juwel.

Die Ausstellung von Porträtbüsten und Neliefs
der bekannten Meister R. Donner, Zauner, Fischer
und anderer eröffnet keine neuen Gesichtspunkte für
die Beurteilung der Stellung dieser Meister zur Knnst.
Sie ist zn wenig vollständig, um die Künstler voll-
kommen in ihrer Entwickelung zu zeigen und nur eine
Ergänzung in Beziehung auf die dargestellten Personen;
eine Ergänzung und Wiederholung. Daß auch letztere
interessant sein kann, zeigen die oben besprochenen
Porträts der gräflichen Familie Fries.

So gut man eine Ästhetik des Häßlichen schrieb,
wäre es eigentlich auch am Platze, bei einer solchen
historischen Ausstellnng das unvermeidlich Häßliche zu
besprechen, wenn der Schluß berechtigt wäre, daß dies
bezeichnend sei für die betreffende Kunstepoche.

Wenn wir die große Anzahl der erbärmlichen
Porträts aus dem vorigen Jahrhundert betrachten, so
wären wir geneigt, daraus weitereSchlüsie auf dieKunst-
zustände jener Zeit zu ziehen; doch verschlägt es nns
die Rede, wenn wir uns dabei in Erinnerung rufen,
was man uns heutzntage mitunter zu bieten wagt.
Wir finden es dann in unserer tiefen Beschämung gar
nicht so unbegreiflich, daß man Porträts wie die der
Ahams, Beaucharnais, Harrachs u. s. w. ausstellt.

I. Krsnjavi.

Rückblick auf die Innsbrucker Aunstausstellung.

(Schluß.)

Von den 63 Nummern des ersten Saals mochtc
ein Drittel aus dem siebzehnten Jahrhundert datiren
— verschieden in der Erfindung, wie in der Ausgc-
staltung des religiösen Gefühls, im ganzen wenig er-
freuliche Proben der kirchlichen Kunst, neben denen das
Selbstporträt des Hvfmalers MarcusTheophilus,die
charakteristischen Bildnisse des Kaisers Friedrich IV.
und dessen Gemahlin, sotvie die tief empfnndcne Gruppe
dcs Bräutigams und der Braut aus dem hohen Liede
von Egidius Schor durch den warmen Hauck des
Lebens wirksamere Geltnng gewannen. Aus der fol-
genden Abteilung, in der die Kunstentfaltung eines
umfassenden Zeitraums nur unvollständig zu Tage trat,
mag der Hinweis auf die tiroler Maler Grasm ayr,
Trogcr, GlanLschnig, Christoph, Franz und SNichcl-
angeloUnterberger,Johann undFranzZeiler, deren
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