Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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16. Iahrgang.

Beiträge

sind an Prof. Dr. L. von
§ützow (wien, There-
sianumgasse 25) oder an
die Oerlagshandlung in

11. November

Nr. 5.

Jnserato

d 25 ssf. für die drei
Mal gespaltene j)etit-

1880.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunft.

Erscheint von September bis Iuli jede woche ani Donnerftag, von Iuli bis Septeniber alle Tage, für die Abonnenten der ,,Aeitschrift für
bildende Runst" gratis; für sich allein bezogen kostet der Icchrgang 9 Mark sowolft im Buchhandel als auch bei den deutschen

und österreichischen j?oftanstalten.


^cssingausstcllung in dcr Ncrlincr Nationalgalcrie.

Es war selbstvcrständlich, daß dic nächstc der AuS-
stellungen, welche Direltor I)r. Jordan seit Eröffnung
der Nationalgalerie dem Andenkcn verstorbener Meister
zu widmen pflegt, uns ein Bild von dem Schaffen des im
Sommer dieses Äahres der Kunst entrissenen Altmeisters
Karl Friedrich Lessing entwerfen mußte. Dank dem Ent-
gegenkommen der Vorstände öffentlicher Galerien und der
Besitzer von Privatsammlungen konnte die Lessingaus-
stetlung — es ist die elfte der Sonderaussteklnngen in der
Nationalgalerie — schon in den erstenSeptembertagenmit
mehr als 500 Originalwerken (Ölgemälden, Ölskizzen,
Tuschzeichnungen, Blei- und Kreidestudien) eröffnet
werden. Einen so vollständigen Uberblick iiber die rciche
und vielseitige Thätigkcit eines MeistcrS wie z. B. die
Fenerbachanöstcllung bietet die Lessingansstcllnng frei-
lich nicht. Der Transport der großen Historienbilder
Lessings verbot sich schon ihres Umsangs willcn. Anch
sind mehrere nach Amerika gegangen, und endlich würden
die fttr die Ausstellung disponibeln Räume der National-
galerie nicht zugereicht haben, nm alle Früchtc dieses
arbcitsrcichen Lebens zn bergcn. So fehlen z. B., nm nnr
die Hauptwerke zu erwähnen, das „Traucrnde Königs-
Paar", die drei Bilder aus dcr Geschichtc Lnthcrs:
«Verbrennung der Bannbulle", „Anschlag der Thesen"
und „Disputation mit Eck", ferner „Ezzelin von den
Mönchen zur Buße ermahnt" und „Hnß vor dem
Konzil zu Konstanz." Letztere beiden gehörcn dem
Städelschen Museum in Frankfurt, welches seinen Sta-
tuten zufolge kcine Bilder verleihen darf. Schmerz-
ticher als diese Lückc wurde noch daS Fehlen dcr in

Frankfurt befindlichen Landschaften empfunden, welche
zu den schönsten des Meisters gehören. Jndeffen
konnten für die Abwesenheit jener Hauptwerke Ent-
würfe, Studien und Skizzen entschädigen, die in so
großer Zahl aus den hinterlassenen Mappen des Ver-
storbenen beschafft worden sind, daß in dem künstle-
rischen Entwicklungsgange des Meisters keine wesentliche
Lücke entsteht. Übrigens ist anch keine zweite öffent-
liche Sammlung so reich an Werken Lessings wie die
Nationalgalerie, so daß ihr bedeutendes Material gewisser-
maßen ergänzend zu der Ausstellung hinzutreten konnte.
Außer den durch Stich, Lithographie nnd Ölfarben-
drnck durch die ganzc Welt vcrbreiteten Bildcrn „Hnß
vor dem Scheiterhaufen" (1850), „Hussitenpredigt"
(1836) nnd „Schützen im Engpaß" (1851) bcsitzt die
Galerie den „Klosterkirchhof im Schnee" (1833, jüngst
ans der v. Jacobsschcn Saunnlnng in Potsdam an-
gckauft) und fünf Landschasten, ivelche den Zeitranm
von 1828 bis 1875 nmfassen.

Sonst sind von Ölgcmäldcn historischcn Jnhalts
aus der Ausstellung nur zwei vorhanden, die gerade
nicht zn dcn glücklichstcn Schöpfnngcn dcs McisterS
gchören, „Kaiser Heinrich V. vor dem Kloster Prü-
fening" (1844, aus dcr Sammlnng dcs Königs von
Hannover) nnd „Die Gefangennahme des Papstes
Paschalis ll. durch Hcinrich V." (aus dcm Privat-
bcsitzc des deutschcn Kaisers). Für lctztcres Bild hatte
er schon im Jahre 1838 einen Entwurf in Blei nnd
Scpia gcmacht, dann 1840 cinen zivciten etlvas ver-
änderten in Öl. Die Ausführung erfolgte jedoch erst
1858. Aus dcm großcn Bildc in Frankfnrt am Bkain
„Huß vor dem Konzil" (1842) hat cr nach drcizchn
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