Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Nr. 28.

16. Iahrgang.

Beiträge

!wd an ssrof. Dr. L. von
(ützow (wien, There-
Üanumgasse 25) oder an
öie verlagshandlung in
^oipzig, Gartenstr. 6,
zu richten.

21. April

Jnserate

r> 25 pf' für die drei
Mal gespaltene j)etit-

1881.

Veiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.



Die j)acquemart-Ausstellung in j)aris.

L. U. Man kann eine Stunde kaum angenchnier
verbringen. als wenn man die Ausstellung der Zeich-
nungen und Aquarelle des vor wenigen Monaten ver-
storbenen Jules Jacguemart im Cercle des Agua-
rellistes besucht. Mancher ist wohl anf den ersten Blick
enttäuscht. im ersten Saale nichts als Bleistiftdarstel-
lungen von Krügen. Flaschen, Pokalen und dergleichen
zu finden. Allein bei näherem Zusehen fühlt sich jeder zur
größten Bewunderung gezwungen. Lediglich mit deni
Bleistift hat der Künstler das Glas wiedergegeben, wie
es so zu sagen lebt, seine Durchsichtigkeit, den matten
Schimmer seiner konvexen Stellen, die langen zitternden
Lichtstreifen, kurzum all die kaum' faßbaren Effekte,
welche die Wechselwirkung des Lichtes und diescrMaterie
hervorbringt. Jst der Griff der Glaskanne von Gold
oder Silber, so treten auch diese Metalle mit unglaub-
licher Charakteristik in der Zeichnung auf und nicht
ininder ist man überrascht, mit ganz demselben beschei-
denen Hilfsmittel, dem Bleistift, die verschiedenen Edel-
steine dargestellt zu sehen, deren dunkles Feuer, deren
Blitzen, deren zartes Schimmern in aller Mannigfaltig-
keit der unerschvpftichen Natur nachgeahmt ist.

Hat nun schon der Griffel in der Hand dieses
Künstlers solche Triumphe gefeiert, so kann man denken,
welche Vollkommenheit der Pinsel erreicht, wenn er
auf den in einem zweiten Saale ausgestellten Blättern
die verschiedcnartigsten Porzellangegenstände darstellt.
Etwas Reizenderes in dieser Art läßt sich gar nicht
denken. Eine einfache milchweiße Porzellantasse mit ihren
harmlosen Blümchen wird ein Farbengedicht; man

kann an diesen Kleinigkeiten das Rätsel belauschen,
wie auch der nnbedeutendste Gegenstand in der Dar-
stellung bedeutend wird. Der Künstler nimmt die Tasse
in die Hand und sofort ist sie geweiht. Sie ist nicht
mehr ein gewvhnlicher Gebrauchsgegenstand von ein-
tönigem Weiß, sie bietet eine Fülle von Schönheiten, die
sonst unbeachtet bleiben. Ein blaues Porzellanfläschchen
mit den zahllosen bräunlichen Adern, die das Springen
des SchmelzeS allmählich in die Oberfläche zeichnet,
betrachtet man mit dem allergrößten Vergnügen. Wir
verstehen oft nicht, warum sich Kinder in derlei Sachen
vertiefen, sie lange ernsthast anschanen und ganz glücklich
dabei zu sein scheinen; der Künstler aber versteht es;
mit der nämlichen kindlichen Liebe versenkt er sich in
das Allerkleinste, überträgt es auf sein Papier, und als
würden die Stnnden der Arbeit, als würde der Ernst,
den er daran gewendet, den Gegenstand in der Dar-
stellung für uns ernsthaft machen, betrachten wir gründ-
lich das Bild, wo wir die Wirklichkeit achtlos ansehen
würden. Die fleißiger durchgebildeten Objekte sind noch
weit schoner. Wir sehen chinesische Tassen mit ihren
Figuren, Blättern und Randverzierungen, Meißener
Aschenbecher, sein und weiß mit zierlichen Rokoko-
bildchen, japanesische Lackarbeiten mit ihren Gold-
blumen und mit allen Lichtreflexen. Niemals ist die
Kunstfertigkeit der Hand, nicmals die Empfindnngs-
fähigkeit des Auges in diesen Dingen weitergegangen.

Der Künstler, der diese eigentllmlichcn und wunder-
baren Werke hervorgebracht hat, ist der Sohn Albert
Jacguemarts, dessen, in Gemeinschaft mit Edmond
le Blant im Jahre 1862 veröffentlichtc Geschichte des
Porzellans auch in deutschen Fach- und Liebhaberkreiscn
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