Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Korrespondenz aus München.

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sonen in kvrporlicher Rnndnng als Wachssiguren agi-
ren, hölzerne Pferde mutig über Stvck und Stein
springen, „wirkliche" Kanonen dastehen und rotes Blut
über „wirkliches" Pflaster sließt, ja selbst der eine Held
der Schlacht bei Waterloo, Wellington, genau so steif
unter seinen Rotröcken steht, als ob er von seinem
Monumcnt in London heruntergestiegen wäre, so er-
streckt sich die Wirklichkeit hier doch nnr auf die aller-
nächste Umgebung des Standortes und umfaßt nur
Landschaftliches, nicht aber Menschcn und Tiere. Man
kann daher thatsächlich von einer Malerei sprechen,
welche von Louis Braun in München entworfen und
in Vereinigung mit dem Landschastsnialer Biberstein
auf Beranlassung des Herrn Diemont von Arnheim
ausgeführt worden ist. Auch die Größe ist eine be-
dentendere als anderwärts und daher wohl geeignet,
eine Vorstellung von der gewaltigen Schlacht zu geben,
die sich hier vor uns abspielt.

Es ist der Kampf bei Sedan. Während in dcm
Antwerpencr Panorama nur der Eindruck eines einzelnen
Ereignisses, jenes berühmten Angriffs der französischen
Reiterei auf das englische Fußvolk, gewonnen wird,
zeigt sich hier die große Schlacht mit ihren niassen-
haften Kämpfern und ihrer großartigen Ausdehnung.
Es ist der Augenblick gegen Mittag gewählt, wie der
Ring zwar schon geschlossen war, von seiten der Fran-
zosen aber die Hoffnung auf einen Durchbruch noch
nicht aufgegeben wurde. Jn der That sehen wir süd-
östlich von Sedan den Vorstoß, welchen Wimpfsen ver-
suchte, um die, wie er hosfte, ermatteten Baiern aus
Bazeilles hinauszuschlagen. Aber schon wenden sich
die Franzosen, von dem vereinigten Feuer baierischcr,
hessischer nnd Preußischer Trnppen empfangen, nach der
Festnng wieder zurück. Ein noch interessanterer Kampf
entwickelt sich nördlich von Sedan bei Floing, wo die
französische Kavallerie die Höhen herabrast, nni in ver-
zweifeltem Angrisf die Reihen der Deutschen zu durch-
brechen. Noch ist der Kampf nicht entschieden, aber das
eiserne Standhalten des deutschen Fußvolks dem an-
bransenden Reitersturm entgegcn läßt dcn Ausgang
ahnen. Westlich, aus der Höhe, in der Nähe von
Frcuris bcfindet sich das Hauptgnarticr dcr Deutschcn.
Fürstcn nnd Feldherren sind von dcn Pferden abge-
stiegen und verfolgen zu Fuße den Gang der Schlacht.
Da steht König Wilhelm, ncben ihm Moltke. Etwas
abseits Prinz Karl von Preußen und Bismarck. Zum
König reitct von Nordwesten her der Krvnprinz von
Preußen mit seinem Stab, von Ulanen begleitet. Und
es ist gut, daß man diese Schlachtenlenker sieht. Man
könnte sonst in die Versuchung kommen, hier eine
Schlacht zwischen Franzosen und Baiern zu sehen, so
sehr treten hinter diesen tapfcrn Kampfcsgenossen die
übrigen deutschen Trnppen zuriick: ein Stückchen Lokal-

patriotismus, ohne welchen das Bild einen noch besseren
Eindruck niachen würde, als es übrigens der Fall ist.

Aorrespondenz.

München, im September.

Lxt. München hat mit seinen historischen Wand-
gemälden ausgesprochenes Mißgeschick. Die historischen
Fresken in den Hofgartcnarkadcn blättern sich ab und
erweisen sich zum größten Teil als auf Gips anstatt
auf nassen Kalk gemalt; die Rottmannischen italieni-
schen Landschaften ebendort leiden, kaum restaurirt,
neuerlich durch den Mauerfraß; die Giebelbilder am
Kgl. Hos- und Nationaltheater und die Wandbilder
an dcr Süd- und Westseite der neuen Pinakothek sind
seit Jahren unkenntlich geworden, und dasselbe gilt
von den Gemälden an der Fronte des Maximilianeums.
Die Restauration der historischen Arkadenfresken ist
kürzlich unter Uinständen nnterbrochen wordcn, welche
die Vermutung nahe legen, daß sie nicht wieder auf-
genommen werden wird, und was die andercn Wand-
malereien anlangt, so scheint man entschlossen, sie nach-
gerade ihrem Schicksal zu überlassen. Warum auch
nicht? Wir haben ja kein Geld sür solche Dingc!
Nur das einst so prächtige Fresco Bernh. v. Nehers
am Jsarthor: „Der Einzug Kaiser Lndwigs des Baiern
in München nach der Schlacht bci Mühldorf" hat
vor den Augen der Stadtverwaltung Gnade gefunden.
Freilich etwas sehr spät: seit Jahren kvnnte selbst die
lebhafteste Phantasie kaum mehr heraussinden, um was
es sich handelt. Man gedachte desselben gelegentlich
des vorjährigen Wittelsbachjubiläums wieder und be-
schloß, es restauriren zu lassen. Schade nur, daß der
Zustand des Bildes jede Restauration von vornherein
ausschloß. Angesichts dessen blieb nichts anderes übrig
als es neu malen zu lassen. Zum Glück besitzt die Witwe
des kvnigl. Akademie-Professors M. Echter die Nchcrsche
Originalfarbenskizze, die man bei der Neuaussührung
des Bildes benutzen konnte. Angesichts der übeln
Erfahrungen mit Fresco- nnd Wasserglasmalereien,
deren oben gedacht worden, griff man löblicherweise zu
einer neucn, von dem hiesigen Chemiker A. Keim er-
fundenen Technik, welche nach dem Urteile bewährter
Sachverständigen, wie v. Pettenkoser, bedeutende Garan-
tien für Dauerbarkeit der damit ausgeführten Malereien
bietet. Solche können u. a., ohne Schaden zu nehmen,
mit Wasser abgewaschen werden und leiden selbst bei
Anwendung von Säuren nicht. Auch lassen sie das
Restauriren größerer und kleiner Teile zu. Unter An-
wendung dieser Technik haben nun zwei Schüler Lin-
dcnschmits, Panl Wagner und Ch. Boos das Bild
neu ausgeführt. Leider läßt die Arbeit viel, sehr viel
zu wünschen Lbrig, indem die genannten Kunstjünger
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