Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Die Olympia-Ausstellung in Berlin.

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Und leidmschaftlichen und doch bescheidenen, liebens-
^ürdigen Mannes, der alle sittlichen Tngendcn in sich
^reinigte. Herr Gvnsc hat sich die Gefahren scincs
^nternehmens nicht verhehlt nnd darf stolz sein anf
^fen gutes Gelingcn; er hat dcni vcrstorbencn Freunde
schönes Dentmal gesetzt. — Zwei andere KUnstler-
biographien will ich »ur knrz crwähncn, um später aus-
führlicher darauf zurückzukommen: die des Hrn.Adeline
uber Bellanas nnd die des Herrn Sensier über
Dkillet.

Über Cogniet, der kürzlich mehr als achtzigjährig
Paris gestorben ist und 1817 dcn römischen Preis
bavontrug, wird, fiirchte ich, niemals ein Buch ge-
fchrieben werden. Er war einmal cinen Augeiiblick
hvpulär durch sein Bild „Die Tochter des Tintoretto",
^elchcs das Publiknm des Salvns vvn 1845 begeisterte.
Dkan hat das Bild vor einigen Jahren, bei Gelegen-
heit der Ausstellung zum Bestcn der Elsässer, wicder
^nmal zu Gesicht bekommen und konnte sich damals
bas Entzücken unserer Väter nur mit Mühe erklären;
der Gegenstand muß dazu beigetragen haben; denn da-
u>als spielte das gegenständliche Jnteresse cine großc
diolle. Cogniet stellte Tintoretto in dem Augenblicke
dar, da er das Bild seiner toten Tochter malt. Der
Zeichnung fehlt Bestimmtheit und der Farbe Kraft.
Durch Cogniets Tod ist ein Platz frei geworden im
füistitnt, und man bcschästigt sich schon mit der Wahl
feines Nachfolgers. Die meisten Chancen scheint Herr
Bonnat zu haben, welcher bei den letzten Wahlen
durch Herrn Delaunay geschlagen wurde. Jch wtißte
uur einen Grund, wcshalb Herr Bonnat, der ein Schüler
^ogniets ist, dcn Platz nicht erhalten kvnnte, nämlich
den, — daß cr ihn verdient.

13. Dezember.

Nachschrift. Heutc hat der Oberaussichtsrat der
fchönen Künste in der Ausstellungsfrage von 1881 cinen
kntscheidenden Bcschluß gesaßt. Jn Genehmigung der
Dorschläge des Subkomitss wurde bestimmt, den
Künstlern die ganze Angelegenheit zu überlassen; der
2ndustriepalast wird ihnen eingeräumt, eine Staats-
unterstützung zugestanden. Sie sollen sich selbst zurecht-
hnden, und um dies leichter zu bewerkstelligen, hat
nicin ihre Jnteressen in die Hände des Künstlervereins
Jelegt, an dessen Spitze gegenwärtig Herr du Som-
inerard steht, als Nachfolger des vor Jahr nnd Tag
berstorbencn Baron Taylor. Zwischen den Zeilen ge-
^fen, bedeutet dieser neue Organisationsplan, daß es
den Gegnern des Unterstaatssekretärs, HerrnTurguet,
gelungen ist, ihm den maßgebenden Einfluß auf das
^usstellungswesen zu entwinden. Herr du Sommerard
^itt an seine Stelle, und die beabsichtigte Freiheit der
Künstler soll sich erst zeigen. Jm übrigen glaube ich,

daß man sich zu dem Wcchsel Glück zu wünschen hat.
Herr du Sommcrard hat bei der Wiener Weltaus-
stellung sein Organisationstalent bewährt. Man spricht
schon von allerhand schönen Dingen, kostbaren Ta-
peten, Persischen Teppichen, seidenen Vorhängen, es ist
zum Erstaunen! Aber lieber wären mir — schöne Bilder!

A. B.

Die Olympia-Ausstellung in Berlin.

Die dritte Auflage des Katalogs der Berliner
Olympia-Ausstellung ist kürzlich erschienen und das
provisorische Museum, nördlich vom Dom, zweimal
wöchentlich zugänglich. Bis auf die Werke aus der
römischen Kaiserzeit sind die Gipsabgüsse der Skulptur-
werke vollständig vorhanden und katalogisirt. Wir ver-
danken dies hauptsächlich der unermüdlichen Energie
der Herren Curtius und Tren. Der letztere be-
findet sich bekanntlich niit seinem Generalstabe jetzt
wieder in Olympia, um dem Ausgrabungswerke den
Abschluß zu verleihen. Sobald die Summe dieser
Arbeiten gezogen ist und der fünfte Band des offi-
ziellen Olympia-Werkes vorliegt, werden auch wir in
eingehenderer und zusammenhängenderer Weise, als es
bei den gelegentlichen Referaten möglich war, einen
Gesamtüberblick über die ästhetischen und kunsthisto-
rischen Resultate geben.

Jm Hinblick auf diese größeren, nahe bevor-
stehenden Aufsätze niag es hcute genügen, kurz auf das-
jenige hinzuweisen, was in der neuen Anordnung der
Gipse besonders unsere Aufmerksamkeit verdient. Zu-
nächst sind die beiden Giebelgruppen des Zeustempels
durch neugefundene Fragmente nicht unwesentlich er-
gänzt worden. Die Möglichkeit einer sicheren Grup-
pirung der einzelnen Figuren wird damit immer größer.
Ferner hat Tren den Versuch gemacht, die Trümmer
jencr unterlebensgroßen Kämpfergruppen aus bemaltem
Kalkstein, welche mit Sicherheit dem Giebeldreieck des
Schatzhauses der Megareer zugewiesen werden, in einen
dem entsprechenden Naume einzuordnen. Es ist ihm
dies mit zwölf teilweise erhaltenen Figuren gelungen,
und wenn alle Voraussetzungen richtig sind, so haben
wir hier ein Gruppenwerk etwa aus der Mitte des
6. Jahrhunderts und zugleich die älteste uns bekannte
Füllung eines Astos vor uns.

Noch wesentlich altertümlicher ist eine etwa 0,39 in
hohe Erinys aus peloponnesischem Marmor, eines der
sprechendsten Dokumente für die gerade in Olympia so
deutlich hervortretende Thatsachc, daß etwa 100 Jahr
vom Beginn der Olympiadenrechnung an die griechische
Plastik unter nachweisbarem Einflusse von Osten und
Südosten her gestanden hat.
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